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       # taz.de -- NSDAP-Mitgliedskarteien: Echte Aufklärung oder Beruhigungspille?
       
       > Halb Deutschland informiert sich gerade, ob Uropa Ernst oder Großtante
       > Erna bei den Nazis mitgemacht haben. Warum dahinter mehr als nur Neugier
       > steckt.
       
   IMG Bild: War Opa mit dabei? Adolf Eichmann beim Hofgang im Gefängnis
       
       Da ist zum Beispiel Geheimrat Dr. Eduard Sethe, geboren 1884 in Kassel. Als
       Botschafter war er in der Welt unterwegs, in der Nazizeit kümmerte er sich
       im Auswärtigen Amt um so diffizile Angelegenheiten wie einen Austausch
       zwischen in Palästina internierten Deutschen und Juden aus Palästina, die
       bei Kriegsbeginn 1939 zu Besuch in Polen waren. Dort gerieten sie in die
       Mordmaschine der SS. Sethe oblag es, die britische Gegenseite über die
       Morde zu täuschen, um die Heimholung der Palästina-Deutschen nicht zu
       gefährden. Die Angelegenheit klappte.
       
       All das steht natürlich nicht auf einer Karteikarte der NSDAP. Aber
       immerhin dieses: Sethe, ein nicht zum Widerspruch neigender Bürokrat, trat
       am 1. Oktober 1934 in die Partei ein und erhielt die Mitgliedsnummer
       2.753.108. Es war wohl eine die Karriere förderliche Entscheidung, so wie
       bei Zehntausenden „Volksgenossen“, die in diesem Jahr zur NSDAP fanden.
       
       „Finden Sie heraus, was Ihre Familie unter Hitler getan hat.“ Mit diesem
       Titel preist der Spiegel [1][hinter einer Bezahlschranke] einen Service an,
       wie es ihn in Deutschland noch nicht gegeben hat. „Recherchieren Sie hier
       die NSDAP-Vergangenheit Ihrer Familie“, heißt es seriöser bei der Zeit.
       „War Opa ein Nazi? Und die Großmutter?“, fragt seit Kurzem auch die
       Süddeutsche Zeitung.
       
       Jeder Leser ist eingeladen, den Namen des verstorbenen Uropas oder der
       dementen Tante einzugeben. Danach erfährt man zwar nicht, was die
       Betreffenden zur Nazizeit getrieben haben, aber immerhin doch, ob über sie
       eine Mitgliedskartei der NSDAP vorliegt.
       
       ## Es geht auch um die Befriedung von Neugier
       
       War der Urgroßvater ein Nazi? Das zu bestimmen, ist mithilfe der
       Karteikarten höchstens annäherungsweise zu erfahren. Schließlich gab es
       reichlich deutsches Personal, das sich widerspruchslos an Massenmorden
       beteiligte, ohne in der Nazipartei gewesen zu sein – und umgekehrt einige
       wenige NSDAP-Mitglieder, die Juden unterstützten. „Es gab sehr viele Täter
       und Gehilfen, die nicht in der NSDAP waren“, sagt Oberstaatsanwalt Thomas
       Will, der als Leiter der Zentralen Stelle in Ludwigsburg nach den letzten
       lebenden Mördern aus der NS-Zeit sucht.
       
       Wer will, kann noch mehr Einwände finden. Die Kartothek über die knapp zehn
       Millionen NSDAP-Mitglieder ist inkomplett, es fehlen historisch bedingt
       etwa 20 Prozent der Mitglieder. Die drei Medien haben zudem alle Personen
       mit einem Jahrgang ab Mitte 1926 aussortiert, weil der deutsche Datenschutz
       dies so verlangt. Das hat das US-Nationalarchiv, dass die Datei [2][im
       Frühjahr als erstes frei zugänglich ins Internet stellte], nicht nötig.
       Aber der Datenwust ist dort schwerer zugänglich.
       
