# taz.de -- Krieg in der Ukraine: Horrornacht im ukrainischen Sumy
> In der Stadt nahe der Grenze zu Russland sterben bei einem russischen
> Angriff in der Nacht zu Samstag mindestens vier Menschen. Dutzende werden
> verletzt.
IMG Bild: Wohnhaus in Sumy nach dem russischen Angriff am Freitagabend
In Sumy ist der Abend des 3. Juli einer der heißesten des Jahres. Viele
Bewohner*innen zieht es ins Freie, als die Hitze am späten Abend
nachlässt. Die Schewtschenko-Allee ist eine der zentralen Straßen der Stadt
im Nordosten der Ukraine – ein Ort, an dem die Einheimischen gerne Zeit
verbringen und sich mit ihren Kindern entspannen.
[1][Gegen 22 Uhr schlägt genau dort eine russische Fliegerbombe ein]. Drei
Menschen kommen sofort ums Leben, darunter ein fünfjähriges Mädchen. Etwa
30 Personen werden verletzt, darunter sieben Kinder.
Als die Rettungskräfte am Unfallort eintreffen, hätten sie Dutzende von
Opfern mit extrem schweren Verletzungen gesehen, sagt Oleg Strilka,
Sprecher des staatlichen Katastrophenschutzdienstes in der Region Sumy. Die
Menschen hätten unter Schock gestanden. Vielen seien Gliedmaßen abgerissen
worden. „Sie haben wahrscheinlich nicht einmal begriffen, was ihnen
widerfahren war“, sagte er.
[2][Der Angriff auf das Zentrum von Sumy ist Teil einer neuen Welle
russischer Angriffe mit gelenkten Flugbomben auf ukrainische Frontstädte].
Diese Bomben sind in der Luft nur schwer abzufangen. Die ukrainischen
Streitkräfte versuchen ihnen vor allem dadurch zu begegnen, dass sie die
russischen Trägerflugzeuge zerstören.
## Ein schwieriges Unterfangen
Das ist jedoch nach wie vor ein schwieriges Unterfangen. Abfangdrohnen und
spezielle Systeme der elektronischen Kampfführung zur Abwehr dieser
gelenkten Bomben befinden sich derzeit noch in der Entwicklung. Russland
setzt derartige Bomben weiterhin in großem Umfang ein. Ukrainischen
Schätzungen zufolge könnten die Bestände in die Zehntausende gehen.
Die am Unfallort eingetroffenen Rettungskräfte sind besonders vom Schicksal
einer Familie zutiefst erschüttert. „Neben dem kleinen Mädchen lag ihre
Mutter, die tödliche Verletzungen erlitten hatte. Ärzte haben versucht, das
Kind wiederzubeleben, konnten es jedoch leider nicht retten. Die ältere
Schwester des Mädchens liegt im Krankenhaus“, sagte Oleg Strilka.
Er erinnert sich, wie ein Arzt der Sanitätseinheit auf ihn zukam – ein
Mann, der im Laufe der Kriegsjahre fast alles gesehen hat. „Aber er weinte
nur. Er sagte: ‚Oleg, sieh dir an, was sie getan haben.‘“
Die Bewohner*innen des beschädigten Gebäudes und der Nachbarhäuser
verbringen den Großteil der Nacht in Schutzräumen und Kellern. Auch die
Einsatzkräfte müssen ihre Arbeit immer wieder unterbrechen. „Wenn wir
Menschen zu Krankenwagen bringen oder Wiederbelebungsmaßnahmen durchführen
mussten, drohten erneute Angriffe – sowohl durch gelenkte Fliegerbomben als
auch durch Drohnen“, sagt Oleg Strilka. „Deshalb mussten wir den Bereich
immer wieder fluchtartig verlassen.“
## Ein weiterer Toter
Am Samstagmorgen wird gemeldet, dass ein weiteres Opfer im Krankenhaus
gestorben ist. Dem medizinischen Personal gelang es zwar, den Mann in der
Nacht mehrmals wiederzubeleben, doch bis zum Morgen stirbt er. Damit steigt
die Zahl der Todesopfer auf vier.
Bei Tagesanbruch werden die Arbeiten am Ort des Angriffs wieder
aufgenommen. Einsatzkräfte räumen Trümmer beiseite und überprüfen
beschädigte Hauseingänge sowie Wohnungen. Die Druckwelle hatte Türrahmen
verzogen, sodass einige Bewohner im Inneren eingeschlossen waren.
Am Morgen finden Rettungskräfte in einer der Wohnungen eine ältere Frau,
die sich nicht aus eigener Kraft hat befreien können. Sanitäter legen sie
auf eine Trage und bringen sie ins Krankenhaus.
