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       # taz.de -- Bremer Verfassungsschutzbericht: Medien haben V-Mann-Affäre vergessen
       
       > Im Bremer Verfassungsschutzbericht hat sich das Kapitel über die
       > Interventionistische Linke verdoppelt. An eine V-Mann-Affäre möchte sich
       > niemand erinnern.
       
   IMG Bild: Humor ist eine Lösung: Bremens angeblich extremistischer Buchladen, The Golden Shop, verkauft Becher mit Gütesiegel des Verfassungsschutzes
       
       [1][V-Mann-Affäre?] In Bremen? War da was? Nein, diese drei Monate von
       Januar bis April, in der Medien, allen voran das TV-Magazin „Buten un
       Binnen“ von Radio Bremen sowie der Weser-Kurier zeitweise täglich über die
       angeblich von Linksextremist:innen unterwanderte rot-rot-grüne
       Koalition berichteten und die Opposition versuchte, deren Zerfall
       herbeizuführen: Sie scheinen bereits Ende Juni vergessen.
       
       Diesen Eindruck musste gewinnen, wer vor einer Woche die Pressekonferenz
       zur Vorstellung des aktuellen [2][Verfassungsschutzberichts] besuchte.
       Normalerweise stellen bei solchen Gelegenheiten Journalist:innen
       Nachfragen, aber die überwältigende Mehrheit des guten Dutzends der
       anwesenden Reporter:innen hatte dieses Mal keine. Gar keine. Von der
       Deutschen Presseagentur kam eine Verständnisfrage, die taz ergriff dreimal
       das Wort. Auch in der Berichterstattung über die Pressekonferenz fehlte die
       V-Mann-Affäre.
       
       Lediglich die innenpolitische Sprecherin der Grünen, Kai Wargalla, forderte
       einige Tage später in einem Statement zum Verfassungsschutzbericht
       Konsequenzen. „Die öffentlich gewordene langjährige und tief ins
       Privatleben reichende Beobachtung der Interventionistischen Linken muss
       aufgeklärt werden.“
       
       Zur Erinnerung: Mitte Januar hatte die „Interventionistische Linke“ (IL)
       öffentlich gemacht, dass sie einen Verbindungsmann des Verfassungsschutzes
       enttarnt hatte, der sie [3][jahrelang ausspioniert haben soll]. Keinen
       Monat später beschuldigte das Nachrichtenmagazin Spiegel einen Bremer
       Rechtsanwalt, bei der Enttarnung in der Wohnung des V-Manns dabei gewesen
       zu sein. Der Anwalt wurde umgehend von der Koalition aus seinem Amt als
       stellvertretender Verfassungsrichter gedrängt, eine weitere linke Anwältin
       legte ihr Amt am Staatsgerichtshof ebenfalls nieder.
       
       Nachdem mehrere Anwaltsverbände diesen Vorgang als Angriff auf die
       Gewaltenteilung und damit auf die Verfassung kritisiert hatten, schossen
       sich Medien auf einen Fraktionsmitarbeiter der Linken ein, der IL-Mitglied
       sein soll. Erfahren hatte dies nach eigenen Angaben ein Reporter aus der
       Parlamentarischen Kontrollkommission, die die Arbeit des
       Verfassungsschutzes überwachen soll. Die Mitglieder sind zur Geheimhaltung
       verpflichtet, ein Verstoß ist eine Straftat. [4][Die Staatsanwaltschaft
       ermittelt.]
       
       ## Kapitel über die IL verdoppelt sich
       
       Ins Visier der Lokalmedien sowie der Opposition geriet dann Anfang März
       noch ein [5][Bremer Kulturzentrum], in dem die Rote Hilfe ein Buch
       vorgestellt hatte. Die Organisation wird ebenfalls vom Verfassungsschutz
       beobachtet. Im Raum stand der Entzug von Fördergeldern für das
       Kulturzentrum. Nicht zu vergessen der Buchladen Golden Shop, [6][über den
       der Bundeskulturstaatsminister behauptete,] er sei extremistisch, das habe
       ihm der Verfassungsschutz gesteckt.
       
       Es war also gut etwas los in Sachen Verfassungsschutz in Bremen. Und der
       legt in seinem aktuellen Jahresbericht noch einmal nach: Das Kapitel über
       die IL wuchs innerhalb eines Jahres von einer auf zwei Seiten an. Das ist
       angesichts des 236 starken Berichts zwar immer noch wenig, aber im
       Vergleich mit rechtsextremistischen und islamistischen Gruppen wiederum
       sehr viel.
       
