# taz.de -- Solarzellenrecycling: Silber auf dem Dach
> Solarzellen enthalten wertvolle Rohstoffe, die nach ihrem Lebensende
> wiederverwertet werden könnten. In Halle erforscht ein Institut, wie das
> gelingt.
IMG Bild: Eine Mitarbeiterin des Fraunhofer-Centers für Silizium-Photovoltaik CSP der Leitklebestruktur einer Solarzelle
Allein das Silber ist enorm wertvoll. „4.000 Tonnen des Edelmetalls
befinden sich in den Solarmodulen auf Deutschlands Dächern und
Freiflächenanlagen“, sagt Frank Zobel. Der Wissenschaftler leitet das
[1][Fraunhofer-Zentrum für Silizium-Photovoltaik CSP] in Halle. Silber wird
in dünnen Bahnen auf das Silizium der Sonnenkraftwerke gedruckt, es
„sammelt“ den erzeugten Strom und transportiert ihn dank seiner sehr hohen
Leitfähigkeit weiter.
Kupfer hat zwar ähnliche Eigenschaften, Silber aber besitzt eine viel
höhere Korrosionsbeständigkeit. Dank des Einsatzes von Silber können die
meisten Hersteller ihren Modulen 20 Jahre Garantie geben. Das aber macht
das Problem aktuell: Das [2][Erneuerbare-Energien-Gesetz] trat im Jahr 2000
in Kraft, weshalb jetzt – 20 Jahre später – zunehmend Anlagen ihr
Lebensende erreichen und verschrottet werden müssen. Zobel: „Legt man den
aktuellen Marktpreis von Silber zugrunde, sind die 4.000 Tonnen zehn
Milliarden Euro wert.“
Fragt sich, wie man an den Stoff herankommt. Das Fraunhofer Zentrum für
Silizium-Photovoltaik erforscht derzeit ein Verfahren, mit dem ausrangierte
Solarzellen recycelt werden können. Zobel: „Der Materialwert eines
einzelnen Altmoduls liegt bei 15 Euro.“ Die Sache scheint sich also zu
lohnen.
Am einfachsten gelangt man an das Aluminium: „Der Rahmen lässt sich leicht
abtrennen und einschmelzen“, sagt Zobel, ein großgewachsener, energisch
wirkender Mann. Auch das Silizium lasse sich relativ unproblematisch auf
thermischem Wege recyclen: Der Grundstoff jeder Solarzelle kann ebenfalls
per Schmelzprozess zurückgewonnen werden. „Schwieriger wird es schon beim
Glas“, sagt der Forscher. Denn das ist mit einem Antireflex-Mittel
beschichtet, damit ein Teil der einfallenden Sonnenenergie nicht einfach
von der Oberfläche abprallt – und so den Wirkungsgrad schmälern würde.
Außerdem ist ein Schutz gegen UV-Strahlung und Mikrokratzer aufgetragen,
das Glas ist deshalb nicht so einfach wiederzuverwenden. In Halle versuchen
sie derzeit deshalb, ein Granulat daraus zu machen. Allerdings gibt es für
dieses noch keine hochwertige Verwendung.
## „Die Entsorgungswelle rollt auf uns zu“
Richtig kompliziert wird es bei den Metallen: Zinn kam an den Lötstellen
zum Einsatz, Blei und Nickel bei den Zellkontakten, Indium, Gallium,
Tellur, Selen finden sich in sogenannten Dünnschicht-Solarzellen wieder.
Dazu kommt der Stahl der Unterkonstruktion und eben das Silber, das als
Stromleiter haardünn auf die Zellen gedruckt wurde. Dass auch diese Stoffe
im Labor recycelt werden können, beweist Zobel mit einem Silberstück, so
groß wie eine 10-Euro-Münze, allerdings viel dicker.
In Magdeburg gibt es [3][mit „Solar Materials“ eine Firma], die das
Verfahren bereits nutzt. Ihr Problem ist allerdings, an die ausrangierten
Solarmodulen heranzukommen. Rechtlich werden Altmodule nämlich wie
Elektroschrott behandelt. Das bedeutet: Man kann sie überall dort
zurückgeben, wo auch das alte Faxgerät oder der Videorekorder
zurückgenommen werden muss. „Weil aber noch nicht so viele Module aus dem
Verkehr gezogen worden sind, wissen das manche Annahmestellen nicht“, sagt
Materialforscher Zobel.
