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       # taz.de -- Krieg in der Ukraine: Mindestens 20 Tote durch russischen Großangriff auf Kyjiw
       
       > Bei einem russischen Großangriff auf Kyjiw sind in der Nacht zu
       > Donnerstag mindestens 20 Menschen getötet worden. Die Zahl könnte weiter
       > steigen.
       
   IMG Bild: Massive Zerstörung und 20 Tote: Kyjiw nach dem Großangriff
       
       Durch die Straße im Kyjiwer Stadtzentrum weht der warme Sommerwind den
       Geruch von verkohltem Holz und Plastik. Am Donnerstagmittag ist die
       Feuerwehr am Boulevard Taras Schewtschenko noch immer im Einsatz, um den
       Brand in einem Hotel zu löschen.
       
       Das sechste und siebte Stockwerk im ausgebauten Dachstuhl sehen schwer
       demoliert aus: Verkohlte Holzlatten ragen aus der Konstruktion, immer
       wieder fallen Teile herunter auf den abgesperrten Gehsteig, an mehreren
       Stellen tritt schwarzer und weißer Rauch aus. Sieben Löschfahrzeuge und
       Drehleitern sind im Einsatz.
       
       Anna Shewschuk beobachtet den Feuerwehreinsatz von einer Bank auf dem
       breiten Mittelstreifen des Boulevards. Nur 50 Meter weiter stand einmal
       eine große Lenin-Statue. Eine Drohne hat das Gebäude gegen Mitternacht
       getroffen. Shewschuk trägt ein T-Shirt mit dem Logo des Hotels. „Ich
       arbeite und wohne dort“, sagt die 24-Jährige und korrigiert sich: „Ich habe
       dort gearbeitet und gewohnt.“
       
       [1][Mit zwei ausgebrannten Etagen von sieben, plus dem Wasserschaden dürfte
       das Hotel wohl nicht mehr nutzbar sein.] Verletzte habe es im Hotel nicht
       gegeben. „Das ist das Wichtigste“, sagt sie. Das Haus habe rund 100 Zimmer.
       Die Gäste seien alle im Luftschutzkeller gewesen.
       
       ## Viel Glück
       
       Anna selbst hatte viel Glück. „Ich hätte die Frühschicht gehabt und habe in
       meinem Zimmer geschlafen“, sagt sie. Sie habe es noch geschafft, ihre
       Tasche mit wichtigen Dokumenten zu greifen und mit einem Tuch vor dem Mund
       durch den Rauch das Treppenhaus zu erreichen. Nun wisse sie nicht, wie es
       weitergehe.
       
       [2][Kyjiw hat in der Nacht zu Donnerstag erneut einen russischen
       Großangriff erlebt. In Bezug auf ballistische Raketen sei es der schwerste
       in viereinhalb Jahren Krieg gewesen, teilt Luftwaffensprecher Juri Ignat am
       Donnerstag mit]. Insgesamt 28 solcher Raketen seien innerhalb von wenigen
       Stunden auf die ukrainische Hauptstadt abgefeuert worden.
       
       Rauch stand am Morgen über mehreren Stadtteilen. Warnungen hatte es schon
       am Mittwoch gegeben. Gegen Abend verdichteten sich die Anzeichen. In den
       Telegramkanälen zur Flugabwehr wurde der Start strategischer Bomber von
       Flugplätzen in Russland und das Auslaufen von Marineschiffen im Schwarzen
       Meer gemeldet. Beide werden üblicherweise genutzt, um Marschflugkörper zu
       befördern. In Kombination mit den ballistischen Raketen und
       Langstreckendrohnen soll so die ukrainische Luftverteidigung überfordert
       werden.
       
       Der Alarm begann um 19.52 Uhr am Mittwoch und dauerte mehr als elf Stunden.
       Erst flogen einzelne Langstreckendrohnen entlang der belarussischen Grenze
       Richtung Kyjiw, dann kamen immer mehr in Gruppen. Viele davon mit
       Düsenantrieb statt Propellern. Das macht sie schneller. Für die Zeit ab
       0.30 Uhr war vor einer erhöhten Gefahr durch ballistische Raketen gewarnt
       worden.
       
       ## Fensterloser Raum und Hoffnung
       
       Abhängig von ihrem Startpunkt können sie Kyjiw in wenigen Minuten erreichen
       und mit großen Sprengköpfen für erhebliche Zerstörung sorgen. Wer dann
       keinen Schutzraum in der unmittelbaren Nähe hat, dem bleiben nur noch ein
       fensterloser Innenraum und Hoffnung.
       
       Im Keller eines Gebäudes unweit des zentralen Maidan-Platzes ist in der
       Nacht noch Platz. Rund 25 Menschen haben Schutz gesucht. Zwischen den
       dicken Stahlbetonwänden des Gebäudes ist es angenehm kühl. Der
       Betonfußboden ist mit alten Teppichen ausgelegt. Es gibt einen
       Trinkwasserspender und eine Toilette.
       
       Fast ein Dutzend Teenager hat es sich in einer Reihe auf Isomatten
       gemütlich gemacht, so gut es geht. Manche haben sich Kapuzen über den Kopf
       gezogen, um nicht vom grellen Licht geblendet zu werden. Einer schnarcht
       beharrlich. Andere Menschen sitzen auf Gartenstühlen und scrollen auf ihren
       Smartphones durch die Meldungen zur Flugabwehr.
       
       Eine Frau hat ihren etwa zehn Jahre alten Sohn in eine Decke eingewickelt.
       Zwischen 1.30 Uhr und 4 Uhr überschlagen sich die Meldungen: Immer wieder
       werden anfliegende ballistische Raketen aus der grenznahen russischen
       Region Bryansk gemeldet. Dazu kommen mehrmals schnelle Zirkon-Raketen. Rund
       20 schwere Detonationen lassen in dieser Zeit die Türen zum Keller
       klappern.
       
       ## Derbe Schimpfwörter
       
       Gesprochen wird kaum. Manchmal hört man ein gemurmeltes „oh Gott“ oder ein
       derbes Schimpfwort. Nach drei Uhr dringen Marschflugkörper in den
       ukrainischen Luftraum ein. Auch sie nehmen in dieser Nacht überwiegend Kurs
       auf die Hauptstadt. Gegen sie ist die Luftverteidigung aber erfolgreicher
       als gegen die Ballistik. Um jene zu stoppen, bräuchte die ukrainische Armee
       mehr Flugkörper für ihre Patriot-Systeme. Doch die sind Mangelware.
       
       Am Donnerstagvormittag zieht die Luftverteidigung Bilanz: Von 496
       Langstreckendrohnen habe man 476 abfangen können. Dazu 32 von 34
       Marschflugkörpern. Allerdings konnten nur 4 von 24 ballistischen Raketen
       gestoppt werden, die vier Zirkon-Raketen gar nicht.
       
       Die meisten Raketen flogen nach Kyjiw. Bislang 20 Tote hat der russische
       Angriff in der Nacht in Kyjiw nach Angaben von Bürgermeister Vitali
       Klitschko gefordert. Viele Menschen werden noch vermisst. Für Freitag ist
       in Kyjiw ein Trauertag angekündigt.
       
       2 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Marco Zschieck
       
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