       Bei aller Kritik: „Es handelt sich um die erste große digitale
       Aufklärungskampagne“, lobt Johannes Tuchel, früherer Leiter der
       Gedenkstätte Deutscher Widerstand, die Recherchemöglichkeit per Mausklick.
       Das große Interesse erklärt der Politikwissenschaftler auch damit, „dass es
       immer interessant ist, wenn etwas scheinbar Verbotenes auftaucht“. Und
       natürlich ginge es bei der großen Resonanz auch um die Befriedigung von
       Neugier.
       
       Nun ist es allerdings so, dass nahezu alle früheren NSDAP-Anhänger längst
       das Zeitliche gesegnet haben. Größere innerfamiliäre Konflikte sind daher
       nicht mehr zu befürchten, anders als etwa in den 1970er-Jahren. Tuchel:
       „Aber jetzt können die Kinder der Kinder fragen: ‚Was habt ihr damals von
       euren Eltern erfahren?‘“
       
       Grundlage dieser Art Familienforschung ist ein durchaus angebrachtes
       Misstrauen gegenüber den Erklärungen der älteren Generation zu deren
       Lebzeiten. Zugegeben wurde häufig nur, was nicht mehr zu leugnen war.
       Staatsanwalt Will bestätigt den Unwillen von Beschuldigten, sich mit ihrer
       Vergangenheit offen auseinanderzusetzen. „Es ist eine absolute Ausnahme,
       dass sich ein Angeklagter umfangreicher über die Vergangenheit und die
       eigenen Verstrickungen geäußert hat. In den letzten Jahren gab es nur einen
       einzigen.“
       
       Strafrechtlich sei eine Mitgliedschaft in der NSDAP aber ohne Belang. Will:
       „Für uns sind das lediglich Zusatzinformationen zur Person. Steht da
       vielleicht ein letzter Wohnort auf der Karteikarte? Können wir
       Personendaten vervollständigen?“ Verurteilungen sind nur noch wegen Mordes
       möglich, alle anderen Straftaten aus der Nazizeit sind verjährt.
       
       ## Die Ergebnisse können Fehler enthalten
       
       Als Grete Stattler, spätere Meyerhoff, am 1. 11. 1931 in die NSDAP eintrat,
       war sie erst 17 Jahre alt und Schülerin. Die überzeugte Nationalsozialistin
       erhielt die Mitgliedsnummer 691.275. Stattler wandte sich der Bienenkunde
       zu, heiratete den späteren Biologielehrer Dietrich Meyerhoff. Wegen ihrer
       Nazivergangenheit geriet sie von 1945 bis 1948 in das sowjetische Lager
       Sachsenhausen. Später galt sie als „Bienenmutter der DDR“. Von Stattler
       existiert eine zweite Mitgliedskartei aus dem Jahre 1935. Dort wurde sie
       unter der Nummer 3.706.436 registriert. Diese Kartei fehlt in der
       Spiegel-Datenbank.
       
       Oder Alois Weiß, geboren 1906 in Ruma in Österreich-Ungarn, beim Spiegel
       fälschlich Runa genannt. Eintritt in die NSDAP am 1. Mai 1931,
       Mitgliedsnummer 519.212. Lebte in Neubiberg bei München, Beruf
       Eisenhändler, also Schrotthändler. Ein alter Kämpfer, aber ohne Fortune.
       Was die Karteikarte nicht preisgibt: Weiß wurde 1939 wegen bitterböser
       Äußerungen über die Partei aus der NSDAP ausgeschlossen und kam in Haft.
       Trotzdem gelang ihm später eine Karriere. Als Scharfrichter im besetzten
       Prag tötete er zwischen 1943 und 1945 mehr als 1.000 Menschen, darunter
       viele tschechische Widerstandskämpfer. Ganz ohne Parteibuch.
       
       Die Stattler- und Weiß-Karten machen deutlich: Nicht alles stimmt. „Die
       Ergebnisse können Fehler enthalten“, schreibt der Spiegel, und auch Zeit
       und SZ weisen auf mögliche Unstimmigkeiten hin. Stichproben ergeben, dass
       diese Fehler vor allem bei Schreibweisen von Personen oder Orten vorkommen
       – bisweilen ärgerlich für Nutzer, aber keineswegs geschichtsverfälschend.
       