Oft würden die Altmodule auch noch nicht verschrottet, sondern gespendet,
beispielsweise um in einem afrikanischen Dorf noch als Ladestation für das
Handy zu dienen. „Aber natürlich rollt die Entsorgungswelle auf uns zu“,
sagt Zobel. In seinem Team arbeiten zehn Leute, „es ist wichtig, dass wir
diesen Elektroschrott als Rohstoffquelle begreifen“. Und anfangen, ein
eigenes Sammelsystem für Altmodule aufzubauen.
Noch immer ist die Photovoltaik der größte Silbernutzer weltweit, jedes
fünfte Gramm wird von den Modulherstellern verbraucht. Zobel fordert, dass
die Produzenten bereits im Vorfeld nachdenken müssten, wie nach dem Ende
der Lebensdauer die Wiederverwertung gelingen kann: „Zu lange war die
Entsorgung kein Thema“, kritisiert der Forschungsgruppenleiter, „die
Herstellung muss so optimiert werden, dass der Recyclingprozess tatsächlich
auch gelingen kann.“
Zobel vergleicht die Situation mit einem Joghurtbecher, der nicht recycelt
werden kann: „Wenn der Becher aus Kunststoff, der Deckel aus Aluminium ist
und er dann auch noch eine Papierhülle trägt, gibt es keine Sortieranlagen,
die dieses Materialgemisch sauber trennen kann.“
Zwar können die Hallenser Forscher Tipps für verbesserte Anlagen geben,
Einfluss auf deren Produktion haben sie allerdings nicht: Mehr als [4][90
Prozent aller Module weltweit stammen aus China], eine Folge der
Wirtschaftspolitik der Union, die vor 14 Jahren die Einspeisevergütung für
Solarstrom so stark absenkte, dass die deutschen Hersteller alle pleite
gingen – und Zehntausende Jobs vernichtet wurden.
„Wir sind abhängig von diesen Monopolen“, sagt Zobel, der darin ein Risiko
sieht: „Wenn die Hersteller sich entschließen, die Preise einfach
anzuheben, könnten wir gar nichts dagegen tun.“ Er empfiehlt dringend,
wieder eine europäische Modulproduktion aufzubauen: „Dann könnten wir den
Recyclingprozess auch gleich bei der Produktion mitdenken.“
8 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.csp.fraunhofer.de/
DIR [2] /Erneuerbare-Energien-Gesetz/!6168409
DIR [3] https://solar-materials.com/de/technologiefueherer-fuer-das-recycling-von-solarmodulen-2/ueber-solar-materials/
DIR [4] /Angst-vor-Blackouts/!6176418
## AUTOREN
DIR Nick Reimer
## TAGS
DIR Solarenergie
DIR Recycling
DIR Erneuerbare Energien
DIR Schwerpunkt Klimawandel
DIR Photovoltaik
DIR Fast Fashion
DIR Energiewende in Gefahr
DIR Schwerpunkt Klimawandel
DIR Energiewende
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Neue EU-Vorschrift: Große Firmen dürfen unverkaufte Mode nicht mehr wegwerfen
Unverkaufte Kleidung landet oft im Müll – dies wird nun großen Unternehmen
verboten. Auch auf die Verbraucher wirken sich die Änderungen aus.
DIR Entlastung in Milliardenhöhe: Speicherausbau senkt laut Studie Kosten der Energiewende
Der Anschluss von mehr Batteriespeichern würde das Stromsystem um
Milliarden entlasten. Das zeigt eine Studie des Fraunhofer-Instituts.
DIR Bericht zum globalen Energieverbrauch: Mehr Erneuerbare, mehr Fossile, mehr Emissionen
Weltweit wird so viel mehr Energie verbraucht, dass erneuerbare Energien
nicht hinterherkommen. Die Emissionen sind 2025 erneut leicht gestiegen.
DIR Energiewende mit Solarthermie: Warmes Wasser von der Sonne
Strahlungsenergie zur Wärmeproduktion zu nutzen ist viel effektiver als die
Photovoltaik. In Leipzig ging nun die viertgrößte Anlage der Welt ans Netz.