# taz.de -- Türkei vor dem Nato-Gipfel: Auf dem Gipfel der Macht
> Beim Nato-Gipfel präsentiert sich Recep Tayyip Erdoğan als
> unverzichtbarer Partner des Westens. Im eigenen Land treibt er den Umbau
> der Opposition voran.
IMG Bild: Neues Machtzentrum: Internationale Gipfel holt Erdoğan erstmals aus den Bosporus-Palästen nach Ankara
Wer in Ankara den Hinweisschildern zum Atatürk Orman Çiftliği – dem
Atatürk-Waldbauernhof – folgt, erlebt am Ende eine Überraschung: Nicht der
vom Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk angelegte landwirtschaftliche
Musterbetrieb erwartet die Besucher:innen, sondern ein massiv gesichertes
Areal auf dem Gelände der ehemaligen Versuchsanlage. Innerhalb des
umzäunten Geländes erhebt sich eine Vielzahl osmanisch-seldschukisch
anmutender Bauten. Das weitläufige Palastareal erinnert an den
Regierungssitz der osmanischen Sultane auf der historischen Halbinsel in
Istanbul – nur dass es heute in Ankara steht und als Residenz von Recep
Tayyip Erdoğan dient.
Die Anlage auf einem Hügel im Westen der Stadt ist Erdoğans Antwort auf
Atatürks Entscheidung, die Hauptstadt der jungen Republik von Istanbul nach
Ankara zu verlegen und dort eine moderne Hauptstadt nach europäischem
Vorbild zu errichten. Bis zu Erdoğans Präsidentschaft residierten die
Staatspräsidenten in einem vergleichsweise bescheidenen Gebäude im Zentrum
Ankaras. Heute gleicht der Präsidentenpalast einer verbotenen Stadt in der
Stadt.
Am 7. und 8. Juli findet hier der Gipfel der westlichen
Verteidigungsallianz Nato statt – mitten in Erdoğans Palastareal. Noch ist
das mit Nato-Fahnen geschmückte Tagungsgebäude innerhalb des hermetisch
abgeschirmten Geländes von der Straße aus zu sehen. Während des Gipfels
wird hier niemand mehr vorbeifahren dürfen. Internationale Gipfel ließ
Erdoğan bislang meist in den osmanischen Palästen am Bosporus ausrichten.
Diesmal empfängt er die Staats- und Regierungschefs in seiner eigenen
Residenz – und rückt seinen Palast in Ankara ins Zentrum der
Weltöffentlichkeit.
Und mit ihm Erdoğan selbst. Der russische Angriff auf die Ukraine sowie die
Kriege der USA und Israels im Nahen Osten haben den türkischen Präsidenten
in eine herausragende geopolitische Position gebracht: als Vermittler,
Ansprechpartner und vermeintlichen Stabilitätsanker der Region. Zugleich
hat die Türkei lange vor vielen anderen Nato-Staaten massiv in ihre
Rüstungsindustrie investiert – ein Kurs, der Erdoğan heute innerhalb des
Bündnisses Anerkennung einbringt. Eine Woche vor Beginn des Gipfels
besuchte EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas ihn in seinem Palast und lobte
anschließend die Produktivität der türkischen Rüstungsindustrie sowie
Erdoğans Weitsicht.
## Trump reist wegen Erdoğan nach Ankara
Nicht nur aus Brüssel kam Anerkennung. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz
telefonierte noch vor dem Gipfel mit Erdoğan, um auszuloten, welche
Erwartungen der türkische Präsident an das Treffen knüpft. Erdoğan machte
deutlich, dass er die Einbeziehung der Türkei in das europäische
Aufrüstungsprogramm erwarte. Zugleich bemühte sich Ankara, Sorgen über das
Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump zu zerstreuen. Trump werde in
Ankara nicht die Nato sprengen, versicherte Verteidigungsminister Yaşar
Güler eine Woche vor dem Gipfel. Regierungsnahe Medien stellen dies als
Erfolg Erdoğans dar: Trump reise vor allem nur wegen Erdoğan zum
Nato-Gipfel nach Ankara.
Für die knapp 6 Millionen Einwohner Ankaras – und vor allem für Erdoğans
Kritiker – ist der Gipfel dagegen alles andere als ein Grund zur Freude.