Wohltätigkeitsorganisationen stellen in den Innenhöfen nahe der
Einschlagstelle Zelte auf. Bewohner der beschädigten Wohnungen stehen dort
Schlange. Mitarbeiter der Organisationen helfen dabei, die durch die Wucht
der Explosion zerstörten Fenster- und Türöffnungen auszumessen und
Sperrholzplatten passend zuzuschneiden. Bewohner und Freiwillige nutzen
diese Platten, um die Öffnungen der durch die Detonation verwüsteten
Gebäude zu verschalen.
## „Uns geht es gut“
Überall knirscht Glas unter den Füßen. Vorsichtig betreten die Menschen
Wohnungen, in denen noch am Vortag Möbel gestanden, Vorhänge gehangen haben
und Fernseher gelaufen sind. Nun jedoch liegen hier die Trümmer von
Fensterrahmen, Türen und Habseligkeiten sowie Brocken der Zimmerdecke.
An den noch intakten Türen einiger Wohnungen finden sich mit Kreide
geschriebene Botschaften wie „Uns geht es gut“ – ein willkommenes Zeichen
für Rettungskräfte und Nachbarn. Dennoch sind viele Menschen in ihren
eigenen vier Wänden verletzt worden.
Doch inmitten dieser schrecklichen Tragödie zeigt sich auch etwas anderes:
wie schnell die Stadt zusammenfindet, um den Menschen in Not zu helfen.
Schon am Morgen sind Dutzende Einwohner*innen von Sumy an dem Gebäude
eingetroffen. Viele von ihnen sind junge Menschen – Männer und Frauen. Sie
übernehmen die schwersten Aufgaben: Schutt abtransportieren, Glasscherben
zusammen kehren, Wohnungen ausräumen und den Bewohnern bei der Suche nach
einigen Habseligkeiten helfen.
Zu den Freiwilligen gehört auch die 30-jährige Ekaterina Mukha. Sie lebt in
Sumy und hat die Folgen russischer Angriffe bereits mehrfach persönlich
miterlebt. „Bei mir sind schon einige Male die Fensterscheiben
herausgesprengt worden und ein Einschlag erfolgte direkt in meinem
Innenhof. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Deshalb bin ich gekommen, um den
Menschen zu helfen, die das gerade durchmachen“, sagt sie.
## Russische Aufklärungsdrohne
Kurz nachdem die Freiwilligen ihre Arbeit aufgenommen haben, werden sie in
einen Schutzraum gebracht: Über der Einschlagstelle ist eine russische
Aufklärungsdrohne gesichtet worden. Im weiteren Verlauf des Tages müssen
die Arbeiten aufgrund der Gefahr weiterer Angriffe noch mehrmals
unterbrochen werden.
Ekaterina hilft dabei, die Trümmer aus der Wohnung von Alexandra Litvinova
zu räumen. Eine Druckwelle hat fast alles zerstört. Die Wohnungsinhaberin
kann nur in kurzen Sätzen sprechen und macht häufig Pausen, um Luft zu
holen und ihre Tränen zurückzuhalten.
Sie ist erst vor Kurzem aus dem Dorf Ryschiwka nahe der russischen Grenze,
wo ihr früheres Zuhause zerstört worden war, nach Sumy gezogen. „Ich wurde
aus meinem Heimatdorf evakuiert – dort war alles zertrümmert und
niedergebrannt. Ich habe eine staatliche Entschädigung erhalten, um ein
neues Zuhause als Ersatz für das zerstörte Haus zu kaufen. Vor zwei Monaten
habe ich diese Wohnung erworben. Und jetzt liegt hier wieder alles in
Trümmern“, sagt sie.
## Wohnung voller Rauch
An Freitagabend, als der Einschlag erfolgte, habe Alexandra auf dem Sofa
gelegen und ferngesehen. Ihren Angaben zufolge habe sich die Wohnung nach
der Explosion mit Rauch gefüllt, Gegenstände sowie Trümmerteile seien
umhergeflogen. „Ich weiß nicht mehr, wie ich ins Badezimmer gekommen bin.
Es war, als wäre ich hineingezogen worden. Aber ich erinnere mich daran,
dass die Wände anfingen sich in Wellen zu bewegen“, sagt sie.
Als Alexandra versucht habe, hinauszugelangen, habe die Tür geklemmt.
„Meine Nachbarn haben mich in meiner Notlage nicht im Stich gelassen. Sie
begannen sofort zu klopfen und zu fragen, ob ich noch am Leben sei. Dann
trafen Rettungskräfte ein, machten die Tür wieder gängig und holten mich
heraus“, erinnert sich Alexandra. Für jemanden, der bereits ein Zuhause in
einer Grenzgemeinde verloren hat, sollte diese Wohnung ein Neuanfang sein.
Nun ist auch dieses neue Zuhause zerstört.
Aus dem Russischen: Barbara Oertel
4 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Anna Klochko
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