# taz.de -- Seegras-Wiederansiedlung in der Ostsee: Verwaltung schickt der Natur eine Rechnung
> Ehrenamtliche Taucher sollen helfen, Seegraswiesen anzupflanzen. Dafür
> verlangt eine Bundesbehörde eine Nutzungsgebühr und gefährdet das ganze
> Projekt.
IMG Bild: Seegraswiesen sind Sauerstoffspender und Kohlenstoffsenken: In der Ostsee ist ein Renaturierungsprojekt aber gefährdet
Auf dem Grund der Ostsee soll wiedererstehen, was durch Umweltverschmutzung
zerstört wurde: weite Seegraswiesen – Lebensraum für Tiere und Pflanzen,
Sauerstoffspender und Kohlenstoffsenke. Tauchsportler haben es ehrenamtlich
übernommen, die Wiesen neu anzupflanzen. Doch das Renaturierungsprojekt ist
gefährdet.
Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) des Bundes verlangt
Gebühren – nicht nur für die Pflanzgenehmigung, sondern auch für die
Nutzung des Meeresbodens. Dass hier das Umweltministerium etwas in Gang
gesetzt habe, das jetzt von der zum Verkehrsministerium gehörenden WSV
torpediert werde, sei schwer nachvollziehbar, sagt Verena Platt-Till vom
BUND Schleswig-Holstein. „Das ist ein Fall für eine Satiresendung“, findet
sie.
Die [1][Wiederansiedlung von Seegras ist Teil des Forschungsprojekts
Zobluc] (Zostera marina als Blue-Carbon Kohlenstoffspeicher in der Ostsee)
des Geomar-Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel. Es wird mit sechs
Millionen Euro aus dem Aktionsprogramm „Natürlicher Klimaschutz“ der
Bundesregierung gefördert. Ziel ist es herauszufinden, welche Rolle
Seegraswiesen als Kohlenstoffspeicher spielen und damit zum Klimaschutz
beitragen können.
## Wiederansiedlung ist Handarbeit
„Seegraswiesen sind wie unterseeische Moore“, teilte [2][Thorsten Reusch,
der wissenschaftliche Projektleiter am Geomar,] mit, „sie speichern
Kohlenstoff, der über Jahrhunderte im sauerstoffarmen Sediment konserviert
wird.“ Im Rahmen des Projekts soll nun gezielt untersucht werden, unter
welchen Bedingungen Seegraswiesen besonders viel CO₂ speichern.
Die Wiederansiedlung von Seegras gehört auch dazu. Die Forscher versuchen,
die neuen Bestände durch Züchtung an den Klimawandel anzupassen. „Es nützt
wenig, wenn wir jetzt Seegraswiesen wieder anpflanzen, die dann in wenigen
Jahren wieder absterben, weil sie mit den steigenden Wassertemperaturen
nicht zurechtkommen“, erklärte Reusch.
Die Wiederansiedlung jedoch ist Handarbeit. Jede einzelne Pflanze muss in
einer existierenden Seegraswiese ausgegraben und am neuen Ort eingesetzt
werden. Das Geomar hat deshalb über den Tauchsportverband Ehrenamtliche
geworben, die diese Arbeit übernehmen. Geschult werden sie dafür von der
Meeresschutzorganisation Sea Shepherd.
Sehr viele Leute hätten sich bereit erklärt mitzumachen, heißt es beim BUND
Schleswig-Holstein. „Im vergangenen Jahr ist viel gepflanzt worden“, sagte
Meeresschutzreferentin Verena Platt-Till der taz. Doch wegen der
Gebührenforderung des WSV könne die Arbeit nicht weitergehen. Eine Saison
werde wohl komplett ausfallen, „und dann kann man hoffentlich nächstes Jahr
weitermachen“.
Der BUND hatte sich vor ein paar Monaten gemeinsam mit weiteren
Umweltverbänden und dem Tauchsport Landesverband Schleswig-Holstein (VDST)
an die beiden Bundesministerien gewandt, nachdem der VDST von dem Ansinnen
der WSV berichtet hatte. Schon die Genehmigungsgebühr von 500 bis 800 Euro
überfordere die meisten beteiligten Gruppen, sagte der Vorsitzende des
Tauchsportverbandes, Wolfgang-Dieter Glanz, dem Schleswig-Holsteinischen
Zeitungsverlag (shz).
„Noch dramatischer“ sei jedoch die Auslegung des Nutzungsbegriffs durch die
WSV. Demnach sollten die Tauchvereine und Gruppen einen Vertrag
abschließen, der jährliche Nutzungsentgelte für Wiederansiedlungsflächen
vorsehe. „Unabhängig davon, dass die gemeinnützigen Organisationen dieses
nicht leisten können und wollen, ist schon die Interpretation der
Renaturierungsmaßnahmen als Nutzung des Meeresbodens zu hinterfragen“,
zitiert ihn die Mediengruppe.
Geomar-Projektleiter Reusch antwortete der taz: „Aus wissenschaftlicher
Sicht ist es zu verneinen, dass eine Renaturierung eine Nutzung darstellt,
wie immer man auch Paragrafen dreht und wendet.“ So etwas habe er auch im
internationalen Kontext noch nie gehört, und viele andere Länder
renaturierten Küstenlebensräume wie Seegraswiesen bereits seit Jahrzehnten.
„Im Wort Renaturierung steckt ja bereits die Information, dass ein guter
ökologischer Zustand wieder hergestellt wird“, sagt Reusch. Dies sei nicht
nur ökologisch wegen der Vielzahl an positiven Effekten von Seegraswiesen
geboten wie Erhöhung von Biodiversität, Wasserqualität und Bindung von
organischem Kohlenstoff.
Es sei auch nach EU-Recht – der seit 2024 geltenden
Wiederherstellungsverordnung – zwingend für alle Mitgliedsstaaten
einschließlich Deutschlands vorgeschrieben. „Die NGOs sollten also eher vom
Bund Geld bekommen für die Renaturierung“, findet Reusch.
Für die schwarz-grüne schleswig-holsteinische Landesregierung fügt sich das
Forschungsprojekt in den [3][Aktionsplan Ostseeschutz ein, das
Trostpflaster für einen Nationalpark Ostsee], den die Grünen politisch
nicht durchsetzen konnten. Antworten von der WSV und den beteiligten
Bundesministerien erhielt die taz vor Redaktionsschluss nicht. Das Kieler
Umweltministerium teilte mit: „Wir arbeiten gemeinsam mit den zuständigen
Landes- und Bundesbehörden an einer Lösung.“
7 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Forschung-zu-Seegras-in-der-Ostsee/!6063463
DIR [2] https://www.helmholtz-klima.de/aktuelles/natuerlicher-klimaschutz-unter-wasser
DIR [3] /Zukunft-der-Ostsee/!5996361
## AUTOREN
DIR Gernot Knödler
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