# taz.de -- Heilkräuterindustrie im Kosovo: Die Ernte nach dem Krieg
> Familienbetriebe im Kosovo beliefern große Biounternehmen mit
> Heilpflanzen für Tees und Arznei. Vor allem Frauen dominieren das
> Geschäft.
IMG Bild: Blenishta Beqiraj begutachtet die frisch gepflückten Schlüsselblumen
Als die Sonne über den Bergen im Westen des Kosovos aufgeht, hängt noch
Nebel über den Hängen. Lumnije Musaj steigt mit ihrem Mann auf einen
Traktor. Von ihrer einfachen Berghütte am Fuß der schroffen albanischen
Alpen rumpeln sie über einen schlammigen Weg hinauf zu den Hochweiden
oberhalb der Stadt Istog. Nebelschwaden stehen zwischen den Gipfeln, der
Spitzname „Verwunschene Berge“ passt heute besonders gut. Oben leuchten die
Wiesen gelb von Schlüsselblumen. Stundenlang wird sich Musaj nun über das
nasse Gras beugen und die zarten Blüten von Hand pflücken.
Zurück an der Hütte schenkt sie Mazë ein, frische Milch mit einer dicken
Schicht Rahm, ein traditionelles Getränk der [1][Bergregion]. Neben ihr
stapeln sich Jutesäcke, gefüllt mit kiloweise Schlüsselblumen. Der Wert der
Ernte: rund 200 Euro. Mit dem Handel mit Wildpflanzen, sagt Musaj, habe sie
sich ihre komplette Existenz aufgebaut. Sie zeigt auf den Stall, den
Lastwagen und die Kühe, die an den Hängen grasen.
Vor 27 Jahren stürmten serbische Paramilitärs während des [2][Kosovokriegs]
ihr Dorf. Eine Granate tötete ihren jüngsten Sohn und verletzte sie selbst
schwer. Danach konnte sie kaum noch schlafen. „Nachts sah ich sie immer
wieder“, erinnert sie sich. „Die Tschetniks, die kamen, um mir meine Kinder
wegzunehmen.“ Dann machte ein alter Familienfreund ihres Mannes ihr einen
Vorschlag. Sie solle in die Berge gehen und Blumen sammeln, wie es die
Familien hier seit Generationen getan haben. Alles, was sie mitbringe,
werde er kaufen. Er wolle ein Geschäft mit Kräutern aufbauen.
Also ging Musaj in die Berge. Sie sammelte Schlüsselblumen, Hagebutten und
wilde Heidelbeeren. Die Arbeit erschöpfte sie so sehr, sagt sie, dass sie
nachts nun wieder schlafen konnte. „In den Bergen verschwanden die
Albträume.“ Von dem Geld kaufte sie erst eine Kuh, dann eine zweite. Sie
verkaufte Käse und Rahm. Aus dem, was als Überlebensstrategie begann, wurde
mit der Zeit etwas anderes. Die Frau, die mit 12 Jahren die Schule
verlassen musste und mit 17 verheiratet wurde, stellt sich Besuchern heute
als Unternehmerin vor.
## Außergewöhnlicher Artenreichtum
Musajs Geschichte ist zugleich die Geschichte der Wiederbelebung eines
jahrhundertealten Handels mit Wildkräutern, Pilzen und Beeren.
Die Berge des Kosovos gehören zu den touristisch noch kaum erschlossenen
Naturräumen Europas. Ihre Wälder und Hochweiden sind außergewöhnlich
artenreich und von intensiver Landwirtschaft weitgehend verschont
geblieben. Hunderte Arten von Heil- und ölhaltigen „Aromapflanzen“ wachsen
hier. Über Generationen hinweg sammelten Familien auf dem Balkan Kräuter,
Beeren und Pilze als Nahrung und Heilmittel für den Eigenbedarf. Und sie
betrieben Handel. Über das damalige Jugoslawien gelangten die Produkte nach
Deutschland, in die Schweiz und nach Italien.
