# taz.de -- Forscher über NS-Zeit in Osnabrück: „Die Geschichte musste erst wachgeküsst werden“
> Historiker Željko Dragić sucht weltweit nach Nachkommen der Inhaftierten
> eines Osnabrücker Kriegsgefangenenlagers. Heute öffnen ihm viele ihre
> Türen.
IMG Bild: Kampf gegen das Vergessen: Jüdische Offiziere der jugoslawischen Armee als Kriegsgefangene vor der Baracke 37 im Oflag VI C
taz: Herr Dragić, Sie forschen zum Osnabrücker NS-Kriegsgefangenenlager
Oflag VI C und dafür suchen Sie nach Nachkommen der Inhaftierten. Wie sehr
arbeitet die Zeit gegen Sie?
Željko Dragić: Sehr schnell. Ich arbeite seit 2016 zum Oflag VI C, vorher
war nicht viel darüber bekannt. Ein Problem dabei: Schon die zweite und
dritte Generation der Nachkommen weiß oft gar nicht mehr, dass ihre Groß-
oder Urgroßväter in diesem Lager waren.
taz: Was für ein Lager war das?
Dragić: Es entstand Anfang der 1930er, für [1][deutsche Gegner des
NS-Regimes]. Danach waren hier französische und niederländische
Kriegsgefangene untergebracht, und ab Mitte 1941 Offiziere des Königreichs
Jugoslawien, insgesamt 6.500, in der Mehrzahl Serben, aber auch Slowenen,
Tschechen, Kroaten. 649 von ihnen waren Juden, und nach der Genfer
Konvention durften sie ihren Glauben hier auch ausleben – in einem Land,
das sich als judenfrei verstand.
taz: Zwei Baracken des Lagers existieren noch. In Baracke 35, einer
Wehrmachtswachunterkunft, ist seit 2021 eine [2][Ausstellung zur
Lagergeschichte] zu sehen, die Sie kuratiert haben. Auch hier kämpfen Sie
gegen das Vergessen.
Dragić: Genau. Im Mittelpunkt steht derzeit aber die Suche nach Zeitzeugen.
Die meisten der 56, die ich bisher gefunden habe, stammen aus Serbien, den
USA, Israel und Kanada. Nur sechs leben in Deutschland. Es gilt, hier
gezielt zu suchen.
taz: Gibt es noch Überlebende des Lagers?
Dragić: Der Letzte, von dem ich weiß, ist vor rund 15 Jahren verstorben.
taz: Durch den Wegfall der Geschichtsvermittlung durch Überlebende ist die
Bewahrung der Authentizität historischer Orte doppelt wichtig geworden. Hat
Baracke 35 eine Zukunft?
Dragić: Das hängt davon ab, was die Stadt Osnabrück aus ihr macht. Ein Teil
von ihr könnte als Museum dienen, der Rest als Begegnungsstätte. Aber
allein die Sanierungskosten werden auf über eine Million Euro geschätzt.
Wenigstens steht sie unter Denkmalschutz.
taz: Auf Ihrer Suche nach Nachkommen ehemaliger Kriegsgefangener reisen Sie
Ende Juli in die USA, nach Chicago, auch nach Milwaukee. Wie läuft sowas
ab?
Dragić: Viel dabei ist überraschend, ist Mundpropaganda. Oft öffnet eine
Tür die nächste. Der Anfang war wirklich schwer. Als ich 2019 erstmals in
den USA war, kam ich mit leeren Händen zurück. Niemand konnte oder wollte
mir helfen, weil niemand wusste, wer ich war. Die [3][serbisch-orthodoxe
Kirche] hat mich dann unterstützt, die israelische Botschaft aus Belgrad.
Die Geschichte musste erst wachgeküsst werden. Heute öffnen mir viele
Menschen ihre Türen, und was sie mir erzählen, ist wirklich bewegend. Ich
bin kein Melancholiker, aber oft habe ich dabei Tränen in den Augen.
taz: Da ist sicher viel Vertrauensarbeit zu leisten?
Dragić: Natürlich. Aber viele Menschen sind dankbar und glücklich, dass sie
mit jemandem über dieses Thema sprechen können, über das in ihrer Familie
so lange geschwiegen wurde. Viele Inhaftierte wollten diese Zeit vergessen,
wollten ihren Kindern das Leid, das sie erlebt hatten, nicht weitergeben.
Heute ist viel Offenheit zu spüren. Wenn ich in den USA bin, wohne ich
nicht in einem Hotel, ich wohne bei Familien, deren Vorfahren das Lager
erlebt haben.
taz: Wie hat das alles angefangen?
Dragić: Mit Ebay-Kleinanzeigen, 2017. Da habe ich die erste
Kriegsgefangenenpost gekauft. Damals war mir nicht bewusst, wie viel dieser
Post noch existiert. Mittlerweile habe ich 500 Briefe dokumentiert.
taz: Was ist das Ziel dieses Archivs?
Dragić: Es zeigt, wie verflochten die Nationalitäten miteinander sind, dass
Europa ein Ort gegenseitigen Verstehens ist. Viele Mischehen zeugen davon,
auch mit deutschen Müttern und serbischen Vätern.
taz: Geben Sie uns ein Beispiel?
Dragić: Da ist Branislav Popadić. Seinen Sohn Mirko habe ich bereits
zweimal besucht. Popadić war Serbe. Im April 1941 erlebt er die Zerstörung
Belgrads durch die deutsche Luftwaffe. In Osnabrück verbringt er vier Jahre
in Gefangenschaft, unter harten Bedingungen. 1949 lernt er in Hamburg seine
spätere Frau Lieselotte kennen, später wandert die Familie in die USA aus.
Seine Geschichte ist eine Erinnerung an Mut, Widerstandskraft und die
Hoffnung, selbst in den dunkelsten Zeiten eine neue Zukunft aufzubauen.
taz: Wer finanziert Ihre Arbeit?
Dragić: Ich mache das ehrenamtlich. Was ich von diesen Familien bekomme,
ist unbezahlbar.
taz: Wie geben Sie Ihre Erkenntnisse weiter?
Dragić: Durch Broschüren, Bücher, über die sozialen Medien. Im Moment
planen wir eine Internetseite, die jede Lebensgeschichte vorstellt, mit
allen Dokumenten.
7 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Harff-Peter Schönherr
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