# taz.de -- Venezuela 11 Tage nach dem Erdbeben: Überleben inmitten der Trümmer
> Die internationalen Teams zur Suche nach Überlebenden haben sich aus
> Venezuela zurückgezogen. Angehörige graben weiter selbst nach ihren
> Toten.
IMG Bild: La Guaira, Venezuela: Helen Guedez zeigt auf die Reste des Hauses, unter dem ihr Vater und ihr Bruder begraben liegen
Die Venezolaner lieben ihre Hochhäuser so sehr, dass sie ihnen Namen statt
Hausnummern geben: Los Rosales, Coral Park, Mar y Cielo, Maribel. Namen,
die nach venezolanischer Telenovela klingen. An diesem 24. Juni wurden aus
den architektonischen Träumen Massengräber.
Ronaldo Silva hatte sich insgeheim gefragt, ob sein Hochhaus „Duma“ ein
Erdbeben überleben würde. Der 28-jährige Architekt wusste, dass in seinem
Stadtviertel Los Palos Grandes bei einem Erdbeben vor 59 Jahren mehrere
Hochhäuser eingestürzt waren, weil genau dort eine tektonische Verwerfung
läuft.
Die zwei [1][kurz aufeinanderfolgenden Erdbeben vom 24. Juni] trafen
Ronaldo dennoch unvorbereitet. Bücher, der Fernseher, Geschirr fielen auf
den Boden. „Ich lief auf den Flur und klammerte mich an die Säule neben dem
Aufzug“, erzählt er 10 Tage später. „Ich wusste, dass ich vom 9. Stock
sowieso nicht rechtzeitig runterkommen würde und bei einem Einsturz mehr
Chancen hätte, gerettet zu werden, wenn ich in meinem Stock bleibe.“
So weit kam es Gott sei Dank nicht. Das Hochhaus „Duma“ überstand auch sein
zweites Erdbeben. Anders das Hochhaus „Petunia“ im selben Viertel. Die
Erdwellen ließen es zusammenfallen wie ein Kartenhaus. 35 Menschen wurden
in den Trümmern von Petunia begraben, 28 überlebten.
## Hilfe statt Trauer
Ronaldo Silva ist mit dem Schrecken davongekommen und hilft nun
Erdbebenopfern. Zusammen mit seinen Freundinnen Osdalis und Albany bittet
er um Spenden in seinem Freundes- und Bekanntenkreis und kauft damit
Lebensmittel, Medikamente und Hygieneartikel. Eine Bekannte im Krankenhaus
sagt ihnen, was gebraucht wird. „Es hilft einem, emotional mit dem Unglück
fertig zu werden, wenn man etwas tun kann“, sagt Albany, 29 und ebenfalls
Architektin.
Die [2][Hilfsbereitschaft der Venezolaner nach dem Erdbeben] ist überall zu
beobachten. Luis, ein rund 50-jähriger hochgewachsener Mann mit blondem
Bart, räumt seit 10 Tagen die Trümmer von Hochhaus Petunia frei. Sein Sohn
wohnte im Hochhaus gegenüber. „Ich konnte noch nicht weinen, nur wenn ich
auf meinem Motorrad unterwegs bin, kommen mir wie aus heiterem Himmel
Tränen.“ Edwin Goitia ist 68 Jahre alt und kommt jeden Tag nach Los Palos
Grandes, um Trümmer wegzuräumen. „Ich bin Rettungshelfer, da kann ich doch
nicht anders“. Weitere Freiwillige versorgen die Menschen, die nun
obdachlos sind, mit Essen und Wasser.
Das Erdbeben hat in der Hauptstadt Caracas mehrere Hochhäuser zum Einsturz
gebracht und viele unbewohnbar hinterlassen. Doch das ganze Ausmaß des
Erdbebens wird erst in La Guaira sichtbar.
## Wie im Krieg
La Guaira ist der Hafen von Caracas, gleich daneben liegt der
internationale Flughafen Maiquetía. Eine vierspurige Autobahn führt in 40
Minuten von Caracas hinunter an die Küste. An den Hügeln kleben kleine,
selbstgebaute Häuschen, die einen bunt bemalt, die anderen im ewigen
Rohbau. Hier in den „barrios“ wohnen die Armen Venezuelas. Ihre Häuschen,
obwohl notdürftig selbst gebaut, kleben an den Felsen und haben kaum
Schaden erlitten.