Dann kam der [3][Kosovokrieg von 1998/99]. Serbische Streitkräfte gingen
mit Gewalt gegen die albanische Bevölkerungsgruppe vor, um die wachsende
Unabhängigkeitsbewegung zu zerschlagen. Dabei wurden Tausende Menschen
getötet und Hunderttausende vertrieben. Ganze Dörfer wurden niedergebrannt,
die Nato griff ein, danach ging die Gewalt zurück. Straßen, Lagerhäuser und
Verarbeitungsbetriebe lagen vielfach in Trümmern. Vielerorts brachen die
staatlichen und kommunalen Strukturen zusammen.
Der Krieg zerstörte auch das traditionelle Sammel- und Handelssystem. Doch
das Wissen überlebte. Die Menschen wussten weiterhin, wo im Frühjahr die
ersten Schlüsselblumen blühten, wo nach einem Regen Steinpilze aus dem
Boden schossen und an welchen Hängen wilder Oregano wuchs.
In den Jahren nach dem Krieg wurde dieses Wissen zur Grundlage einer der
überraschendsten wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten des Kosovos.
Angetrieben von Europas wachsender Nachfrage nach Bioprodukten und
unterstützt durch internationale Hilfsprogramme bauten lokale Unternehmer –
darunter viele Rückkehrer aus der Diaspora – aus einem beinahe
verschwundenen Gewerbe eine Exportindustrie auf. Ihr Rohstoff sind vor
allem ökologisch zertifizierte Heil- und Aromapflanzen, dazu Wildbeeren,
Pilze und andere Naturprodukte aus den Bergen des Kosovos. Was einst dem
Eigenbedarf diente oder auf lokalen Märkten gehandelt wurde, erwirtschaftet
heute Millionenumsätze auf internationalen Märkten.
## Für Biotees von Sonnentor
Eine Lieferkette aus mehr als 2.000 Sammlerinnen und Sammlern, Landwirten,
Sammelstellen und Verarbeitungsbetrieben verbindet einige der abgelegensten
Dörfer des Kosovos mit 111 Kunden in 24 Ländern. Knapp 18 Millionen Euro
erwirtschaftete der Sektor im Jahr 2024, fast alles durch das
Exportgeschäft. Das Marktvolumen hat sich innerhalb der letzten sieben
Jahre nahezu verdreifacht. Deutschland, Österreich und die Schweiz gehören
zu den wichtigsten Absatzmärkten. Gemessen an der Wirtschaftsleistung des
Kosovos – die betrug 2024 rund 11 Milliarden Dollar – mag die Branche klein
erscheinen. Doch das Heilpflanzengeschäft entfaltet seine Wirkung gerade in
strukturschwachen ländlichen Regionen.
So landen die Schlüsselblumen, die Frauen wie Lumnije Musaj sammeln, in
pflanzlichen Arzneimitteln des bayerischen Herstellers Bionorica.
Hagebutten finden ihren Weg in Biotees von Sonnentor im
niederösterreichischen Sprögnitz. Wildpilze werden an Großhändler in
Italien und den Vereinigten Staaten verkauft.
Die nächste Station der Schlüsselblume liegt wenige Kilometer unterhalb
ihrer Hütte, im Weiler Majstir bei Istog. Dort kniet die 27-jährige
Blenishta Beqiraj neben Haufen gelber Blüten, sortiert sie von Hand und
schiebt gefüllte Tabletts anschließend in meterhohe Trockenkammern. Der
Raum riecht nach Kräutern und feuchter Erde. Maschinen brummen, während
Sammler und Bauern mit Säcken frisch gepflückter Schlüsselblumen
eintreffen.
An sonnigen Wochenenden während der kurzen, nur vier Wochen dauernden
Saison zieht es ganze Familien in die Berge. Es ist ein Montagvormittag,
das Wochenende war überdurchschnittlich gut: Auf rund 100 Kilogramm beläuft
sich die Ausbeute. Bis zum Ende der Saison werden hier rund 600 Kilogramm
frische Schlüsselblumen verarbeitet. Nach dem Trocknen bleiben davon nur
etwa 100 Kilogramm übrig.
Mit den Jahreszeiten wechselt auch die Ernte. Auf die Schlüsselblumen
folgen Heidelbeeren, Hagebutten und Kamille. Später kommen Pfefferminze,
Brennnesseln und Oregano hinzu. Zunehmend stützt sich das Geschäft jedoch
nicht mehr nur auf Wildsammlung, sondern auch auf den Anbau von
Heilpflanzen wie Kamille und Salbei.
