URI: 
       # taz.de -- Die Partys von damals und heute: Ein Moped geht steil
       
       > Mit passender Begleitung fühlt sich der Dancefloor fast so an wie eine
       > WG-Party um 2017. Auch steife Abendveranstaltungen in Berlin lassen sich
       > überstehen.
       
   IMG Bild: Coole Location: das Lido am Schlesischen Tor in Berlin
       
       Steil, steiler, steiles Moped. „Steiles Moped“, rufe ich, lege eine Karte
       ab und schlage mir mit der Hand ins Gesicht. Freitagabend, wir sitzen in
       einer Bar in Kreuzberg. Meine Freundin S. und ich haben übers Wochenende
       Besuch von zwei Freunden, mit denen wir in Dortmund studiert haben. Nach
       den kurzen Updates, darüber was in den vergangenen Wochen bei allen so los
       war (Sommer gut, Arbeit nervig, einer hat einen Crush, doch sie schreibt
       ihm nicht) sitzen wir zusammen und spielen „Steiles Moped“ (Anleitung für
       einen gelungenen Abend voller Adrenalin am Ende des Textes).
       
       Nachdem wir Runde um Runde unsere Hände auf den Glastisch hauen und sich
       die anderen Gäste in der Bar bereits irritiert umschauen, ziehen wir gegen
       Mitternacht weiter ins Lido am Schlesischen Tor. Nachdem S. Prä-Corona
       ihren besten Abend in Berlin bei einer monatlich stattfindenden Indie-Party
       erlebt hatte, versuchen wir etwa alle zwei Jahre dieses Gefühl zu
       rekonstruieren. Zu viert springen wir daher vor dem DJ herum zu den Songs
       von [1][Vampire Weekend], The Kooks und den drei Britpop Bands, die in den
       2010ern Männer mit Skinny Jeans Ekstase haben fühlen lassen.
       
       In den sieben Jahren Freundschaft hat sich viel verändert, doch sind es
       immer noch die Art von Friends, die egal wo, egal wann genauso so wild und
       dramatisch tanzen, als wären wir immer noch auf einer WG-Party in einer
       viel zu kleinen Wohnung in der Dortmunder Nordstadt. Gemeinsam mit einer
       anderen Vierergruppe bildeten wir die GenZ-Front in der ersten Reihe,
       dahinter tanzten einige Männer. Sie gaben sich im Zweier-Schritt der Musik
       hin.
       
       ## Zarte Pulledpork-Sandwiches aus dem Foodtruck
       
       Manche von ihnen sahen aus wie ehemalige Foodtruck-Besitzer, die in diesem
       früheren Leben extrem zarte Pulledpork-Sandwiches verkauften. Viel los war
       an diesem Freitagabend nicht: Hätten wir uns alle mit ausgestreckten Händen
       im Kreis gedreht, niemand hätte sich berührt.
       
       24 Stunden später stehen wir eng gedrängt im Hemd (die Männer), hohen
       Schuhen (S.) und mit Nackenschmerzen vom Tanzen (ich) auf einer Party in
       Kreuzberg und starren die dekonstruierte Matratze an der Decke an, deren
       Drähte und kleinen Schaumstoffkreise über unseren Köpfen schwebt. Wir haben
       alle Probleme damit unsere Gläser und Teller gleichzeitig festzuhalten, zu
       essen und dabei nicht ganz so unelegant und fehl am Platz auszusehen wie
       wir uns fühlten. Es war die Geburtstagsparty des Verlobten von P., einer
       gemeinsamen Freundin von uns.
       
       Er, Italiener, Kunstliebhaber und beruflich erfolgreich, hatte ein
       Catering-Service gebucht, wir stolperten mit Wein und Sprudelwasser in der
       Hand durch die Wohnung und staunten über jeden Wandteppich und die absurd
       vielen Gemälde in der Wohnung. Da P. vorgeschlagen hatte ihm etwas
       „Kreatives“ zu schenken, fahren wir vormittags durch Mitte und drehen ein
       Geburtstagsvideo auf Italienisch, in dem wir alle Sehenswürdigkeiten
       übersetzen. „Federico Marzo, leccami le palle“, finden wir dann doch zu
       obszön für das Video, zumal wir vorher gewarnt wurden, dass der
       italienische Botschafter auch zur Party käme. Der verließ zwar den Raum,
       als wir unser lustiges Reel ankündigen, aber man weiß ja nie, wie er zu
       Merz Eiern stehen würde. Und blamieren wollen wir uns nun auch nicht.
       
       Müde vom Tanzen und voller Pizza und Tiramisu gehen wir erschöpft nach
       Hause, viel gesprochen haben wir mit den anderen Gästen nicht. Nur von der
       Begegnung mit dem Schwiegersohn eines reichen indischen Investors erzählen
       mir meine Freunde am nächsten Tag beim Frühstück. Dieser hätte auf einen
       Wolkenkratzer das weiße Haus nachbauen lassen, erzählt einer von ihnen, das
       Brötchen noch im Mund. S. weist ihn daraufhin hin, „kau’ doch erstmal zu
       Ende!“ Doch er zeigt bereits Fotos vom Palast. Wir lachen über die absurde
       Idee und sind am Ende froh um die Wohnung im Erdgeschoss und den Tisch auf
       dem wir noch eine letzte Runde steiles Moped spielen.
       
       Anleitung steiles Moped: Ein 52-Karten-Deck wird auf alle Mitspielende
       verteilt. Diese legen reihum eine Karte auf den Tisch und zählen dabei laut
       von zwei bis zum Ass durch. Stimmt die Zahl auf der Karte mit der
       angesagten Zahl auf der Hand überein, schlagen alle auf den Stapel. Die
       langsamste Person muss die Karten aufnehmen. Geschlagen wird auch bei zwei
       gleichen aufeinanderfolgenden Karten. Bei einer Sechs fasst man sich an die
       Nase, liegt eine Sieben zählt man stumm weiter. Die Fünf heißt steiles
       Moped. Viel Spaß!
       
       6 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Ezra-Koenig-von-Vampire-Weekend/!5067720
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Anastasia Zejneli
       
       ## TAGS
       
   DIR Ausgehen und Rumstehen
   DIR Party
   DIR Freundschaft
   DIR Ausgehen und Rumstehen
   DIR Ausgehen und Rumstehen
   DIR Ausgehen und Rumstehen
   DIR Ausgehen und Rumstehen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Bad in Schallwellen: Schwarze Messen für die Seele
       
       Die inneren Organe geraten in Schwingung bei Konzerten in Berlin. Sunn O)))
       zielt dabei auf die Magengrube, The Cure eher aufs Herz.
       
   DIR Hitziges Berlin: Die Hundstage werden ungemütlich
       
       Finstere Gesellen machen im Volkspark Jagd auf queere Menschen. Die
       schöneren News: Pulp sind noch so gut wie 1996 und sogar ehrliche Finder
       gibt es noch.
       
   DIR Fête de la Musique in Berlin: Fast wie am 1. Mai
       
       Verstrahltes Partyvolk, systemkritischer Punk und Späti-Bier: Kreuzberg
       feiert die Fête de la Musique – bis die Polizei alle schlafen schickt.
       
   DIR Songs from the Last Years am Maxim Gorki: Die kollektive Bedeutungsschwere des Augenblicks
       
       Das Maxim-Gorki-Theater feiert Abschied von Shermin Langhoff – die Stimmung
       ist ambivalent. Grund genug, Beständigkeit im Immerselben zu suchen.