Seit Montag vergangener Woche herrscht in der Hauptstadt eine Art
Ausnahmezustand. Demonstrationen sind verboten, Flugblätter dürfen nicht
verteilt und Pressekonferenzen der Zivilgesellschaft nicht abgehalten
werden. Das Parlament, die Universitäten und zahlreiche andere
Institutionen bleiben während der Gipfelwoche geschlossen, ebenso etliche
Straßen und Metrostationen. Außerdem wurden rund 50.000 Straßenhunde
eingefangen. Tierschützer wissen nach eigenen Angaben nicht, wohin die
Tiere gebracht wurden. [1][Seit Inkrafttreten des umstrittenen Gesetzes zum
Umgang mit Straßenhunden im vergangenen Jahr befürchten sie, dass viele von
ihnen getötet werden.]
Schon Tage vor dem Gipfel prägen Polizei und Militär das Straßenbild
Ankaras. Zehntausende zusätzliche Polizisten hat Erdoğan neben der ohnehin
hohen Polizeipräsenz in der Hauptstadt aufgeboten, an den großen
Zufahrtsstraßen wurden Straßensperren vorbereitet.
Eine Woche vor dem Gipfel prangerte Oppositionsführer Özgür Özel im
Parlament die Repressionen der Regierung an. Vor seiner Fraktion erklärte
er, mit ihren exzessiven Sicherheitsmaßnahmen bringe die Regierung die
eigene Bevölkerung in Bedrängnis. „Im Vorfeld des Gipfels hat die Regierung
225 Personen festnehmen lassen, 178 von ihnen wurden ins Gefängnis
gesteckt. Niemand kann dieses Vorgehen als normal ansehen.“
Für besonderes Aufsehen sorgte die Festnahme von mehr als 40
Umweltschützern der Tema-Stiftung, einer bürgerlichen
Naturschutzorganisation, die politische Auseinandersetzungen sonst
konsequent meidet. Sie wurden bei einem Picknick festgenommen. Am meisten
unter Druck steht allerdings Özgür Özel selbst. Der Vorsitzende der
Republikanischen Volkspartei (CHP) ist inzwischen zur wichtigsten
Zielscheibe der Justiz geworden. Gegen ihn laufen mehrere Verfahren,
zugleich versucht die Regierung, ihm über Gerichte den Parteivorsitz
streitig zu machen.
## Vielleicht sehen wir Özgür Özel das letzte Mal in Freiheit
Am 21. Mai setzte ein Gericht auf Drängen des Palastes Özgür Özel als
Vorsitzenden der CHP ab. Zur Begründung verwies es auf angebliche
Unregelmäßigkeiten bei seiner Wahl im Jahr 2023. An seine Stelle rückte der
frühere Parteivorsitzende Kemal Kılıçdaroğlu. Für viele in der Opposition
gilt er seither als Parteichef von Erdoğans Gnaden. Seine Rückkehr stürzte
die CHP in eine der schwersten Krisen ihrer mehr als hundertjährigen
Geschichte.
Dass Özel inzwischen selbst jederzeit mit seiner Festnahme rechnen muss,
wurde Anfang Juni auch für eine deutsche Delegation greifbar. Eine
Solidaritätsdelegation der SPD besuchte den CHP-Vorsitzenden in Ankara. Mit
dabei waren der frühere Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Alexander
Schweitzer, und die SPD-Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments,
Katharina Barley. Ein Teilnehmer berichtete später, das Treffen sei
„berührend“ gewesen.
Sie trafen Özel erst um 22 Uhr im Parlament, wo er seit seiner gewaltsamen
Räumung aus der CHP-Zentrale seine politische Arbeit organisiert. Özel, so
schilderten es die Besucher, arbeite bis tief in die Nacht und sei morgens
um sechs bereits wieder unterwegs. Hinterher habe man in der Delegation
gesagt, man habe ihn womöglich zum letzten Mal in Freiheit gesehen. In
Ankara rechnen viele damit, dass Erdoğan nach CHP-Präsidentschaftskandidat
Ekrem İmamoğlu bald auch Özel festnehmen lassen könnte.
Fordert die SPD deshalb nun Sanktionen gegen Erdoğan? Danach sieht es nicht
aus. Die CHP weiß, dass sie vom Westen außer Solidaritätsbekundungen nicht
viel zu erwarten hat. Sie muss sich auf sich selbst verlassen – auf ihre 2
Millionen Mitglieder und ihre Wählerinnen und Wähler, sagt Aylin Nazlıaka.
Die langjährige CHP-Politikerin gehört seit vielen Jahren dem
Parteivorstand an und war drei Legislaturperioden Abgeordnete. Sie empfängt
die taz in einem Sitzungssaal der CHP im Parlament – nicht mitten in der
Nacht wie Özgür Özel, sondern an einem Nachmittag.