## Mit Unterstützung der GIZ
Die Geschichte der Sammelstelle in Majstir beginnt mit dem Krieg. Als
Beqirajs Vater, der vor serbischen Truppen aus Albanien fliehen musste,
nach Kriegsende im Sommer 1999 zurückkehrt, findet er sein Haus
niedergebrannt vor. Das Pferd und die Kuh der Familie waren ebenfalls
verschwunden. Der Mann, der auch einst Lumnije Musaj dazu ermutigt hatte,
in den Bergen Blumen zu sammeln, bot ihm Arbeit an. Er sollte Kräuter
aufkaufen, die Dorfbewohner gesammelt hatten, und sie trocknen, bevor sie
verdarben. Anfangs arbeitete er dort, wo gerade Platz war: auf Dachböden,
in Scheunen und leerstehenden Räumen. Die Gewinnspanne war gering. Schon
wenige Regentage konnten eine ganze Ernte vernichten.
Dann kam der Durchbruch: erst ein industrieller Trockner, dann ein zweiter
und schließlich ein dritter. Finanziert wurden sie größtenteils mit
Unterstützung der deutschen Entwicklungsorganisation GIZ. Die Maschinen
beschleunigten die Verarbeitung, verbesserten die Qualität und ermöglichten
es ihrem Vater Erbini, ein eigenes Unternehmen aufzubauen.
Doch mit der steigenden Nachfrage aus Westeuropa – allen voran aus
Deutschland – wuchs der Bedarf an größeren Mengen und einer verlässlicheren
Versorgung. Pharma- und Naturproduktehersteller verlangten zunehmend
Rohstoffe, deren Herkunft und Qualität sich lückenlos nachvollziehen
ließen.
Deshalb begannen Verarbeiter und Exportfirmen, Bauern für den Anbau von
Heil- und Aromapflanzen zu gewinnen. Mit Unterstützung internationaler
Geber, darunter aus Deutschland, wurden sie im ökologischen Landbau
geschult und bei der Zertifizierung begleitet. Nach und nach entstanden
Felder mit Kamille, Pfefferminze, Zitronenmelisse, Salbei und anderen
Heilpflanzen dort, wo zuvor vor allem gesammelt wurde.
Die letzte Station auf dem Weg der Schlüsselblume nach Deutschland ist die
Verarbeitungshalle von Agroproduct, dem größten Exporteur von Heil- und
Aromapflanzen im Kosovo. In der Halle stehen Frauen in grünen
Arbeitskitteln Schulter an Schulter an den Förderbändern und sortieren die
getrockneten Blüten. In der Luft liegt der Duft von Kräutern und
Trockenfrüchten.
Zwischen Förderbändern und Kräutersäcken steht Halit Avdijaj. Kaum jemand
hat die Entwicklung der Branche so geprägt wie er. In den 1980er Jahren
floh Avdijaj vor der Repression der Serben in die Schweiz. 1998 kehrte er
zurück, damit seine Kinder in ihrer Heimat aufwachsen konnten. Dann kam der
Krieg, und seine Familie musste erneut fliehen. Als sie zurückkehrte, lag
die Region in Trümmern. Es gab keine Arbeit, viele Häuser waren
niedergebrannt. Nur die Berge standen noch.
Mithilfe internationaler Aufbauprogramme machte er sich daran, aus den
Kräutern der Berge ein Exportgeschäft zu machen. Der entscheidende
Durchbruch kam 2005. Eine von der GIZ organisierte Reise führte ihn zur
Biofach nach Nürnberg, der weltweit größten Messe für Bioprodukte. Dort
suchte er das Gespräch mit europäischen Abnehmern von Heilpflanzen und
pflanzlichen Rohstoffen. Zunächst hätten viele gelächelt, erinnert sich
Avdijaj. Also lud er sie ein, sich die Berge selbst anzusehen. Sie kamen.
Die ersten Verträge folgten. Mehr als 20 Jahre später bestehen viele dieser
Geschäftsbeziehungen noch immer.
