# taz.de -- Türkischer Comedian festgenommen: Lachen auf eigene Gefahr
> Deniz Göktaş wurde nach der Veröffentlichung seines Bühnenprogramms „Ölü
> Deniz“ festgenommen. In Istanbul gehen die Menschen für ihn auf die
> Straße.
IMG Bild: Freiheit für Deniz Göktaş: Demo in Istanbul am 3. Juli
Als Deniz Göktaş auf die Bühne tritt, wirkt er nicht wie jemand, den ein
Staat fürchten müsste. Schwarzer Pullover, Turnschuhe, ein Schnurrbart, das
Mikrofon locker in der Hand. Er spricht langsam, fast beiläufig. Seine
Pointen kommen nicht wie Schläge, sondern wie Gedanken, die sich erst im
Lachen entfalten. Er spricht über Recep Tayyip Erdoğan, über Nationalismus,
Religion, Psychotherapie, seine eigene kommunistische Familie und die
Absurditäten des türkischen Alltags.
Er erzählt von der Verhaftung des inzwischen [1][abgesetzten Istanbuler
Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu] und davon, wie Zensur für Künstlerinnen und
Künstler längst zum Alltag geworden ist. Neun Millionen Menschen sehen sich
sein Programm „Ölü Deniz“ an. Der Titel ist doppeldeutig: Er bezeichnet das
Tote Meer, spielt aber zugleich mit seinem Vornamen – Deniz bedeutet auf
Türkisch „Meer“. So wird aus Ölü Deniz auch ein „toter Deniz“. Wenig später
wird der Comedian bei seiner Rückkehr aus dem Ausland am Istanbuler
Flughafen festgenommen.
Einer seiner prägnantesten Sätze lautet: 1994 wurde Erdoğan zum
Bürgermeister von Istanbul gewählt – und er, Deniz, wurde geboren. Die
beiden Daten liegen für ihn nicht zufällig nebeneinander. Sie erzählen von
einer Generation, die mit Erdoğan aufgewachsen ist und nie eine andere
politische Wirklichkeit kennengelernt hat.
Geboren in Ankara, studierte Göktaş zunächst Ingenieurwissenschaften,
wechselte später zur Psychologie und fand schließlich auf die Bühne.
Bekannt wurde er zunächst durch Podcasts und Kolumnen, später mit
Stand-up-Auftritten, die sich deutlich von der klassischen türkischen
Comedy unterscheiden. Er schreit nicht, er imitiert kaum Politiker, er
sucht nicht den schnellen Gag. Seine Programme gleichen langen Erzählungen,
in denen Alltagsbeobachtungen, politische Analyse und philosophische
Abschweifungen ineinander übergehen.
Die Staatsanwaltschaft wirft Göktaş vor, religiöse Werte beleidigt und den
Präsidenten verunglimpft zu haben. Vor Gericht weist er die Vorwürfe zurück
und spricht von Satire, nicht von Beleidigung. Sein Anwalt kritisiert, die
Ermittler hätten einzelne Passagen aus dem Zusammenhang gerissen. Zudem
seien Bilder des gefesselten Comedians mehrfach für Kameras inszeniert und
ein Drogentest angeordnet worden – gezielte Demütigungen, sagt die
Verteidigung.
## Inzwischen im Hochsicherheitstrakt
Während Göktaş inzwischen in einem Hochsicherheitstrakt sitzt, versucht er,
sich seinen Humor zu bewahren. Er lasse ausrichten, es gehe ihm gut, er
schaue Fußball und schreibe bereits an einem neuen Podcast. Vor den
Gefängnismauern wächst der Protest: Am [2][Freitag forderten Hunderte
Menschen in Istanbul seine Freilassung,] auch [3][CHP-Vorsitzender Özgür
Özel] besuchte den Comedian.
Der Zeitpunkt von Göktaş' Festnahme könnte symbolischer kaum sein. Während
Ankara sich außenpolitisch als unverzichtbarer NATO-Partner präsentiert und
internationale Gipfel vorbereitet, verschärft sich im Inneren die
Repression gegen oppositionelle Politiker, Journalisten, Künstler und
Aktivisten. Die Türkei bemüht sich um das Bild eines strategisch
unentbehrlichen Bündnispartners – und führt gleichzeitig Prozesse gegen
einen Comedian, weil Millionen Menschen über seine Witze lachen.
5 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Schlag-gegen-Opposition-in-der-Tuerkei/!6181672
DIR [2] https://www.bbc.com/turkce/articles/ckg5pzyxg9ro
DIR [3] /Opposition-in-der-Tuerkei/!6189263
## AUTOREN
DIR Derya Türkmen
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