Während Erdoğan und die regierungsnahen Medien unablässig von einer
Spaltung der CHP sprechen, widerspricht Nazlıaka entschieden: „Es gibt
keine Spaltung der CHP. Kemal Kılıçdaroğlu sitzt mit einer Handvoll Leuten
in der Parteizentrale und versucht verzweifelt, von dort aus Leute zu sich
herüberzuziehen. Aber 95 Prozent unserer Mitglieder und unserer Wählerinnen
und Wähler unterstützen uns, die ‚Özel-CHP‘.“
Özel und seine Vorstandskolleg:innen wollen Kılıçdaroğlu die CHP nicht
überlassen. „Es ist unsere Partei“, sagt Nazlıaka. „Wir kämpfen darum.“ Der
„legitime“ Parteivorstand versucht nun durchzusetzen, dass möglichst rasch
ein Parteikongress stattfindet, auf dem ein neuer Vorsitzender gewählt
beziehungsweise Özel im Amt bestätigt wird. Doch Kılıçdaroğlu hat als
formaler Parteichef die Macht, die Einberufung des Parteitags so lange
hinauszuzögern, wie er Zeit braucht, um überall Kader seiner Wahl
einzusetzen. Deshalb wird innerhalb der Özel-CHP der Ruf nach einer
Neugründung der Partei immer lauter. „Wir müssen aber darauf achten, unsere
Mitglieder in einem solchen Prozess mitzunehmen. Sie müssen sehen, dass wir
um die Partei gekämpft haben.“ Wohl auch deshalb würden nicht alle
Funktionäre und Abgeordneten mitgehen. „Es gibt immer Leute, die ihre
Karriere über das Wohl ihrer Wählerinnen und Wähler und des Landes
stellen“, sagt Nazlıaka. „Ein kleiner Teil, vielleicht 30 der derzeit 138
Abgeordneten, würde wohl bei Kılıçdaroğlu bleiben.“
Trotzdem treibt die politische Entwicklung auf eine Parteineugründung zu.
In Ankara hält sich hartnäckig das Gerücht, Erdoğan werde Özel unmittelbar
nach dem Nato-Gipfel, wenn die Staats- und Regierungschefs das Land wieder
verlassen haben, noch vor der Sommerpause die parlamentarische Immunität
entziehen lassen, um seine Inhaftierung vorzubereiten. Man müsse sich
deshalb beeilen, die Weichen für die Zukunft zu stellen. Auch Ekrem
İmamoğlu, der inhaftierte Präsidentschaftskandidat und neben Özel die
wichtigste Figur der neuen CHP, dränge auf eine Parteineugründung, erzählt
Aylin Nazlıaka.
Es wäre nicht das erste Mal, dass es die CHP praktisch zweimal gibt. Nach
dem Militärputsch vom September 1980, als die Generäle alle politischen
Parteien verboten, gründete Bülent Ecevit, einer der populärsten
sozialdemokratischen Politiker der Türkei und spätere Ministerpräsident,
eine neue Partei – noch bevor die alte CHP wieder zugelassen wurde. Nach
Ecevits Tod fanden beide Parteien wieder zusammen.
Die Situation ist heute zwar eine andere. Doch Aylin Nazlıaka ist
überzeugt, dass es Erdoğan auch mit Repression und der Verhaftung von
Parteiführern nicht gelingen wird, die CHP zum Schweigen zu bringen. „Nach
İmamoğlu und Özel wird es andere geben. Die CHP als Gründungspartei der
Republik und Repräsentantin des säkularen Teils der türkischen Gesellschaft
wird nicht verschwinden.“
## Mit einem autokratischen Regime konfrontiert
Seit Erdoğan vor eineinhalb Jahren mit der systematischen Verhaftung von
CHP-Bürgermeistern und Parteifunktionären begann, hat er parallel dazu die
zweite große Oppositionspartei, die prokurdische DEM, versucht auf seine
Seite zu ziehen. Bei den Kommunalwahlen im Frühjahr 2024 hatten beide
Parteien noch erfolgreich zusammengearbeitet und so die AKP Erdoğans vom
ersten Platz verdrängt. Danach starteten Erdoğan und sein Koalitionspartner
Devlet Bahçeli, der Chef der rechten MHP, die Initiative „Terrorfreie
Türkei“.
