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       # taz.de -- Verbotene Liebesbeziehungen im NS-Staat: Und sie sind doch da
       
       > Das Buch „trotzdem da!“ erzählt von Kindern zwischen Deutschen und
       > ausländischen Zwangsarbeiter:innen. Es ist ein Scheinwerfer der
       > Erinnerungskultur.
       
   IMG Bild: Anton Model bei dem ersten Treffen mit seiner Mutter Warga Taran und einer Halbschwester in der Ukraine, 1993
       
       Das Gefühl, anders zu sein als die anderen, anders als die übrigen Kinder
       in der Schule, anders als die Freunde, der eigene Partner – das ist ein
       charakteristisches Gefühl für Kinder aus verbotenen Beziehungen. Das
       Gefühl, allein zu sein, haben viele von ihnen immer wieder in ihrem Leben
       gehabt, und etliche waren auf der Suche nach Menschen mit ähnlichen
       Biografien.
       
       Gerd Raatz hat diese Gefühle im September 2023 beim ersten Projektforum in
       [1][Sandbostel] verloren: „Ich fühle mich jetzt nicht mehr allein“, sagte
       Raatz, Jahrgang 1943, damals. Bis dahin, bis zu seinem 80. Geburtstag,
       kannte er nur den Vornamen seines Vaters. Der war französischer
       Kriegsgefangener und dank des Teams des Projekts „trotzdem da“ gelang es
       schließlich, etliche der weißen Flecken in der Biografie von Gerd Raatz zu
       füllen. Schließlich konnte er Kontakt zu einer Halbschwester in Frankreich
       aufnehmen. Auch die Begegnung mit anderen Menschen mit ähnlicher Biografie
       hat ihm gutgetan.
       
       Gerd Raatz ist eines dieser Kinder, die „trotzdem da“ sind. Eines von mehr
       als zwanzig Kindern aus verbotenen Beziehungen, die das Team der
       Gedenkstätte Lager Sandbostel ausfindig gemacht und interviewt hat. Für sie
       hat sich die Geschichtsschreibung lange nicht interessiert, ihre Herkunft
       und ihr Schicksal wurden in der deutschen Gesellschaft selten bis gar nicht
       thematisiert.
       
       „Russenkind“ wurde Katharina Sämann in Worpswede hinterhergerufen, als sie
       acht, neun Jahre alt war. „Franzosenkind“, riefen die anderen Kinder Eduard
       Sprök hinterher, bei Rosa Trettin riefen die Jungs „Polak“ – dann hat sie
       zugehauen. Erinnerungen, die wehtun. Ausgrenzung war Alltag im Leben vieler
       dieser Kinder, die „trotzdem da“ waren, obwohl für sie kein Platz in der
       ideologisch definierten NS-Volksgemeinschaft vorgesehen war.
       
       Doch bei rund 35 Millionen Kriegsgefangenen und 8,5 Millionen ausländischen
       [2][Zwangsarbeiter:innen im Deutschen Reich] waren Kontakte, auch
       direkte und engere, schlicht nicht zu vermeiden. Schon 1942 schätzte die
       NSDAP die Zahl der aus verbotenen Beziehungen hervorgegangenen Kinder auf
       20.000. Eine Zahl, die nicht überprüfbar ist, die allerdings bis zum Ende
       des Krieges noch deutlich gestiegen sein dürfte, auch wenn die
       Nationalsozialisten alles taten, um abzuschrecken. „Ein Butterbrot – ein
       Jahr Gefängnis; ein Kuss – zwei Jahre Gefängnis; Geschlechtsverkehr – Kopf
       ab“, lautete der abschreckende Nenner, auf den es Walter Müller, Präsident
       des Landgerichts Köln, brachte.
       
       Doch die Abschreckung funktionierte nicht, trotz der öffentlichen
       Hinrichtung polnischer und sowjetischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter
       oder des Scherens des Kopfes von Frauen. Das belegen auch die
       Ausländerkinder-Pflegestätten, in denen Kinder von
       Zwangsarbeiter:innen aus Polen und der Sowjetunion aufgenommen, zur
       Zwangsadoption freigegeben, aber auch gezielt vernachlässigt wurden.
       Mindestens 50.000 Kinder haben diese Heime nicht überlebt, so Schätzungen.
       
       Auf all diese Facetten von verbotenen Beziehungen zwischen Deutschen und
       Kriegsgefangenen oder [3][Zwangsarbeiter:innen] geht „trotzdem da“
       ein. Der Katalog zur Wanderausstellung funktioniert wie ein Scheinwerfer,
       der ein Thema in den Fokus der Erinnerungskultur rückt, das viel zu lange
       übersehen wurde und das weiter erforscht werden sollte.
       
       13 Jul 2026
       
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