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       # taz.de -- Sachbuch über Hitler: Der Frieden auf dem Weg zum Krieg
       
       > In „München 38. Die Welt am Scheideweg“ gehen Christian Goeschel und
       > Daniel Hedinger der Frage nach, warum Großbritanniens Premier Chamberlain
       > Frieden mit Hitler machen wollte.
       
   IMG Bild: Propagandafoto: Kurz nach dem Münchener Abkommen marschieren deutsche Soldaten in das Sudetenland ein
       
       Ein paar Tage im September 1938 haben den Fortgang der Weltgeschichte hin
       zur Katastrophe bestimmt. Mittwoch, der 28. September, Donnerstag, der 29.
       September, und Freitag, der 30. September: Diese Tage vor und in München
       eröffneten Adolf Hitler die Möglichkeit, mit dem Einverständnis des Westens
       einen unabhängigen demokratischen Staat zu zerstückeln. Die sogenannten
       sudetendeutschen Gebiete der Tschechoslowakei wurden kurz darauf dem
       Deutschen Reich angeschlossen.
       
       Über das Münchner Abkommen, mit dem der Westen gegenüber den
       Naziforderungen einknickte, haben Historiker Regalmeter mit Publikationen
       gefüllt. Umso erstaunlicher ist es, dass Christian Goeschel und Daniel
       Hedinger in ihrem Buch Perspektiven aufzeigen, die bisher kaum oder gar
       nicht beachtet worden sind: die Rolle des Kolonialismus und der
       Kolonialpolitik.
       
       Formal beschränkt sich „München 38. Die Welt am Scheideweg“ auf die drei
       Tage vor und während der Konferenz, zu der neben Italiens Diktator
       Mussolini [1][Großbritanniens Premier Chamberlain] und der französische
       Premierminister Daladier mit Hitler in München zusammentrafen. Bis heute
       ist es ein Wort, das damit verbunden ist: Appeasement, also
       Beschwichtigung. Chamberlain war davon überzeugt, dass man Hitler einen
       Kompromiss bei seinen Expansionsbestrebungen im Sudetenland anbieten müsse,
       um ihn einhegen zu können.
       
       ## Fataler Fehlschluss
       
       Ein fataler Fehlschluss, der davon ausging, dass sich die Politik des
       nationalsozialistischen Staats überhaupt einhegen ließ. Tatsächlich kommen
       Goeschel und Hedinger zu dem Schluss, dass Appeasement im Gegenteil Hitler
       in seiner Überzeugung bestätigte, die westlichen Demokratien seien morsch
       und unfähig, sodass sie einem großen Krieg nicht standhalten würden. Das
       Münchner Abkommen verhinderte den Krieg nicht, es verzögerte höchstens
       dessen Beginn.
       
       Seitdem aber lautet die Frage: Wie weit dürfen Kompromissangebote gegenüber
       einer expansionslüsternen Staatsmacht gehen? Sorgen sie für Frieden oder
       führen sie erst recht zum Krieg? Diese, [2][in den Tagen des
       Ukrainekonflikts] immer wiederkehrenden Fragen sind freilich nicht das
       Thema in Goeschels und Hedingers Studie. Hier geht es vielmehr um die kaum
       bekannten Beweggründe für die Appeasementpolitik des Westens.
       
       Da war zunächst die innenpolitische Lage in Großbritannien. Die Kriegsangst
       in London mit der Furcht vor Giftgaseinsätzen war groß, groß wie die
       Demonstrationen für eine Friedenspolitik. Horrorszenarien von 600.000 Toten
       innerhalb von 60 Tagen auf der Insel machten die Runde. An Kinder wurden
       schon Gasmasken verteilt. Besonders die Linke trat für eine Friedenspolitik
       ein – und das hieß: Appeasement. Auch außerhalb Großbritanniens wuchs die
       Furcht vor einem massenmörderischen Luftkrieg.
       
       ## Sorge um den Fortbestand des britischen Kolonialreichs
       
       Mehr als diese Kriegsangst dürfte den konservativen Chamberlain aber die
       Sorge um den Fortbestand des britischen Kolonialreichs berührt haben. Am
       28. September war in Großbritannien ein Friedensappell erschienen, in dem
       es hieß, nicht das expansive Deutschland sei das Problem, sondern die
       ungleiche Verteilung von Macht und Reichtum im Kolonialismus,
       unterschrieben unter anderem von George Orwell.
       
       Der Appell setzte Imperialismus und Faschismus gleich. Diese Sichtweise
       musste Chamberlain als Kolonialpolitiker nicht weiter jucken, wohl aber die
       Konsequenzen eines weltweiten Krieges für sein Empire. Die Spitzen der
       Politik befürchteten ein Auseinanderbrechen des Weltreichs. Dazu trat die
       irrige Vorstellung, dass es Hitler vor allem um eine Korrektur der
       Gebietsverluste Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg ging, also um ein
       deutsches Kolonialreich.
       
       Vertreter der antikolonialen Bewegungen mussten sich in diesen Tagen
       entscheiden, ob sie trotz kolonialer Unterdrückung Großbritannien die
       Stange hielten oder lieber den Feind des eigenen Feindes, also Hitler,
       unterstützen sollten. Der Vorsitzende des Indischen Nationalkongresses,
       Jawaharlal Nehru, der sich damals in Europa aufhielt, optierte für
       Großbritannien.
       
       ## Manche entschieden sich für Hitler
       
       Die indische Unabhängigkeitsbewegung müsse für die Demokratie und damit
       auch für die Verteidigung der Tschechoslowakei eintreten, erklärte er.
       Andere Vertreter nationaler Befreiungsbewegungen lavierten, manche
       entschieden sich für Hitler. Sie waren es wiederum, die die Sorgen der
       britischen Entscheidungsträger vor antikolonialen Aufständen befeuerten und
       damit einer Appeasementpolitik das Wort redeten.
       
       Dass die Vertreter der Tschechoslowakei gar nicht erst zur Münchner
       Konferenz eingeladen worden waren, sondern dass über ihre Köpfe entschieden
       wurde, gilt heute als weiterer Sündenfall der Münchner Konferenz. Diese
       Tatsache ist einer der Gründe für die heutigen Beschwörungen, dass im
       russischen Expansionskrieg keineswegs ohne Teilnahme der Ukraine
       Entscheidungen getroffen werden dürften.
       
       Damals war das anders. Hitlers Drohung, in die Tschechoslowakei
       einzumarschieren, wenn es keine Einigung in München gebe, wirkte. Westliche
       Staatsbürger ließen sich aus Prag evakuieren, wo die Angst vor
       Bombenabwürfen wesentlich realer war als in London.
       
       ## Sicherung des Weltfriedens
       
       Hitler-Gegner, die als Exilanten [3][Zuflucht in Prag] gefunden hatten,
       suchten in höchster Not nach einer Rettung. Unter den Befürwortern einer
       Appeasementpolitik spielte die Preisgabe der demokratischen
       Tschechoslowakei nicht die entscheidende Rolle. Entscheidend war für sie
       die Sicherung des Weltfriedens. Chamberlain postulierte bei seiner
       umjubelten Rückkehr aus München den „Frieden in unserer Zeit“, den er
       gerettet habe.
       
       Ein knappes Jahr später begann der Zweite Weltkrieg.
       
       10 Jul 2026
       
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