Die kurdische Guerilla PKK solle die Waffen niederlegen und sich auflösen,
dafür würde ein Teil der PKK-Mitglieder, die sich jetzt überwiegend im
Nordirak aufhalten, wieder in der Türkei integriert werden und die Rechte
der kurdischen Minderheit insgesamt gesetzlich neu definiert. Der
inhaftierte historische Gründer der PKK, Abdullah Öcalan, unterstützte die
Initiative und setzte damit den Auflösungsprozess der PKK in Gang. Die DEM,
als parlamentarischer Arm der kurdischen Bewegung, war und ist für die
Vermittlung zwischen PKK und Regierung zuständig und trieb die
Neuausrichtung der Kurdenpolitik im Parlament voran.
Zunächst ging das Kalkül von Erdoğan auch auf. Die DEM sah der Demontage
der CHP weitgehend passiv zu. Doch das ändert sich im Moment. Die PKK hat
zwar längst ihre Waffen niedergelegt und ihre Auflösung beschlossen, doch
das versprochene Wiedereingliederungsgesetz lässt auf sich warten, und auch
die Neuordnung der türkischen Kurdenpolitik bleibt bislang ein frommer
Wunsch der DEM.
Auch bei der prokurdischen DEM-Partei wächst der Frust. Sie will sich von
Erdoğan nicht länger gegen die CHP ausspielen lassen. „Wir erkennen nur
Özgür Özel als legitimen CHP-Vorsitzenden an“, sagt Fraktionschef Sezai
Temelli der taz. „Politik durch Gerichtsentscheidungen zu betreiben, haben
wir selbst oft genug erlebt. Das akzeptieren wir nicht.“ Viel ausrichten
kann die DEM im Moment allerdings nicht. Für die Aufhebung von Özels
parlamentarischer Immunität braucht Erdoğan ihre Stimmen nicht – dafür
reicht der AKP ihre eigene Mehrheit.
Anders könnte es bei einer vorzeitigen Auflösung des Parlaments aussehen.
Nach der Verfassung darf Erdoğan nicht noch einmal als
Präsidentschaftskandidat antreten – es sei denn, das Parlament löst sich
vorzeitig auf und setzt Neuwahlen an. Die DEM rechnet damit, dass Erdoğan
Ende 2027 einen solchen Schritt versuchen wird, um spätestens im April 2028
wählen zu lassen. Ob er dafür auf die Stimmen der DEM angewiesen wäre, ist
ebenso offen wie die Frage, ob die Partei einem solchen Vorhaben zustimmen
würde. „Wir sind nicht naiv“, sagt Temelli. „Wir sehen natürlich, dass
Erdoğan auf ein immer autoritäreres Regime zusteuert.“ Innerhalb der Partei
wächst offenbar der Widerstand dagegen, sich dafür von Erdoğan einspannen
zu lassen. „Wir warten jetzt ab, welche Gesetze der Palast uns vorschlagen
wird. Dann werden wir sehen, ob wir das akzeptieren können“, sagt Temelli.
Aus Sicht der Nato-Staaten und der EU sitzt Erdoğan offenbar fest im Sattel
und wird die Türkei auf absehbare Zeit weiter regieren. Die Innensicht des
Landes ist jedoch eine andere. Erdoğan gewann seine Mehrheiten einst vor
allem, weil die Türkei unter seiner Führung einen wirtschaftlichen
Aufschwung erlebte. Doch diese Zeit ist längst vorbei. Schon vor der
Coronapandemie geriet die Wirtschaft in die Krise, Erdoğans unorthodoxe
Zinspolitik trieb die Inflation zeitweise auf bis zu 80 Prozent. Noch immer
liegt sie zwischen 30 und 50 Prozent, die türkische Mittelschicht verarmt.
Entsprechend unpopulär ist der Präsident inzwischen. Oppositionspolitiker
wie Ekrem İmamoğlu, Özgür Özel oder Ankaras Oberbürgermeister Mansur Yavaş
hätten alle das Potenzial, Erdoğan bei freien Wahlen zu schlagen. Doch
vieles spricht dafür, dass Erdoğan solche Wahlen nicht noch einmal zulassen
will. Die eigentliche Frage ist deshalb, ob die türkischen Wählerinnen und
Wähler das hinnehmen werden.
Sinnbildlich stehen sich in Ankara zwei Entwürfe für die Zukunft der Türkei
gegenüber. Im Osten der Stadt blickt Atatürk vom Reiterstandbild über
Ankara nach Westen. Dort thront auf einem Hügel Erdoğans
osmanisch-seldschukischer Palast – als Gegenentwurf zur Republik, die
Atatürk einst gründete. Welche dieser beiden Ideen von der Türkei die
Zukunft prägen wird, ist die eigentliche Frage hinter diesem Nato-Gipfel.
7 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Jürgen Gottschlich
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ist.