Vor 27 Jahren war das anders. 1999 haben zahlreiche Erdrutsche nach
Dauerregen in La Guaira [3][bis zu 30.000 Todesopfer] auch in den „barrios“
gefordert. Hugo Chávez war damals gerade ein knappes Jahr im Amt und verbat
sich ausländische Hilfe. Viele der Menschen, die damals ihre Häuser
verloren, wurden in neuen, von der Regierung gebauten Wohntürmen an der
Küste untergebracht.
Das Erdbeben traf Reiche wie Arme gleich. Sozialwohnungen stürzten ebenso
ein wie schicke Hotels oder solide gebaute Hochhäuser.
Die Region La Guaira ist mit Hafen und Flughafen nicht nur ein rühriger
Umschlagsplatz für Waren, sondern mit ihren vielen Stränden auch beliebter
Ausflugs- und Ferienort. 10 Tage nach dem Erdbeben erinnert nur noch ein
stehengebliebenes Riesenrad an den ehemaligen Vergnügungspark. Im Umkreis
von vier hohen Getreidesilos riecht es süßlich nach Verwesung. Auf dem
Gelände warten die Leichen, die aus den Trümmern gezogen wurden, auf
jemanden, der sie identifiziert. 3.342 Tote hat die Regierung inzwischen
bestätigt, vermisst werden noch Tausende, wenn nicht Zehntausende.
Man hat Venezuela ob seiner Dauerkrise mit Hyperinflation,
Lebensmittelknappheit und anschließender Massenemigration oft mit einem
Land im Kriegszustand verglichen, ohne dass ein Krieg stattgefunden habe.
Seit dem 24. Juni sieht Venezuela, zumindest in La Guaira, tatsächlich wie
ein Kriegsgebiet aus – eine Trümmerlandschaft und darin herumirrende
Menschen.
## Menschen im Schock
Die Hochhäuser entlang der Küstenstraße sind in sich zusammengefallen.
Einige schienen sehr gut gebaut zu sein. Aber das Zwillingsbeben hat den
sandigen Untergrund einfach durchgerührt. Wer im Erdgeschoss oder in den
unteren Stockwerken wohnte, hatte kaum eine Chance, zu entkommen. Nach 10
Tagen besteht kaum noch Aussicht, jemanden lebendig zu finden. Die meisten
spezialisierten Rettungsteams aus aller Welt haben sich zurückgezogen. Nur
Angehörige suchen in den Trümmern immer noch nach ihren Lieben. Sie wissen,
dass sie sie höchstwahrscheinlich nur tot auffinden werden.
Eine junge Frau sucht im Hochhaus „Mar de Leva“ nach ihrem Vater und ihrem
Bruder. Seit 10 Tagen schlafen ihre Leute und sie auf einer Matratze an der
Eingangstür, die erstaunlicherweise stehen geblieben ist. Gebettelt haben
sie um Maschinen und Geräte. Geld gesammelt und selbst welche gekauft. Dann
kamen Soldaten und haben die Geräte beschlagnahmt, sie würden an anderer
Stelle gebraucht. Helen Guedez erzählt all das zum x-ten Male, ihre Mutter
kommt hinzu. Bricht nach drei Sätzen in Tränen aus. Am Samstag wurde die
Großmutter geborgen. Tot. Und der Hund. Der hat überlebt. Helen tröstet
ihre Mutter. Sie selbst spricht ruhig und gefasst, mit versteinertem
Gesicht, koordiniert mit dem Baggerführer und seinem Team, die die Trümmer
vorsichtig freilegen.
Hilfsorganisationen haben Feldspitäler aufgebaut, verteilen Lebensmittel
und koordinieren Zeltstädte für die Wohnungslosen. Über der Unglücksstelle
schweben die weißen Hubschrauber des Hilfskontingents, das Donald Trump
geschickt hat. Anders als Hugo Chávez 1999 hat Präsidentin Delcy Rodríguez
um ausländische Hilfe gebeten.
Doch zu spät. Allenthalben ist zu hören, [4][dass der venezolanische Staat
nicht rechtzeitig vor Ort gewesen] sei. Dass die ersten Tage nur Nachbarn,
Freunde, Familien geholfen hätten, mit bloßen Händen nach Verschütteten
gegraben. Dass die Leute von Caracas in Scharen ihre Motorräder mit Wasser,
Lebensmitteln und Schaufeln beladen hätten und nach La Guaira gefahren
seien. Ganz Venezuela hat Hilfe geleistet, nur nicht diejenigen, die das
eigentlich tun sollten.