       Neue Erkenntnisse hat der Verfassungsschutz nicht veröffentlicht – er
       zitiert dafür dieses Mal länglich aus Publikationen der IL, unter anderem
       aus dem [7][„Zwischenstandsbericht“], den die Gruppe vor zwei Jahren
       publiziert hat. Und dabei ausschließlich aus dem zweiten Kapitel, mit acht
       Seiten dem kürzesten von dreien, betitelt „Revolution, Transformation und
       Bruch“. Auf 18 Seiten hatte die IL zuvor dargelegt, warum sie angesichts
       von Kriegen, Klimakrise, diskriminierende Gewalt und Ungleichheit die
       Notwendigkeit für einen solchen Bruch sieht.
       
       „Wir begreifen Revolution als einen Prozess, in dem der bürgerliche Staat
       und seine Institutionen schrittweise überwunden werden“, lautet ein Zitat
       im Verfassungsschutzbericht. Und weiter: „Dabei können parlamentarische
       Politik und Mehrheiten bestenfalls eine untergeordnete Rolle spielen. Ohne
       mit seinen Regeln zu brechen, lässt sich das politische System nicht
       grundlegend ändern.“ Die IL begründet dies damit, dass der Parlamentarismus
       bisher nicht zu einer fundamentalen Verbesserung der Lebensumstände eines
       großen Teils der Menschheit geführt habe.
       
       ## Interventionistische Linke wird weiter beobachtet
       
       Der Verfassungsschutz sieht dies naturgemäß anders: Es handle sich bei
       dieser Einschätzung der IL um „angeblich nicht vorhandene
       Veränderungsmöglichkeiten durch demokratische Prozesse von Wahlen,
       Mehrheitsentscheidungen und Parlamentarismus“.
       
       Deshalb werde die IL auch weiter als gewaltorientierte linksextremistische
       Gruppierung beobachtet, sagt Thorge Koehler, der Leiter des Bremer
       Verfassungsschutzes im Gespräch mit der taz. Unbekannte hatten Ende Januar
       nach der Enttarnung des V-Manns [8][mit Farbe gefüllte Christbaumkugeln
       gegen sein Haus geworfen], in der er mit seiner Familie lebt sowie das Auto
       von Nachbar:innen demoliert, weil sie es für seins hielten.
       
       Koehler macht allerdings auch deutlich, wie groß die Gefahren seien, die
       von ganz anderer Seite kämen, in erster Linie Rechtsextremisten, aber auch
       von Islamisten. Hier gebe es große Überschneidungen in puncto Frauen- und
       Queerfeindlichkeit.
       
       Eine neue und beunruhigende Entwicklung sei, so Koehler, dass
       rechtsextremistische und islamistische Gruppen Themen aufgriffen, die vor
       allem unter jungen Menschen virulent seien. „Früher haben beispielsweise
       die Rechten die Themen gesetzt – jetzt greifen sie das auf, von dem sie
       wissen, dass es gut ankommt und ihnen neue Anhänger:innen beschert.“
       
       Nicht beobachtet werden aktuell christliche Fundamentalist:innen, obwohl
       sich unter diesen ebenfalls menschen- und demokratiefeindliche Positionen
       finden, die sie über soziale Medien verbreiten. Das ist in
       [9][Baden-Württemberg] anders. Dort werden laut Verfassungsschutzbericht
       aus dem Jahr 2024 zwei freie evangelische Gemeinden beobachtet. „Diese
       Gruppierungen versuchen, Queerfeindlichkeit, Antisemitismus und
       Staatsfeindlichkeit auf einer religiösen Ebene zu legitimieren.“
       
       5 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Bremer-V-Mann-Skandal/!6165839
   DIR [2] https://www.verfassungsschutz.bremen.de/sixcms/media.php/13/Verfassungsschutzbericht_2025.pdf
   DIR [3] /Verfassungsschutz-ueberwacht-Bremer-IL/!6147879
   DIR [4] /Geheimnisse-an-die-Presse-durchgestochen/!6157205
   DIR [5] /Kulturzentrum-unter-Extremismusverdacht/!6179636
   DIR [6] /Wolfram-Weimer-und-die-Buchbranche/!6157097
   DIR [7] https://interventionistische-linke.org/sites/default/files/il_zwischenstand_2024_interaktiv.pdf
   DIR [8] /Nach-Einsatz-von-V-Mann-bei-der-IL/!6148441
   DIR [9] https://im.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-im/intern/dateien/publikationen/20250626_Verfassungsschutzbericht2024.pdf
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Eiken Bruhn
       
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