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       # taz.de -- Debütroman von früherem Redenschreiber: Eiskalter Wind im Bundeskanzleramt
       
       > Autor Jean-Philippe Kindler hat einst für Linken-Politikerin Heidi
       > Reichinnek gearbeitet. In seinem Debütroman sieht sich eine
       > Redenschreiberin mit dem drohenden Faschismus konfrontiert.
       
   IMG Bild: Progressive und Konservative konkurrieren im Roman 2029 um die Kanzlerschaft. Unter Druck gesetzt werden sie von einer rechtsextremen Partei
       
       Wenn ein ehemaliger Mitarbeiter einer Bundestagsabgeordneten einen Roman
       über das politische Berlin schreibt, sind pikante Details aus dem Zirkel
       der Macht zu erwarten. Wenn es sich bei der Abgeordneten zudem um
       Linken-Fraktionschefin Heidi Reichinnek handelt, steigert das noch einmal
       die Brisanz. Hat ihr ehemaliger Redenschreiber [1][Jean-Philippe Kindler]
       also einen Schlüsselroman über die Linkspartei veröffentlicht? Oder muss
       man vom 1996 geborenen Kindler, der als Kabarettist bekannt wurde, eher
       eine bissige Satire erwarten?
       
       Weder noch. „Hier ist der Anfang und das Ende beginnt dort“ ist eindeutig
       eine Fiktion, reale Personen sind in den Figuren nicht wiederzuerkennen.
       Kindlers Roman schaut in die Zukunft, ist um die Bundestagswahl 2029
       angesiedelt. Dort stehen sich zwei fiktive Parteien gegenüber: Progressive
       und Konservative konkurrieren um die Kanzlerschaft.
       
       Unter Druck gesetzt werden sie von einer an die AfD erinnernden
       rechtsextremen Partei. Währenddessen macht eine Bürgerwehr Jagd auf
       Geflüchtete, die bundesrepublikanische Gesellschaft ist so weit nach rechts
       gekippt, dass ihr Vorgehen schulterzuckend oder sogar kopfnickend geduldet
       wird.
       
       ## Keine Ähnlichkeit mit Reichinnek
       
       In diese besorgniserregende Gemengelage schickt Kindler seine Protagonisten
       Estelle und Jonas. Estelle, die von allen nur Essie genannt wird, arbeitet
       als Redenschreiberin im Büro der progressiven Kanzlerkandidatin Sandra
       Terzinger-Köhn – nein, wider Erwarten keine Ähnlichkeiten mit Kindler oder
       Reichinnek. Die beiden kennen sich aus der linken Hamburger Szene, wo die
       heutige Kanzlerkandidatin nur „Sotti“ genannt wurde.
       
       Auf dem Weg zur Macht hat sie ihren Szenenamen abgelegt, ihrer alten
       Genossin Essie ist sie treu geblieben und beruft sie in ihr Wahlkampfteam.
       Was Essie dort vorfindet, hat wenig mit den linken Forderungen von einst zu
       tun. Mit ihrer Prinzipientreue eckt sie an, weniger moralisch ist sie in
       der nicht definierten Beziehung zum männlichen Protagonisten Jonas. Sein
       Vater ist gestorben, er wünscht sich Trost und wird von Essie geghostet.
       
       Das ist das Spannungsfeld in diesem Roman: Prinzipientreue im Politischen
       und Privaten. Jonas und Essie stehen für den Wunsch nach
       Kompromisslosigkeit, der dazu verdammt ist, nicht eingelöst zu werden.
       Links wie rechts wird derzeit der innere moralische Kompass ins Feld
       geführt, wenn es darum geht, sein Handeln zu legitimieren: Christian Linder
       ließ die Ampelkoalition in religiöser Anbetung der Schuldenbremse platzen.
       
       ## Junge Union und Letzte Generation
       
       Die Letzte Generation klebte sich aus einem Verantwortungsgefühl für den
       Planeten und kommende Generationen auf die Straße. Die Junge Union sägte
       mit einer ähnlichen Argumentation an der Rente. Die SPD als vermeintlich
       soziales Gewissen der Republik verteidigte sie.
       
       Nach den ideologisch homogenen Jahren der Merkel-Ära („alternativlos“) ist
       das Politische stärker durch Überzeugungen geprägt, die aber meist dazu
       verdammt sind, enttäuscht zu werden – in allen genannten Beispielen konnte
       keine Partei wirklich zu ihrem Recht kommen.
       
       In diesem Roman sind die Antagonisten dieser Prinzipientreue abgezockte
       Machtpolitiker und opportunistische Unternehmer, verkörpert durch die
       eisige Büroleiterin Terzinger-Köhns, die weder Schlaf noch Freunde braucht.
       Man mag nur hoffen, dass die Menschen im politischen Berlin nicht wirklich
       alle so sind. Als literarische Figuren sind sie in ihrer Eindimensionalität
       leider unglaubwürdig.
       
       ## Politthriller mit geballten Gefühlen
       
       Die Frage nach dem Genre dieses Romans ist dabei nicht leicht zu
       beantworten, der Titel ist ein Rilke-Zitat, sprachlich ist Kindler aber dem
       Politthriller näher. Gefühle sitzen hier gerne im Hals, laufen ihn hinunter
       oder ballen sich in ihm zusammen – kurzum: Die Handlung steht im
       Vordergrund.
       
       Sie kulminiert wenige Tage vor der Bundestagswahl in einem Anschlag der
       Bürgerwehr auf linke Aktivisten, ein ehemaliger Genosse Essies und Sottis
       stirbt dabei. Sandra Terzinger-Köhn hätte die Informationen, um eine
       Verwicklung ihres konservativen Gegners nachzuweisen. Als ihre Chefin aus
       taktischen Gründen nicht diesen Weg geht, sieht Essie sich zum Handeln
       gezwungen, um endlich ihrer Überzeugung treu zu bleiben. Ob ihre
       Intervention Erfolg hat – was sie genau macht, sei an dieser Stelle nicht
       verraten –, bleibt offen.
       
       Und so bekommt das Einstehen für seine Überzeugungen noch einen Spin, der
       den obigen Relativismus – am Ende behaupten alle, gemäß ihren Werten zu
       handeln – ins Wanken bringt. Unabhängig von der politischen Couleur könnte
       das nicht erst 2029 unangenehm relevant werden, wenn die AfD im September
       in Sachsen-Anhalt an die Macht kommen sollte. Was werden etwa die
       Staatsbeamten machen, wenn sie angewiesen werden, rassistische Politik in
       die Tat umzusetzen?
       
       „Hier ist der Beginn und das Ende ist dort“ läuft auf die Frage hinaus: Was
       würdest du tun, wenn der Faschismus vor der Tür steht? Das klingt platt,
       wird von Kindler aber erzählerisch elegant gelöst. Er gibt keine Antwort
       auf die Frage, ob Essies Handeln am Ende richtig war.
       
       11 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Kapitalismuskritik/!5970968
       
       ## AUTOREN
       
   DIR David Hinzmann
       
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