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       # taz.de -- Neues Album der Rolling Stones: Überflüssiges spricht in Zungen zu uns
       
       > Das mittelständische Rock-'n'-Roll-Unternehmen Rolling Stones
       > veröffentlicht am Freitag das neue Album „Foreign Tongues“. Wo verbergen
       > sie ihr Geld vor dem Fiskus?
       
   IMG Bild: Da waren es nur noch drei ständige Stones: Mick Jagger, Keith Richards und Ron Wood (v. l. n. r.)
       
       Die Stones würden, so bemerkte einst Keith Richards in einem Moment
       seltener Aufrichtigkeit, einfach die Musik alter, schwarzer Männer
       nachspielen, nur schneller. Fünfzehn Jahre nach diesem Satz, plus minus,
       spielten eine Menge junger Männer und ein paar Frauen die Musik von Keith
       nach, nur schneller. Das war dann Punk, und die Rolling Stones waren erst
       einmal so beleidigt, dass sie 1978 tatsächlich noch einmal ein gutes Album
       aufgenommen haben: „Some Girls“.
       
       Das war dann doch bloß ein Strohfeuer, und es begann die bis heute
       andauernde Existenz der prototypischen Rock-'n'-Roll-Band als
       mittelständisches Unternehmen. CEO: Mick Jagger; CTO: Keith Richards.
       Dessen Produkt sind unvergleichlich gute Livekonzerte [1][und unerträglich
       schwache Alben], und nur das gelegentliche Sterben eines für unersetzlich
       gehaltenen Mitarbeiters – [2][RIP: Charlie Watts] – oder eine selbst
       gewählte Frühverrentung – RETD: Bill Wyman– stören den gemächlichen Fluss
       der Millionen in Richtung Schweiz oder Caiman Islands oder Guernsey, oder
       wo man sonst heutzutage sein Geld vor dem Fiskus versteckt.
       
       Aber dann auch wieder nicht. Momentan steht das 25. Studiowerk an, „Foreign
       Tongues“, und es soll besser sein als „Voodoo Dingenskirchen“ und etwas
       schwächer als [3][„Hackney Irgendwas“], und es wird Rocksenioren wie Steve
       Winwood oder [4][Paul McCartney] mit Punksenioren wie [5][Robert Smith]
       oder [6][Chad Smith] vereinen, und produziert hat Andrew Watt, schlanke 35,
       der sich mit den Stones ebenso auskennt wie mit [7][Iggy Pop] oder
       [8][Eddie Vedder].
       
       ## Unterschätzte Mundharmonika
       
       Und ja, Jagger haut ein paar nachgerade geniale Textzeilen raus, etwa: „Let
       the dreamers get the dream they want, my favorite joke / So pass around the
       fenty, pass around the coke …“, spielt seine ewig unterschätzte
       Mundharmonika großmäulig und breitlippig, und Nathaniel Mary Quinn hat das
       vielleicht beste Plattencover der letzten zweihundert Jahre aus dem Printer
       rutschen lassen, während ich, ein inzwischen auch wirklich und wahrhaftig
       alter Stones-Fan, der diese Band geliebt hat wie keine zweite, außer
       [9][Velvet Underground] vielleicht, diese Textzeilen so vor mich hin
       fabriziere wie Jagger und Watt vermutlich ihre Riffs und Beats.
       
       Da fällt mir auf, dass die Stones eigentlich schon immer als „forever old“
       gegolten haben, als eine Band, die in der Vergangenheit mal die Größten
       waren, aber jetzt …? „Früher, da sind ganze Saaleinrichtungen zu Bruch
       gegangen bei STONESkonzerten“, lässt Rudolf Herfurtner seinen Protagonisten
       bei einem zum Scheitern verdammten Besuch eines ebensolchen Konzerts im
       Jahr 1973 denken. Herfurtners Text erschien 1978 in der „Rocksession“,
       einem BUCH (!) eines deutschen NOBELVERLAGS (!). Goddammit, und ich selber
       war auch irgendwie unzufrieden mit meinem ersten Stones-Konzert, 1976 in
       München.
       
       Da war so ein Unwohlsein, so eine Frustration, die ich heute noch als
       Erstes fühle, wenn ich an diese unfassbar heißen Stunden des Wartens in der
       ersten Reihe der Münchner Olympiahalle denke. Und weil als Beiwerk zur
       gerade veröffentlichten Deluxe-Sonder-Must-have-Braucht-kein-Mensch-Version
       von „Black and Blue“ ein Mitschnitt eines Londoner Konzerts von selbiger
       Tour veröffentlicht worden ist, kann ich dieses Unwohlsein nun auch
       benennen: Die Stones spielten praktisch und ewig lang die ganze neue
       Platte; Lieder, die damals kein Schwein kannte und die heute jeder gern
       vergessen hat.
       
       Das wäre dem Jagger, den ich 1990 interviewen durfte, nicht mehr passiert.
       Der wusste, es ist der Singer und der Song, Baby. Der Mann war damals 47,
       und bei aller Ehrfurcht und Freude, ihm gegenüberzusitzen: Der war doch
       viel zu alt für die Bühne. Was wollte der Kerl da draußen? Was für ein
       Idiot ich doch gewesen bin!
       
       ## Jahre der Dekadenz
       
       Seit fünfzig, sechzig Jahren muss sich Sir Michael diesen Schmarrn anhören,
       als wäre er [10][Manuel Neuer] und würde ins Tor der deutschen
       Nationalmannschaft zurückdrängeln. [11][Seit den frühen Tagen unter der
       Bluesfuchtel von Brian Jones]; seit den an Kreativität kaum zu toppenden
       Jahren der Dekadenz, die 1972 in dem Doppelalbum „Exile on Main Street“
       gipfelten; in den Jahren der Ratlosigkeit, in denen andere Christen wurden
       oder Buddhisten oder einfach so vor sich hin starben; in den Jahrzehnten
       der hemmungslosen Selbstparodie und den ganzen 70. und 75. und 80.
       Geburtstagen sind mehrere Generationen von Stones-Fans selber in die Jahre
       gekommen.
       
       Und sie hatten immer die Faltenfresse von Mick und die Faltenfresse von
       Keith und die absolut lächerlichen Stachelhaare von Ronnie, um sich sagen
       zu können: Gott, sind die alt geworden; Scheiße, früher waren die echt
       besser. Aber, glauben Sie einem alten Sack, sie sind die Größten.
       
       Respekt also für dieses absolut überflüssige Plastikrockalbum, das in
       Zungen zu uns spricht, irgendwas im Sinne von: Wer nicht alt werden will,
       muss eben jung sterben. Stimmt, ein [12][Amy-Winehouse]-Cover ist auch
       drauf.
       
       10 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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   DIR Karl Bruckmaier
       
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