Zu den Menschen, denen Avdijaj damals auf der Biofach begegnete, gehörte
auch Johannes Gutmann, Gründer des österreichischen Biounternehmens
Sonnentor und einer der Pioniere der europäischen Biobewegung. Gutmann
erkannte in Avdijaj ein Stück seiner eigenen Geschichte wieder. Auch er
hatte einst mit kaum mehr als einer Garage und einer Handvoll Landwirte
begonnen. Die beiden Männer wurden Geschäftspartner.
Heute zählt Sonnentor zu den langjährigsten Abnehmern kosovarischer
Kräuter. Deutschland ist inzwischen der wichtigste Absatzmarkt der Branche.
Rund 30 deutsche Unternehmen beziehen Rohstoffe aus dem Kosovo – mehr als
aus jedem anderen Absatzmarkt. „Wir schätzen den Kosovo sehr“, sagte
Gutmann der taz auf der diesjährigen Biofach. „Sie haben die Landschaften,
die Höhenlagen und die Tradition der Wildsammlung. Deshalb funktioniert das
so gut.“
## Saisonarbeiter wandern ab
Es funktioniert – noch. Wie viele andere Wirtschaftsbereiche leidet auch
die Heilpflanzenbranche unter der Abwanderung aus dem Kosovo.
[4][Saisonarbeit] in den Bergen oder auf kleinen Feldern kann mit den
Löhnen in Deutschland oder der Schweiz kaum konkurrieren. Viele junge
Menschen verlassen das Land für Jobs im Ausland, wie das kosovarische
Statistikamt weiß. Insbesondere seit 2024, als das Reisen innerhalb der EU
für Kosovar:innen visafrei möglich wurde, hat sich die Abwanderung
beschleunigt. Die Folge: Immer weniger Bauern bauen Kamille, Pfefferminze
oder Zitronenmelisse an. Nach Jahren des Wachstums hat sich die Anbaufläche
von 570 Hektar im Jahr 2020 auf nur noch 225 Hektar reduziert.
Für Toralf Richter vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau ist der
Arbeitskräftemangel weniger die Ursache als das sichtbarste Symptom eines
tieferliegenden Problems. Die Branche stößt zunehmend an die Grenzen jenes
Modells, auf dem ihr Erfolg seit 25 Jahren beruht: sammeln, trocknen,
exportieren.
Doch die Abhängigkeit von wenigen Unternehmen, die den Zugang zu
internationalen Förderprogrammen, globalen Netzwerken und Auslandsmärkten
garantiert haben, ist die Achillesferse des Systems. „Das Kosovo bräuchte
zehn Halits“, sagt Richter mit Blick auf den Agroproduct-Gründer Halit
Avdijaj. „Aber er hat nur einen.“
Mit dem, was heute im Kosovo biologisch angebaut werde, lasse sich kaum ein
heimischer Biomarkt aufbauen, sagt Richter. Für einen funktionierenden
Biomarkt brauche es auch Gemüse, Obst, Getreide und Tierhaltung. „Man muss
ja auch Brot backen können.“ Aber: „Alles dreht sich um Kräuter.“
Die starke Exportorientierung hat bisher allerdings auch für Fördergelder
gesorgt. Millionen Euro aus Deutschland flossen in Trocknungsanlagen,
Zertifizierungen und den Zugang zu internationalen Märkten.
Gleichzeitig gerät die natürliche Grundlage des Geschäfts unter Druck. Die
Branche lebt von Kosovos außergewöhnlicher Biodiversität. Doch gerade diese
Ressourcen werden immer intensiver genutzt. „Übernutzung ist ein Problem“,
sagt Avni Hajdari, Ethnobotaniker an der Universität Prishtina. Der Gelbe
Enzian sei ein warnendes Beispiel. Seine Wurzeln wurden über Jahre so
intensiv gesammelt, dass der Export schließlich verboten werden musste.
Auch Heidelbeeren und Wacholderbeeren würden teilweise zu früh geerntet
oder Pflanzen beschädigt, um das Sammeln zu beschleunigen. Langfristig
könne auch die Schlüsselblume unter Druck geraten.
## Wertschöpfung entsteht anderswo
Die Sammelbetriebe und Exportfirmen weisen den Vorwurf einer
unkontrollierten Sammlung zurück. Agroproduct verweist auf eigene „Goldene
Regeln“ für nachhaltiges Sammeln, dokumentierte Sammelmengen,
Feldkontrollen und Schulungen für Sammlerinnen und Sammler. „Man kann eine
Fläche nicht komplett abernten“, sagt Blenishta Beqiraj. „Sonst wächst dort
im nächsten Jahr nichts mehr.“
Hajdari sieht dennoch Lücken: „Ja, es gibt ein oder zwei Tage Schulung.
