# taz.de -- Berufungsurteil in Frankreich: Marine Le Pen darf zur Wahl antreten – und will es auch
> Die Rechtspopulistin kann sich 2027 im französischen
> Präsidentschaftswahlkampf aufstellen lassen. Das Gericht erklärte sie
> aber der Unterschlagung für schuldig.
IMG Bild: Marine Le Pen verlässt am Dienstag das Berufungsgericht in Paris
Das Berufungsgericht in Paris wollte für die Rechtspopulistin Marine Le Pen
ein salomonisches Urteil fällen: Marine Le Pen, Fraktionsvorsitzende des
Rassemblement National (RN), sollte für schuldig erklärt und zu einer
Haftstrafe verurteilt werden, doch die Verantwortung für alle politischen
Konsequenzen wollte man im Namen der Justiz nicht übernehmen. Ein strenges
Urteil mit einem Verlust der Wählbarkeit nämlich hätte Le Pen automatisch
an einer Kandidatur gehindert. Der Gerichtsbeschluss von Dienstag ist für
Le Pen weniger zwingend. Und niemand kann sagen, es sei die Justiz gewesen,
die sie aus dem politischen Rennen genommen hätte. Das Urteil sorgte am
Dienstagnachmittag in und außerhalb des Gerichts für Konfusion und
Ratlosigkeit.
Wie schon [1][von der ersten Gerichtsinstanz im März 2025] ist die
Rechtspopulistin Marine Le Pen wegen Unterschlagung von EU-Geldern zur
Finanzierung von Parteiaktivitäten für schuldig erklärt worden. Allerdings
nur noch zu drei Jahren Haft verurteilt – in der ersten Instanz waren es
noch vier Jahre –, von denen sie ein Jahr mit einer elektronischen
Fußfessel verbüßen muss. Außerdem muss Le Pen ein Bußgeld von 100.000 Euro
zahlen.
Entscheidend aber ist für sie vor allem die Nebenstrafe, die ihre
bürgerlichen Ehren betrifft. Wollte die erste Instanz einen Verlust des
passiven Wahlrechts mit sofortiger Wirkung und für eine Dauer von fünf
Jahren, gibt sich das Berufungsgericht weniger streng. Die Richter ordneten
eine 45-monatige Ämtersperre an, setzten aber 30 Monate zur Bewährung aus.
Damit könnte sie am 18. April 2027 bei der Präsidentschaftswahl antreten,
weil die verbleibenden 15 Monate zu diesem Zeitpunkt bereits abgegolten
sind.
## Jede Wahlkampfreise bewilligen?
Le Pen könnte also zum vierten Mal zu den Präsidentschaftswahlen antreten.
Doch ist das tatsächlich machbar mit einer elektronischen Fußfessel, die
sie theoretisch auch als gewählte Staatschefin tragen müsste, falls die
Justiz ihr nicht eine zusätzliche Erleichterung gewährt? In den Wochen vor
dem Berufungsurteil hatte Marine Le Pen in den Medien betont, es sei nicht
realistisch, mit einer elektronischen Fessel einen Wahlkampf zu führen,
sich täglich auf dem Polizeiposten zu melden und sich jede Wahlkampfreise
in die Provinz vom Gericht bewilligen zu lassen.
Die Entscheidung zur Kandidatur unter diesen Bedingungen wollte das Gericht
der verurteilten RN-Politikerin und ihren Parteikollegen überlassen. Und
wie Patrick Maisonneuve, der Anwalt des Europaparlaments, zu dem Urteil
meinte, ist es an den Wahlberechtigten zu sagen, ob sie eine verurteilte
Politikerin als Staatspräsidentin haben wollen.
Am Abend gab Le Pen dann bekannt trotz ihrer Verurteilung für die
Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr kandidieren zu wollen. Sie wolle
gegen ihre Verurteilung Revision einlegen und als Kandidatin antreten,
sagte die 57-Jährige im Sender TF1.
## Schlangen vor dem Gericht
Schon in den ersten Morgenstunden standen vor dem Gericht Dutzende von
Journalisten und Neugierige Schlange, um die Verkündung des mit größter
Spannung erwarteten Urteils und dessen Begründung am Nachmittag aus erster
Hand zu erfahren. Selten hatte in Frankreich ein Gerichtsurteil so direkt
politische Konsequenzen wie der Prozess wegen der Unterschlagung von
insgesamt rund 4 Millionen Euro des EU-Parlaments durch die Parteiführung
des RN.
Diese Mittel sollten der Bezahlung der parlamentarischen Assistenten der
EU-Abgeordneten dienen, wurden in Wirklichkeit aber zur Finanzierung von
Mitarbeitern der Partei ohne Bezug zum EU-Parlament verwendet. In dem
Prozess lagen schriftliche Dokumente vor, die belegen, dass die damalige
EU-Abgeordnete und Parteichefin von diesem System einer illegalen
Finanzierung des RN nicht nur informiert war, sondern dabei eine führende
Rolle spielte.
## Le Pen betrachtet sich als unschuldig
Vor Gericht hatte Le Pen erklärt, sie verstehe nicht, weshalb man sie
strafrechtlich zur Verantwortung ziehe. Sie betrachte sich als unschuldig.
Dies umso mehr, als das Europaparlament nie die Praktiken mit solchen
Anstellungsverträgen kritisiert hatte. Für die Gerichtspräsidentin war das
aber offenbar kein überzeugendes Argument.
Zweimal kam Marine Le Pen bereits in eine Stichwahl um das
Präsidentschaftsamt. Sie hatte 2011 die Partei von ihrem Vater Jean-Marie
Le Pen geerbt, der sie unter dem Namen Front National (FN) zusammen mit
Ehemaligen der Waffen-SS gegründet hatte. Ihre Führung war bisher ebenso
autoritär und unbestritten wie die ihres Vaters. Sollte sie nicht antreten,
stünde mit dem jungen RN-[2][Parteivorsitzenden Jordan Bardella] ein
Ersatzkandidat bereit. Bardella ist populär – und könnte damit weit mehr
sein als ein „Plan B“.
7 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Rudolf Balmer
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