# taz.de -- Verfassungskrise in Israel: Regierung gegen Gericht
> Die israelische Regierung weigert sich, einer Entscheidung des Obersten
> Gerichts zu folgen. Kritiker befürchten eine Zuspitzung der
> Verfassungskrise.
IMG Bild: „Legislative Anarchie“: Die israelische Regierung um Benjamin Netanjahu ignoriert Beschlüsse des Obersten Gerichtshofs
Am Sonntag hat die israelische Regierung angekündigt, einem Urteil des
Obersten Gerichtshofs keine Folge zu leisten. Dass die Regierung das offen
ausspricht, ist das erste Mal in der Geschichte Israels. Die Entscheidung
heizt die Verfassungskrise weiter an.
Bei dem heiß debattierten Beschluss geht es um die Aufsichtsbehörde für
kommerzielle Radio- und Fernsehsender. Sie überwacht Markt und Sender, soll
die Einhaltung von ethischen Standards garantieren und die Interessen des
Publikums schützen. Zuletzt hatten mehrere ihrer Mitglieder ihre Posten
gekündigt. Medienberichten zufolge war auf sie zuvor vom
Kommunikationsministerium Druck ausgeübt worden.
Bereits vor einem Jahr hatte die damalige Vorsitzende der Behörde, Michelle
Kremerman-Dekel, in einem offenen Brief dem aktuellen Vorsitzenden
Mordechai Mordechai vorgeworfen, aus politischen Gründen die Medien
schwächen zu wollen.
Vor einem Monat hat der Oberste Gerichtshof dann beschlossen, die Behörde
müsse ihre Tätigkeit fortsetzen, selbst wenn 6 ihrer 15 Mitglieder fehlen.
Doch dieses Urteil will die Regierung offenbar nicht akzeptieren. „Wir
befolgen das Gesetz, nicht die rechtswidrigen Entscheidungen des Obersten
Gerichtshofs“, schrieb etwa Kommunikationsminister Shlomo Karhi auf X,
ehemals Twitter.
## Konflikt fällt in den Wahlkampf
Der Minister bezieht sich dabei auf ein Gesetz, nach dem zwei Drittel der
Mitglieder aktiv im Dienst sein müssen, damit die Behörde weiterhin
Entscheidungen fällen darf. Das Oberste Gericht vermutet jedoch hinter den
Kündigungen den Versuch, die Behörde lahmzulegen. Kommunikations- und
Justizminister teilten mit, dass die Entscheidungen der Aufsichtsbehörde
unter den aktuellen Umständen nicht von der Regierung anerkannt werden.
Die politische Zuspitzung dürfte vom aktuellen Wahlkampfklima beeinflusst
sein. Bereits in den vergangenen Monaten hat die [1][Regierung einige
Beschlüsse des Obersten Gerichtshofs teilweise ignoriert oder umgangen, die
sich auf die Einberufung von ultraorthodoxen Männern bezogen.] Es ist
allerdings das erste Mal, dass die Führungselite ein Urteil öffentlich
ablehnt.
Kritiker:innen befürchten nun eine „legislative Anarchie“. In der
Opposition ist der Aufruhr groß. Jair Lapid sagte, eine Regierung, die dem
Obersten Gerichtshof nicht gehorche, werde zu einer illegalen Regierung.
Ex-Premierminister [2][Naftali Bennett] witterte gar den „Kollaps unseres
Staates“. Der Chef der zionistisch-moderaten Jaschar-Partei, Gadi Eisenkot,
warf Netanjahu vor, Israels Demokratie anzugreifen. Selbst Israels
Präsident Isaak Herzog schrieb auf X: „Das Nichtbefolgen eines
Gerichtsurteils ist eine rote Linie, die unter keinen Umständen
überschritten werden darf“.
Doch Premierminister [3][Benjamin Netanjahu] steht schon längst auf
Kriegsfuß mit dem Obersten Gerichtshof. Versuche seiner Koalition, die
Macht des Gerichts zu beschneiden und beispielsweise den Einfluss der
Politik auf die Richterwahl zu erhöhen, lösten vor drei Jahren landesweite
Massenproteste aus. Große Teile von Netanjahus Wählerschaft stehen in
Hinblick auf den Staatsumbau auf seiner Seite.
Einige Expert:innen hingegen gehen davon aus, dass die Folgen weniger
radikal sein könnten als befürchtet. Denn das Urteil richtet sich nicht an
die Regierung, sondern an die Aufsichtsbehörde. Die Behörde darf damit
tagen und entscheiden – völlig unabhängig vom Willen der Regierung.
Hintergrund des Streits zwischen Behörde und Führungskoalition war der
Verkauf des Senders 13 an einen regierungskritischen Tech-Unternehmer,
spätestens seitdem ist der Sender rechten Politiker:innen ein Dorn im
Auge.
6 Jul 2026
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## AUTOREN
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