# taz.de -- Frankreichs Präsidentschaftswahl 2027: Richter entscheiden über Kandidatur von Marine Le Pen
> In Paris fällt am Dienstag das Berufungsurteil im Prozess wegen
> Unterschlagung von EU-Geldern. Es könnte für Frankreich weitreichende
> politische Folgen haben.
IMG Bild: Wer kandidiert für das rechtspopulistische RN bei der Präsidentschaftswahl 2027? Jordan Bardella und Marine Le Pen am 4. Juli
Die französische Justiz entscheidet mit dem Urteil des Pariser
Berufungsgerichts am Dienstag, ob Marine Le Pen zum vierten Mal bei
Frankreichs Präsidentschaftswahlen kandidieren kann oder ob sie wegen einer
Verurteilung zu mehreren Jahren Haft und damit zum Verlust ihrer
Wählbarkeit dieses Mal passen muss. Falls sie ausfällt, hat das
Rassemblement National (RN) mit dem derzeitigen Parteichef Jordan Bardella
einen Ersatzmann, dem auch Wahlchancen eingeräumt werden. Das wäre für die
Partei ein Trost, nicht aber für Le Pen.
Wegen der missbräuchlichen Verwendung von EU-Geldern, die für
parlamentarische Assistenten bestimmt waren, aber zur Finanzierung von Le
Pens Parteiaktivitäten illegal abgezweigt wurden, war sie bereits zusammen
mit 24 anderen für schuldig befunden worden. [1][Das bisherige Urteil
lautete: vier Jahre Haft (davon zwei mit elektronischer Fußfessel), 100.000
Euro Geldstrafe und sofortiger Verlust der Wählbarkeit für fünf Jahre.]
Fast dieselbe Strafe beantragte die Staatsanwaltschaft auch vor dem
Berufungsgericht.
Der Prozessverlauf kann Le Pen wenig Hoffnung geben, jetzt für unschuldig
erklärt zu werden. Doch schon ein etwas milderes Urteil kann für sie alles
ändern. Falls sie ihr passives Wahlrecht für weniger als zwei Jahre oder
gar nicht einbüßt und auch keine elektronische Fußfessel tragen muss,
stünde ihrer Kandidatur nichts im Wege. Le Pen hat schon seit Wochen
gesagt, eine Fußfessel und strenge Auflagen einer polizeilichen
Meldepflicht würden es ihr unmöglich machen, auf Wahlkampftour zu gehen.
Muss sie auf die Kandidatur verzichten und in den Hintergrund treten, hat
dies für sie, für die Partei, die Präsidentschaftswahlen und (angesichts
ihrer Favoritenrolle) selbst für Frankreichs politische Zukunft
weitreichende Folgen. Der mit 30 Jahren noch sehr junge, aber bereits sehr
populäre Jordan Bardella, den sie vertrauensvoll als Interimschef
eingesetzt hatte, gibt sich ihr gegenüber offiziell völlig loyal. Doch ist
sein Ehrgeiz, jetzt die erste Geige im Orchester der Rechtspopulisten
spielen zu können, längst offensichtlich. Und er weiß, dass er diese
Gelegenheit, die ihm die Justiz offerieren kann, nicht ein zweites Mal
erhalten wird.
## Jordan Bardella ist in Wartestellung
Noch am Samstag schwor er bei einem Parteifest mit Sympathisanten im
nordfranzösischen Liévin seiner hochverehrten Gönnerin, der er alles
verdanke, seine unverbrüchliche Treue. Aber hörte man da nicht auch schon
so etwas wie Schwanengesang? Aus dem Lautsprecher der RN-Party dröhnte
Dalidas Chanson „Je veux mourir sur scène“ („Ich will auf der Bühne
sterben“). Die Anspielung auf einen gerichtlich verordneten Abgang der
Hauptdarstellerin Le Pen von der Bühne war zu deutlich, um vom Publikum wie
den Medien überhört zu werden.
Marine Le Pen oder Jordan Bardella? Die Anhänger*innen der
rechtspopulistischen Partei wissen, dass sie so oder so die besten
Aussichten haben, die nächsten Präsidentschaftswahlen im Frühling 2027 zu
gewinnen. Das besagen alle Umfragen. Sie „prophezeien“ für Le Pen wie für
Bardella im ersten Wahlgang rund 35 Prozent der Stimmen und in der
Stichwahl einen deutlichen Sieg gegen alle eventuellen Gegner, außer
eventuell gegen Emmanuel [2][Macrons Ex-Premierminister Édouard Philippe].
Ganz so egal ist es den RN-Wähler*innen aber nicht, wer für ihre Partei
antritt. Einige haben längst auf Bardella gesetzt, weil sie sich keine
Illusionen zu Le Pens politischer Zukunft machen wollen oder für sich
selbst bereits eine interne Karrierechance an der Seite des jungen
Aufsteigers ausmachen. Vor allem verhehlen viele nicht, dass die
Ungewissheit bezüglich der Kandidatur von 2027 nun lange genug gedauert
habe. Das Gericht soll für Klarheit sorgen, auch in ihrem parteilichen
Interesse.
## Das künftige Verhältnis von Le Pen und Bardella ist unklar
Offen bleibt, welche Rolle Le Pen im Fall einer Ersatzkandidatur von
Bardella für sich beansprucht, und auch, ob er eine „mütterliche“
Bevormundung durch sie und ihre Getreuen akzeptieren würde. In den letzten
Wochen hat Bardella angedeutet, dass er sich politisch volljährig fühlt und
in Fragen der Wirtschaft, der Sozialpolitik und der Rentenreform eigene
Wege gehen will.
In der RN-Parteiführung zweifeln aber einige an Bardellas politischer
Reife. Auch von außerhalb wird gespottet: Für die Konservative Valérie
Pécresse ist Bardella „wie eine KI, er hat nur eine Antwort, wenn er die
Frage bekommt“. Ist er der echte Favorit der Wahlen oder ein mit heißer
Luft gefüllter Ballon? Bardella muss zunächst das Urteil vom 7. Juli
abwarten, um zum Test anzutreten.
6 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Rudolf Balmer
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