# taz.de -- Einfluss auf kreative Arbeit: Was durch KI verloren geht
> Der Einsatz moderner Techniktools und künstlicher Intelligenz schreitet
> voran. Darüber vergessen wir, was früher tatsächlich mal besser war –
> ohne KI.
IMG Bild: CDs haben eine Bitrate von 1.411 Kilobits pro Sekunde … Wer Spotify hört, kriegt nur 160 Kilobits pro Sekunde
Selten führen Bücher unmittelbar zur Verhaltensänderung, aber neulich ist
mir das passiert. Während der Lektüre von Sarah O’Connors Buch „We are not
machines. The Fight for the Future of Work“ habe ich mein Spotify-Abo
gekündigt. Um eine Ahnung von den Auswirkungen der Digitalisierung und der
KI-Revolution zu bekommen, hatte die Reporterin der Financial Times einen
Streifzug durch die [1][Niederungen von Warenlagern, Bergwerken,
Fernlastlogistikern, Anwaltskanzleien] und Pflegeheimen unternommen.
„Mein Notizbuch füllte sich mit Geschichten von Menschen, die nicht von
Maschinen befreit wurden, sondern in Maschinensysteme gezwängt werden, die
ihnen den Takt vorgeben und in denen wichtige Eigenschaften wie Fairness,
Intelligenz, ja Menschlichkeit von Maschinen umdefiniert werden. Die neue
Frage war: Wir glauben, dass wir die Arbeit automatisieren, aber was wäre,
wenn wir stattdessen uns selbst automatisieren?“
Die Frage ist nicht neu, und auch die Gegenwartsbefunde sind bekannt: über
den neuen Stress in den Lagerhäusern von Amazon, die rasant wachsende Zahl
der Klausurarbeiten, Geschäftsbriefe, Gerichtsurteile, die automatisch
„generiert“ werden. Über den gut erforschten Verlust an Ausdrucksfähigkeit,
der damit einhergeht, über die Selbstverständlichkeit, mit der der Einsatz
von Robotern in der Pflege als unvermeidlicher Ausweg aus der
Finanzierungskrise propagiert wird – statt dass uns ein millionenfaches
Entsetzen darüber befällt, dass so etwas in reichen Gesellschaften möglich
geworden ist. Über den [2][Einzug der KI in Hollywood] und bei Texten und
Melodien vieler der Songs in den Streamingdiensten.
„Werden wir überhaupt noch merken, was wir verloren haben?“, fragt
O’Connor. Sie ist sich unschlüssig, bis sie zufällig einen Selbstversuch
macht. Sie legt eine CD in ihren alten CD-Spieler und ist „perplex über die
Fülle des Klangs“. Diese Empfindung war nicht nostalgisch: „CDs haben eine
Bitrate von 1.411 Kilobits pro Sekunde … Wer gratis Spotify hört, kriegt
nur 160 Kilobits pro Sekunde limitiert. Was mich wirklich beunruhigte, ich
hatte den Handel, den ich eingegangen war, nicht bemerkt: Ich hatte einfach
vergessen, um wie viel besser Musik geklungen hatte.“
## Das Gegenteil der rosaroten Brille
Für dieses Vergessen, schreibt sie, müsse es eigentlich einen Begriff
geben, wie für eine neue Krankheit. „Wenn jemand sagt, etwas war früher
besser, obwohl es das nicht war, nennen wir es: die Vergangenheit durch
eine rosarote Brille sehen; hier geht es um das Gegenteil: Wir haben
vergessen, dass es früher besser war, obwohl es wirklich besser war.“ Wir
verklären die mangelhafte Gegenwart – und wissen es nicht, weil wir uns
nicht mehr erinnern können. Der Neologismus, den sie dafür erfand:
Qualitynesia, Qualitätsvergessenheit. Doch der Begriff habe sich leider
nicht durchgesetzt.
Natürlich gibt es „die guten Dinge“ und die Qualitätsarbeit noch in Nischen
des Massenmarktes: „Wahrscheinlich gehen Bücher, Musik, TV und Filme
denselben Weg (wie Textilien); maschinell hergestellter [3][Content für die
Massen], menschengemachte Alternativen für diejenige, die es sich leisten
können.“ Geschmack ist eben auch eine Klassenfrage. O’Connor hütet sich vor
Spekulationen und spekulativen Forderungen, richtet ihr Augenmerk auf
Menschen, die widerstehen: Gewerkschafter, digitale Aussteiger, Ingenieure,
Unternehmer, die an einer menschenverträglichen KI arbeiten.
Die Frage, was die KI alles noch können werde, sei die falsche Frage. Die
richtige laute: Wie und wozu wollen wir die Digitalisierung anwenden? Und
wo nicht. „Die Zukunft der Arbeit könnte den menschlichen Geist
anspruchsvoller beschäftigen, den menschlichen Körper achtsamer behandeln
und die menschliche Seele stärker erfüllen. Aber das geht nicht ohne
Kampf.“
So endet das Buch. Auf der anderen Seite des Atlantiks lehnt sich in diesen
Tagen der US-Senator Bernie Sanders gegen eine andere Amnesie auf:
Geschichts- und Machtvergessenheit. Temperamentvoll erinnert er daran, dass
das Wissen, die Erfahrungen und die konstruktive Macht, die in den
Computersystemen steckt, auf der Arbeit der gesamten Gattungsgeschichte
ruht.
## Kerle, die immer reicher werden
Angesichts der Enteignung dieses Gattungswissens durch „Kerle, die nichts
anderes im Sinn haben als immer reicher und mächtiger zu werden“, vermisst
der demokratische Sozialist einen Sinn für Dringlichkeit bei seinen
Politikerkollegen. Man solle doch annehmen, wütet er, dass angesichts einer
Technologie, die ausnahmslos jeden Bereich des Lebens verändern und die
Spaltung zwischen Massen und Elite, Armen und Reichen dramatisch vertiefen
werde, zumindest Diskussionsbedarf bestünde.
Stattdessen: Befassungsverweigerung aus Angst vor dem Großen Geld,
Unwissenheit und Ohnmacht. „Okay, also was tun wir jetzt?, fragt der
84-jährige Senator aus Vermont. Und er fordert: „Erstens ein Moratorium,
bis wir Regeln haben, die die normalen Menschen schützen. Zweitens schlagen
wir einen Staatsfonds vor, der 50 Prozent der Anteile an diesen Industrien
hält.“ Um die Entwicklung steuern zu können und ein würdiges Sozialsystem
zu finanzieren. Und noch eine Amnesie nimmt Sanders aufs Korn, erinnert
anhand der amerikanischen Geschichte daran, dass kein Fortschritt der
Freiheit je ohne beherztes Handeln in die Welt kam.
Sanders hat nun seinen Antrag für den Staatsfonds im Senat eingebracht. Die
Forderung scheint so populär zu sein, dass der KI-Populist Sam Altman dem
Staat schon präventiv und freiwillig 5 Prozent anbietet. Auch wenn solche
Initiativen angesichts der realen Machverhältnisse zunächst nur symbolisch
sind: Die Forderungen allein öffnen den Raum für Diskussionen und weitere
Aktionen. Im Bundestag haben wir dergleichen noch nicht erlebt.
O’Connors kleine Geschichten von Menschen, die widerstehen und auf guter
Arbeit bestehen, Sanders plakativer Vorstoß – angesichts der Übermacht der
Oligarchen sind das vorerst nur kleine Aufbrüche. Ach ja, und bei Spotify
zu kündigen ist nur ein Klick. Aber „We are not machines“, das eignet sich
gut als Schlachtruf.
10 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Mathias Greffrath
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