       Verspricht der Spiegel zu viel? Aber selbstverständlich! Was Familien
       gemacht und Menschen gedacht haben, lässt sich anhand der
       NSDAP-Karteikarten nicht rekonstruieren. Immerhin gibt es Hinweise: Ein
       früher Eintritt von 1933 verweist auf Überzeugungstäter, ein späterer auf
       politische Biegsamkeit und den Wunsch nach einer ungestörten Karriere,
       erklärt Politikwissenschaftler Tuchel. Fälle, in denen junge Männer oder
       Frauen unwissentlich zu NSDAP-Mitgliedern gemacht worden seien, wie von
       Betroffenen kolportiert, seien ein Akt „selektiver Amnesie“, sagt Tuchel.
       So etwas habe es nicht gegeben.
       
       Als einzige Quelle hält Tuchel die Karteikarten allerdings für nicht
       brauchbar. Wohl aber als ersten Ansatzpunkt einer Recherche. Die drei
       Medien verweisen auf solche Möglichkeiten, das Bundesarchiv sowieso, im
       Internet wie in Archiven. „Es wird einige Menschen geben, die
       weiterschauen“, hofft Tuchel.
       
       ## Eichmann kommt daher wie Lieschen Müller
       
       Zum Beispiel Adolf Eichmann, geboren 1906 in Solingen. Karten der Zentral-
       und der Gaukartei verweisen auf seine Mitgliedschaft in der NSDAP seit dem
       1. April 1932 unter der Nummer 899895. Als Wohnort ist einmal Berlin und
       einmal Linz angegeben. Der Organisator der Juden-Deportationen kommt in der
       Mitgliederkartei ebenso daher wie Lieschen Müller, also ohne jeden Hinweis
       auf seine massenmörderische Tätigkeit. Das macht deutlich, dass es sich
       wirklich nur um Basisinformationen handelt, die da zu finden sind.
       
       Und doch werden bei erfolgreicher Suche alte, gerne geglaubte Erzählungen
       plötzlich unglaubwürdig, meint der Jurist Will. Wenn etwa der Onkel, der
       immer behauptet hatte, ein Nazigegner gewesen zu sein, schon 1932 der NSDAP
       beigetreten ist, dann korrigiert das lang gehegte Familienmythen.
       Mathematisch betrachtet dürfte etwa jede zehnte Recherche mit einem Treffer
       enden. Das könnte das Bild vieler jüngerer Deutscher von ihren Familien als
       Hort des Widerstands korrigieren, glaubt Tuchel. Und damit erzeugt die
       Suche tatsächlich eine aufklärerische Wirkung – etwas, was im Internet
       derzeit nicht unbedingt die Regel ist.
       
       Manche Historiker mögen die Nase rümpfen, dass Quellen vermehrt im Internet
       auftauchen und nicht länger in Archiven verborgen sind, aber ein
       niedrigschwelliger Einstieg vergrößert nun einmal die Zahl der
       Interessierten. Natürlich war es auch vorher kein Problem, beim
       [3][Bundesarchiv] formlos die Einsicht in die Karteikarte des Urgroßvaters
       zu beantragen, wie Thomas Will anmerkt. Immerhin 75.000 solcher und
       ähnlicher Anfragen gehen dort jährlich ein.
       
       Aber der Spiegel hat gewiss schon jetzt ganz andere Hausnummern erklommen.
       Zu Nutzerzahlen mochte sich eine Sprecherin gegenüber der taz nicht äußern.
       Nur so viel: Der Themenkomplex zum NSDAP-Archiv werde „von unseren
       Leserinnen und Lesern sehr gut angenommen“. Was bedeutet: Den
       Abonnentenzahlen dürfte das Thema nicht gerade geschadet haben.
       
       Als historischen Wendepunkt möchte Johannes Tuchel die freie Verfügbarkeit
       der NSDAP-Karteien nicht bezeichnen. Aber doch dies: „Es ist alles gut, was
       dazu beiträgt, dass die Menschen sich mit dem Nationalsozialismus
       auseinandersetzen.“
       
       11 Jul 2026
       
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   DIR Klaus Hillenbrand
       
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