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       # taz.de -- Libanon-Israel-Deal: 100 Klagen in 100 Tagen
       
       > Im Libanon provoziert das Israel-Libanon-Abkommen unterschiedliche
       > Reaktionen. Vor allem Punkt 13 des Deals wird heftig kritisiert.
       
   IMG Bild: Wollen Rechenschaft für die Zerstörung: libanesische Anwälte und Menschenrechtler*innen. Hier: Südlibanon, 27. Juni 2026
       
       Mohamad H. zieht gegen Israel vor Gericht. Um 23.57 Uhr, nur wenige Minuten
       bevor ein angekündigter Waffenstillstand zwischen Israel und Libanon am 16.
       April in Kraft treten sollte, bombardierten israelische Militärflugzeuge
       fünf Wohngebäude in Tyros im Südlibanon ohne Vorwarnung.
       
       Die Gebäude stürzten ein, der Angriff tötete die Mutter, Schwester sowie
       den 10-jährigen Neffen und die 4-jährige Nichte. Der 42-Jährige lebt in
       Frankreich, deshalb zieht er in Paris vor Gericht. Sein Anwalt Emmanuel
       Daoud [1][hat am Dienstag die Klage eingereicht] – wegen Kriegsverbrechen
       und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
       
       „Zivilisten sind nicht bloß Kollateralschäden“, sagte Libanons
       Vize-Ministerpräsident Tarek Mitri diese Woche vor dem
       UN-Menschenrechtsrat. Seit dem zweiten März seien über 4.000 Menschen
       getötet und 12.000 verletzt worden, so Mitri. Darunter sind laut
       Gesundheitsministerium über [2][247 getötete Kinder], mehr als 170
       Rettungssanitäter und medizinisches Personal sowie Journalist*innen.
       
       Im Libanon herrscht nun unter Anwält*innen, Wissenschaftler*innen und
       Journalist*innen die Sorge, dass diese Angriffe juristisch nicht
       aufgearbeitet werden. Vor allem auch angesichts des Abkommens, das
       Vertreter beider Länder vergangene Woche in Washington unterschrieben
       haben.
       
       ## Ärger über Punkt 13
       
       Laut diesem Deal soll die libanesische Regierung die Hisbollah entwaffnen,
       bevor die israelischen Truppen aus dem Libanon abziehen. Doch besonders
       Punkt 13 wird von einer Reihe von Rechtswissenschaftler*innen und
       Menschenrechtler*innen kritisiert. Darin schließen beide Länder
       gegenseitige Strafverfolgung vor internationalen Gerichten aus.
       
       „Auch wenn der Deal viele andere problematische Passagen enthält, fühlt
       sich dieser Punkt an wie ein Schlag ins Gesicht aller, die um Gerechtigkeit
       kämpfen“, so Karim Emile Bitar, libanesischer Politikprofessor in Paris.
       „Das Versäumnis der Hisbollah, Recht und Legitimität zu achten,
       rechtfertigt nicht, dass der Staat auf die legitimen Rechte des Libanon
       verzichtet“, kritisiert auch Diana Moukalled, Chefredakteurin des
       unabhängigen Mediums Daraj. Familien der Opfer und Rechtsexperten warnen,
       das Abkommen schränke sie darin ein, internationale Rechenschaftspflicht
       für israelische Kriegsverbrechen einzufordern.
       
       Über [3][11.000] [4][Gebäude] und ganze Grenzorte liegen komplett in
       Trümmern. 55 Dörfer hält Israels Militär weiter besetzt. Es hatte in
       mindestens 70 Dörfern und Städten Menschen mit Massenwarnungen vor
       Bombardierungen zwangsvertrieben. Mehr als 700.000 Menschen sind trotz des
       Waffenstillstands noch nicht in ihre Heimat zurückgekehrt, sagt der
       Norwegische Flüchtlingsrat (NRC). Israelische Überwachungsdrohnen fliegen
       trotz Abkommen weiter über dem Libanon.
       
       „Es ist beschämend, dass Libanons Regierung, angeführt vom ehemaligen
       Präsidenten des Internationalen Gerichtshofs, die Rechte der Opfer von
       Kriegsverbrechen auf Gerechtigkeit missachtet“, kritisiert Ramzi Kaiss,
       Libanon-Referent bei Human Rights Watch.
       
       ## Libanon habe keines seiner Rechte aufgegeben
       
       Er bezieht sich damit auf Premier Nawaf Salam. Am Donnerstag [5][erklärte
       der seine Interpretation] von Punkt 13 des Deals: Der Libanon habe keines
       seiner Rechte vor Gerichten aufgegeben. Sondern nur das Recht, vor Gerichte
       zu gehen, solange diplomatische Verhandlungen liefen. Der Libanon könne
       nicht dauerhaft auf ein solches Recht verzichten.
       
       „Das Leiden von Zivilisten zu dokumentieren und ihre Rechte zu beschützen,
       ist wichtig für uns“, betonte auch Vizepremier Tarek Mitri. Der Libanon
       habe umfangreiche rechtliche Beweise zu den mutmaßlichen Verstößen
       zusammengetragen und den UN zur Verfügung gestellt.
       
       So lange wollen viele nicht warten. [6][100 Klagen in 100 Tagen] planen
       Anwält*innen, Parlamentarier und Menschenrechtsinstitutionen, um Israels
       Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Libanon
       strafrechtlich aufzuarbeiten. Zu diesem Zweck trafen sie sich diese Woche
       in Beirut. Sie möchten Beweise für Angriffe auf Zivilist*innen, Wohnhäuser,
       Infrastruktur, Journalist*innen und medizinisches Personal vor
       verschiedene Gerichte bringen.
       
       Dabei helfen sollen vor allem Fälle von Doppelstaatler*innen wie
       Mohamad H. Wenn Gerichte im Libanon oder der Internationale
       Strafgerichtshof keine Option sind, wollen die Jurist*innen vor
       nationale Gerichte ziehen.
       
       Nationale Gerichte sind zur Hoffnung geworden, weil weder Libanon noch
       Israel Mitglied des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) sind. Der
       einzige Weg, gegen Israels Verbrechen im Libanon vorzugehen, führt über
       nationale Rechtsvorschriften, beruhend auf dem Weltrechtsprinzip.
       
       3 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.lemonde.fr/en/international/article/2026/07/02/french-justice-system-investigates-alleged-criminal-israeli-airstrikes-in-lebanon_6755085_4.html
   DIR [2] https://news.un.org/en/story/2026/06/1167736
   DIR [3] https://www.undp.org/lebanon/press-releases/rapid-damage-assessment-estimates-over-usd-138-billion-building-damage-across-south-lebanon
   DIR [4] https://www.undp.org/lebanon/press-releases/rapid-damage-assessment-estimates-over-usd-138-billion-building-damage-across-south-lebanon
   DIR [5] https://x.com/BeirutCalling/status/2072663910184865869
   DIR [6] https://nhrclb.org/en/archives/7682
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Julia Neumann
       
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