Die Soldaten, meist blutjung und spindeldürr, die im Erdbebengebiet
herumstehen, beteiligen sich nicht an den Aufräumarbeiten. „1999 war das
Militär noch für Katastropheneinsätze ausgebildet, heute sind unsere
Soldaten nur noch dazu ausgebildet, die Opposition niederzuhalten, und
stehen bei Hilfseinsätzen nur herum“, beschreibt es der Journalist Leon
Hernández.
## Eine Regierung von Gnaden Donald Trumps
Ob dem physischen Erdbeben auch ein politisches Erdbeben folgen wird, hängt
davon ab, wie lange die US-Regierung Delcy Rodríguez im Amt lassen wird.
Nachdem US-Streitkräfte am 3. Januar gewaltsam Nicolás Maduro und seine
Frau aus dem Schlafzimmer im Präsidentenpalast entführt haben, [5][regiert
Delcy Rodríguez von Gnaden der USA].
Bisher hat die US-Regierung die Rückkehr der Oppositionspolitikerin und
[6][Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado] nach Venezuela nicht
unterstützt. Doch die Venezolaner sind immer unzufriedener mit Delcy
Rodríguez. In einer Umfrage, die die brasilianische Atlas Intel kurz nach
dem Erdbeben durchführte, äußerten 45,7 Prozent der Befragten, dass ein
politischer Wechsel jetzt sogar wichtiger sei als vor dem Erdbeben.
Ronaldo Silva und Albany Melchor haben sich erst mal gefreut, dass Nicolás
Maduro nicht mehr im Amt ist. Sie haben neue Hoffnung geschöpft, dass sie
nicht das Land verlassen müssen, um ein Leben aufzubauen, wie es die
meisten ihrer Kommilitonen bereits getan haben. „Doch nun merken wir: Das
haben die USA nicht wegen uns gemacht“, so Albany.
Auch wenn es nun mehr Meinungsfreiheit gibt und einige [7][politische
Gefangene] freigelassen wurden, so kommt die Wirtschaft nicht vom Fleck.
Die Löhne sind sehr niedrig, die Preise sehr hoch. Ronaldo Silva, der junge
Architekt, kann sich mit dem Lohn als Dozent für Architektur an der
Universität gerade mal einen Kaffee kaufen. Er kann sich dies nur leisten,
weil er einen besser bezahlten Job als Architekt bei einer internationalen
Firma hat.
## Keine Zahlen, nur erratische Angaben von Donald Trump
Seit 2016 hat der venezolanische Staat keine oder unvollständige Zahlen
veröffentlicht zu Haushalt, Bruttoinlandsprodukt, Inflation oder
Erdölförderung, sagt Ökonom Ronald Balza. Auch nach dem gewaltsamen
Regierungswechsel bleiben die Zahlen unvollständig. Erdölverkäufe
dirigieren nun die USA, die Venezolaner wissen weder, wie viel Erdöl
verkauft wird, noch zu welchem Preis, noch wie viel davon nach Venezuela
zurückfließt. Ökonomen müssen sich an erratischen Äußerungen Trumps
festhalten, dass die Erdöleinnahmen [8][bereits 28mal die Kosten] für die
Militäraktion hereingeholt hätten.
Am Samstagnachmittag bringen Ronaldo Silva und Albany Medikamente und
Hygieneartikel in die Altstadt von Caracas. Viele Hochhäuser sind dort
unbewohnbar geworden durch das Erdbeben. Die Bewohner kampieren in Zelten
vor ihren Sozialwohnungen, von denen ganze Mauern und Decken
herausgebrochen sind. Nachbarn beliefern sie mit Essen. Das Haus sei
bewohnbar, sie sollten zurückgehen, sagen die Behörden. Doch die Bewohner
misstrauen dem Staat zutiefst. Ronald Silva inspiziert das Gebäude und gibt
den Bewohnern recht. Er macht ein Video, um andere davor zu warnen,
leichtfertig in die Häuser zurückzugehen.
Gerade jetzt bräuchte Venezuela fähige und engagierte junge Architekten und
Ingenieure für den Wiederaufbau. Albany würde gerne für den öffentlichen
Wohnungsbau arbeiten, „in einem gut geführten Ministerium“.
Ronaldo hat momentan einen guten Job, der ihn hier hält. „Aber ich bin
einer aus meiner ganzen Klasse, der dieses Glück hat.“ Um seine Zukunft auf
Venezuela zu setzen, wünscht er sich ein Land, das ihm wirtschaftliche
Stabilität und einen Rechtsstaat garantiert. Daran hat das Erdbeben nichts
geändert. „Es hat mir nur bestätigt, dass Venezuela sehr verletzlich ist.“
6 Jul 2026
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