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       # taz.de -- Die Wahrheit: Die Rückkehr der Metal-Zwillinge
       
       > Aus den Augen, aus dem Sinn? Nicht bei den Metallern aus der
       > niedersächsischen Provinz, die verschwinden, aber auch wieder auftauchen.
       > Irgendwann …
       
       Die metallischen Achtziger erscheinen mir im Rückblick etwas arg
       überzeichnet. Klar, auf dem Sunset Strip, da mag auch schon mal ein
       Frotteeschlüpfer geflogen sein, wenn ein hübscher Jüngling mit einer
       Stratocaster vorm Bauch und einer sauren Dauerwelle auf dem Schädel das
       Whisky a Go Go in Wallung gebracht hatte. In einem selbstverwalteten
       Jugendzentrum in Salzgitter-Gitter passierte das nicht. Das sind
       Erfahrungswerte! Wer damals in der niedersächsischen Steppe mit Heavy Metal
       sein Glück zu machen suchte, traf immer dieselben sieben schwer
       erziehbaren, zu hundert Prozent männlichen Jugendlichen in Kutten. Man
       kannte sich bald.
       
       Beim dritten oder vierten Konzert unserer Gurkentruppe im UJZ Peine fielen
       uns zum ersten Mal die Zwillinge auf. Zwei linkisch am Rand stehende, aber
       nach jedem Song artig durchknallende, Horns aufzeigende Schmachthaken mit
       ungesunder Gesichtsfarbe und semmelblonder Matte, die aber anders als die
       übrigen fünf Peiner Huckeduster mitgrölten, als unser Sänger den
       jahrhundertealten Schmähruf der Braunschweiger Nachbarschaft anstimmte.
       „Wer wär schon gern Peiner …? Keiner!“ Sie gehörten also nicht zu den
       Hiesigen, sondern reisten uns hinterher. Mir wurde auf einmal ganz anders.
       Das hier war die Walachei-Variante eines Fanclubs.
       
       Tatsächlich sahen wir sie jetzt regelmäßig. Sie standen täppisch am Rand,
       frohlockten übertrieben in den Spielpausen, wie sich das für wahre Gläubige
       gehört, und wurden dafür im Anschluss von uns auf Händen getragen. Denn
       natürlich hofierten wir sie, nicht etwa umgekehrt, drängten ihnen Demos,
       Bandshirts und vor allem weitere wichtige Termine auf. „In drei Wochen im
       Jugendtreff Dungelbeck. Und bringt eure Kumpels mit!“ – „Hamwa nicht.“
       
       ## Verlorenes Paar
       
       So lief es viele Jahre, bis die Band dem guten Zureden von
       Familienangehörigen, Freunden und Musikkritikern endlich nachgab und sich
       auflöste. Wir verloren die Zwillinge aus den Augen und vergaßen fast, dass
       es zwei Menschen auf diesem Planeten gab, denen unsere Musik nicht völlig
       Latte war. Das ist mittlerweile vierzig Jahre her. Wir treffen uns immer
       noch regelmäßig und sorgen hin und wieder mit der Idee einer Reunion für
       Verstörung. Und die Kombattanten kommen auch gern zu meinen Metal-Lesungen,
       weil sie hier hören, dass ihr musikalisches Leben nicht völlig umsonst war.
       Sie glauben es beinahe schon.
       
       Neulich erst wieder in der Landesmusikakademie in Wolfenbüttel. Die Band
       war vollzählig, aber bevor ich ans Mikro trat, zeigte Knüppel auf zwei
       versplisst blondmähnige Altmetaller, die in der hintersten Ecke saßen und
       verschämte Blicke herüberwarfen. Ihre Kutten waren in den letzten vier
       Dekaden hemmungslosen Bierverzehrs zu Bolero-Jäckchen geschrumpft. Sie
       hatten etwas Metzger-Rouge aufgelegt, die gesunde Gesichtsfarbe des
       forcierten Fleischfressers. Doch das alles konnte uns nicht täuschen.
       
       „Die Zwillinge“, riefen wir unisono. Was dann folgte, war nun nicht wie im
       biblischen Gleichnis vom verlorenen Sohn – nein, es war doppelt so gut.
       
       8 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Frank Schäfer
       
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