# taz.de -- Proteste vor Nato-Gipfel in Türkei: Alte Traumata und neue Sorgen
> In Istanbul demonstrieren sozialistische Gruppen gegen den Nato-Gipfel.
> Auch in Ankara gehen sie auf die Straße – trotz des Protestverbots.
IMG Bild: Protest gegen den Nato-Gipfel am Sonntagabend in Istanbul
Am Ende sind es an die 7.000 Demonstrant*innen, die durch die Straßen
ziehen. „USA raus aus dem Nahen Osten“ und „Türkei raus aus der Nato“,
rufen sie am Sonntagabend durch Kadıköy, einen Stadtteil auf der
asiatischen Seite Istanbuls. Eine Meeresbrise lässt die Fahnen der
unterschiedlichen Gruppen aus dem sozialistischen Lager flattern. Die
Protestierenden wollen ein Zeichen setzen gegen den Nato-Gipfel, der am
Dienstag und Mittwoch in Ankara stattfindet. [1][Dort sind die Proteste
derzeit verboten.]
In der Hauptstadt möchte die Regierung den Teilnehmer*innen des
Treffens ein makelloses Bild präsentieren: Ganze Stadtteile sind dort für
die Bevölkerung abgesperrt, größere Menschenansammlungen sind verboten,
selbst für Hochzeitsfeiern braucht es eine Sondergenehmigung. Mit dem
Gipfel möchte die Türkei als Nato-Streitmacht Entschlossenheit und
Dienstbereitschaft demonstrieren – für den Fall, dass die USA ihre Beiträge
in dem Bündnis zurückfahren und man in Ankara gefragt wird, wer diese
Lücken denn sonst füllen kann.
In Kadıköy sind solche Szenarien der Albtraum vieler Demonstrant*innen.
„Die Nato hat dieses Land und viele andere auch in einen Militärstützpunkt
der USA verwandelt“, sagt Iskender Bayhan auf der Demo. Er ist Abgeordneter
für die Partei der Arbeit (Emek Partisi) im Parlament in Ankara. Jeder
Militärstützpunkt könne der Grund dafür sein, dass es eines Tages wirklich
zu einem Krieg komme.
## Geld für Bildung, nicht für Rüstung
In der Türkei sind wie in Deutschland im Rahmen der nuklearen Teilhabe
US-amerikanische Atomwaffen stationiert. Die Demonstrant*innen fordern
eine Schließung der türkischen Nato-Stützpunkte und ein Ende der globalen
Aufrüstungsspirale. „Budget für Bildung, nicht für Rüstung“, lautet einer
ihrer Slogans.
So sieht es auch Derya Saadet, die zusammen mit einer Gruppe aus der
Halkevi-Bewegung (Volkshäuser) an der Demonstration teilnimmt. „Wer weiß,
wie viele Kindergärten mit dem Geld gebaut werden könnten, das wir für die
Nato ausgeben“, sagt sie. „Ich – und wir hier als Frauen – sind gegen den
Nato-Gipfel, weil diese Art der Politik für Armut und Gewalt sorgt.“
Mehrere Demonstrantinnen recken Ami-go-home-Schilder in die Luft. Der
Protest gegen den US-Imperialismus ist für einen Großteil der türkischen
Linken auch aus historischen Gründen anknüpfungsfähig: Sie erinnern mit
einem Spruch an die Demonstrationen gegen die 6. US-Flotte, die im Jahr
1969 in Istanbul anlegte. Ein Teil der damaligen Proteste ging als
„Blutiger Sonntag“ in die Geschichte ein, weil rechte Mobs in Istanbul
gezielt Jagd auf die linken Demonstrantinnen machten und zwei von ihnen
töteten.
Dabei mussten Kommunisten und Intellektuelle schon für den Nato-Beitritt
der Türkei im Jahr 1952 ihren Tribut zahlen. Die damalige rechte Regierung
in Ankara ließ Dutzende von ihnen einsperren und foltern, um sich so zum
Höhepunkt der McCarthy-Ära bei den USA einzuschleimen. Zusammen mit dem
türkischen Beitrag im Koreakrieg aufseiten der USA standen der Türkei die
Türen zur Nato offen, nachdem ihr ein Beitritt zuvor verweigert worden war.
## Scharfe Kritik an Umgang der Regierung mit Protesten
Der Abgeordnete Bayhan weist es von sich, dass man hier auf der Demo vor
dem russischen Imperialismus in der Ukraine die Augen verschließe. „Wir
verurteilen den chinesischen und russischen Imperialismus genauso deutlich
wie den der Nato“, sagt er. Auch von diesen beiden Ländern gebe es
Bestrebungen im Nahen und Mittleren Osten, denen gegenüber es wachsam zu
sein gelte.
Sehr [2][deutliche Kritik kommt von den Demonstrantinnen am Umgang der
Regierung mit dem Protest]. In Ankara wird eine zeitgleich stattfindende,
deutlich kleinere Demo aufgelöst. Insgesamt sollen im Vorfeld des
Nato-Gipfels mehr als 250 Menschen festgenommen worden sein, darunter
zahlreiche Umweltaktivistinnen, aber auch eine Redakteurin des
Nachrichtenkanals T24, Buse Söğütlü, und der Comedian Deniz Göktaş.
Auf der Demo in Kadıköy ist das Polizeiaufgebot überschaubar. Dennoch
bilden die Beamten mit Schlagstock und Schild ein enges Spalier für den
Protestmarsch an jenen Stellen, an denen die Demo nicht ohnehin durch die
Trambahnabsperrung auf wenige Meter zusammengepfercht ist. Nur etwa 45
Minuten nach dem Beginn des Protests ist die Demo auch schon an ihrem Ziel,
dem Hafenanleger von Kadıköy, angekommen, an dem sich die Protestierenden
auch ohne Abschlusskundgebung verabschieden. Einige wollen es in Ankara
noch mal versuchen.
6 Jul 2026
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## AUTOREN
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