Aber sobald die Leute draußen auf dem Feld stehen, fragt doch keiner mehr
nach der Schulung. Viele sammeln einfach so viel wie möglich, weil sie die
natürlichen Ressourcen als Geld betrachten.“ Regeln und Kontrollen gebe es
zwar, „aber oft existieren sie nur auf dem Papier“. Geberorganisationen
fördern inzwischen auch neue Anbaumethoden und die Ausbildung junger
Agronomen.
Für Arben Mehmeti von der Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität
Prishtina reicht das jedoch nicht aus. „Wir müssen den lokalen Markt
entwickeln, junge Menschen einbinden und mehr Wertschöpfung im Land
halten.“
Noch immer verlassen Schlüsselblumen, Wacholderbeeren, Pilze und Kräuter
das Land überwiegend als Rohstoffe. Die Verarbeitung, die Marken und damit
ein großer Teil der Wertschöpfung entstehen anderswo.
Immerhin, der Wandel hat bereits begonnen. Oft sind es Frauen, darunter die
Töchter der Branchenpioniere, die ihn vorantreiben. Zum Beispiel Blerinda
und Arnita Veliu in Polac, einem landwirtschaftlich geprägten Dorf in der
zentralen Region Drenica. Während ihr Vater Xhemshir Veliu sein Unternehmen
Agro-Florentina nach dem Krieg aus einer Garage heraus aufbaute,
begleiteten die Schwestern ihn beim Pilzesammeln und Kräutersuchen in den
Bergen. Ihr Vater hatte nur einen Rat: Lernt! Geht in die Welt!
## Teeschachteln statt Kräutersäcke
Blerinda absolvierte einen Master in Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagement
in Colorado in den USA. Arnita studierte ökologischen Landbau in Italien.
Beide hätten im Ausland bleiben können. Stattdessen kehrten sie zurück. Mit
Botanic, ihrer Teemarke aus Kräutern der kosovarischen Berge, verkaufen sie
Teeschachteln statt Säcke voller Kräuter.
Für Blenishta Beqiraj in Majstir liegt die Zukunft der Branche wiederum im
Wissen, das weitergegeben wird. Während ihres Studiums der
Lebensmitteltechnologie in Prishtina gehörte Beqiraj zu den ersten
Teilnehmern eines Ausbildungsprogramms für Bioberater. Heute hilft sie
Bauern beim Umstieg auf ökologischen Anbau, bei Zertifizierungen und beim
Aufbau eigener Betriebe. Inzwischen gibt es Unternehmerinnen, die Essig aus
Wildäpfeln herstellen, ätherische Öle direkt im Kosovo destillieren oder
Gewürze aus heimischen Kräutern vermarkten. Gemeinsam stehen sie für eine
kleine, aber wachsende Bewegung junger Kosovarinnen.
Als die Abenddämmerung auf die Berge fällt, hebt Lumnije Musaj neben ihrer
Berghütte einen weiteren Sack voller Schlüsselblumen an. Auf die
Schlüsselblumen folgen die Heidelbeeren. Danach kommt die Zitronenmelisse.
Die Arbeit hört nie auf.
Morgen wird sie an einer Schulung für Frauen teilnehmen. Es geht darum, wie
man Produkte vermarktet, sichtbarer wird und ein eigenes Geschäft aufbaut.
Sie freue sich darauf weiterzugeben, was sie gelernt hat, und Frauen zu
ermutigen, die sich so etwas nie zugetraut hätten. Frauen wie sie selbst.
Musaj hat die Schule nie abgeschlossen, jung geheiratet, Kinder bekommen.
Eines verlor sie im Krieg. Sie richtet sich auf und sagt: „Jetzt bin ich
Geschäftsfrau.“
Die Recherchen für dieses Projekt wurden durch die Official Development
Assistance Germany Grants des European Journalism Centre gefördert. Das
Programm wird von der Gates Foundation unterstützt.
23 Jul 2026
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