# taz.de -- Julian Nagelsmann tritt zurück: Dirigent eines Panikorchesters
> Julian Nagelsmann lässt sich vom DFB doch zum Rücktritt vom Amt des
> Bundestrainers bewegen. Letztlich ist er auch an seiner
> Selbstüberschätzung gescheitert.
IMG Bild: Völlig unverständlich: Julian Nagelsmann versucht, das WM-Aus zu begreifen
Überraschen konnte der Rücktritt von Julian Nagelsmann am Freitag niemanden
mehr. Zu groß war in den letzten Tagen der [1][Druck auf den Bundestrainer]
geworden, der unmittelbar nach dem [2][Ausscheiden gegen Paraguay] trotzig
verkündet hatte, er werde nicht zurücktreten. Er sei keiner, der weglaufe.
Hätte er sich nur zu dieser Frage ein wenig Bedenkzeit erbeten, wäre dieser
nun doch etwas peinliche Abgang des 38-Jährigen zu vermeiden gewesen.
Der mangelhafte Umgang mit Kritik, das bewies er auch mit dem letzten
WM-Auftritt als deutscher Nationaltrainer, war sein großes Problem. Der
Hauptverantwortliche für die Elf zu sein, deren Auftritte eine ganze Nation
seziert und zum Spiegelbild für alles Mögliche werden lässt, ist gewiss
kein einfacher Job.
Julian Nagelsmann hat sich an der Aufgabe völlig verhoben. Und er lag auch
in seiner letzten Einschätzung, er könne dem Sturm der Debatte standhalten,
daneben. Dabei war absehbar, dass Jürgen Klopp, Deutschlands größter
Liebling an der Seitenlinie, als sein möglicher Nachfolger gehandelt werden
würde.
Schon als Nagelsmann bei der Heim-EM die knappe und durchaus ehrenhafte
Niederlage gegen Spanien als großen Erfolg abfeierte, bewies er einen
veritablen Realitätsverlust. Das Aus im Viertelfinale nahm er zum Anlass
seines Bedauerns, dass man jetzt leider zwei Jahre warten müsse, bis man
Weltmeister werden könne. Diesem ohne Not aufgebauten Erwartungsdruck war
das DFB-Team, das auf etlichen Positionen mit Weltklasseteams wie
Frankreich oder England nicht konkurrenzfähig ist, nicht gewachsen.
## Verliebt in die Bedeutsamkeit seines Jobs
Die Selbstüberschätzung damals hatte schon kuriose Züge. In einer Art Rede
an die Nation verkündete Nagelsmann, der Gesellschaft würde es besser
gehen, wenn alle wie beim deutschen Nationalteam gemeinsam anpacken würden.
Und als er nach der EM seinen Vertrag beim DFB bis 2028 verlängerte,
begründete er dies damals auch mit der Wucht und Bedeutung des Teams für
die Menschen in Deutschland.
Nagelsmann hat sich nicht nur in seine eigenen Ideen, sondern auch in die
Bedeutsamkeit seines Jobs verliebt. Kritik wurde gefühlt immer mehr zur
Majestätsbeleidigung. Gerade während dieser Weltmeisterschaft wurde er von
Spiel zu Spiel schmallippiger und patziger. Seine Entscheidungen mögen alle
durchdacht und begründet gewesen sein, für das Publikum wirkten sie wegen
seiner ungeschickten Kommunikation immer mehr wie Trotzentscheidungen. Und
als man sich fast schon an diese gewöhnt hatte und das Scheitern nah war,
warf Nagelsmann seine Grundsätze doch noch auf einmal über den Haufen.
Die Stammelf, die sich unbedingt einspielen sollte, wurde mit
Einwechselspielern durchmischt, deren WM-Berufung man fast schon wieder
vergessen hatte. Deniz Undav, der von niemandem so schlechtgeredet wurde
wie von Nagelsmann, durfte plötzlich in die Startelf, Joshua Kimmich dann
doch auf die Position im defensiven Mittelfeld rücken. Am Ende war Julian
Nagelsmann wahrlich Dirigent eines Panikorchesters.
Das Problem mit der Selbstüberschätzung hat er nicht exklusiv. Beim DFB hat
sich nach dem vorzeitigen WM-Aus 2018 und 2022 aus welchen Gründen auch
immer die Überzeugung manifestiert, die Nationalmannschaft sei in Wahrheit
viel besser als in der Realität. Es bräuchte nur einen richtig guten
Trainer, um wieder auf einen guten Weg zu kommen. Nagelsmann war für diese
Sicht sehr empfänglich. Und dass nun Jürgen Klopp allseits als der kommende
Erlöser herbeigesehnt wird, könnte bald wieder zu ähnlichen Problemen
führen. Zum Glück ist die nächste Weltmeisterschaft erst wieder in vier
Jahren. Mit diesem Team dürfte es nämlich auch dann schwierig werden.
3 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Johannes Kopp
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