# taz.de -- Die Wahrheit: Die Schlacht um die Schlacht
> In Nordirland hält sich noch immer unionistische Folklore als „Sieg“ des
> Protestantismus über den Katholizismus. Rund geht’s etwa in Dolly’s Brae
> …
Am 12. Juli war es wieder so weit. Nordirlands Oranier, die sich als Briten
fühlen und im Vereinigten Königreich bleiben wollen, feierten die Schlacht
am Boyne, als ob sie gestern geschlagen worden wäre. Aber in Wirklichkeit
ist es 336 Jahre her, dass der Namensgeber des Ordens, Wilhelm von Oranien,
seinen katholischen Widersacher und Schwiegervater Jakob II. besiegt und
die protestantische Thronfolge in Großbritannien gesichert hat.
Der Orden veranstaltet in Nordirland mehr als 3.000 Paraden im Jahr, und
nicht immer geht es dabei friedlich zu. Eine der ersten Paraden, bei denen
es zu Tod und Zerstörung kam, fand am 12. Juli 1849 in Dolly’s Brae in der
Grafschaft Down statt. Die Oranier waren zuvor noch nie durch das
ausschließlich katholische Dorf marschiert. Zunächst blieb es ruhig, obwohl
die Oranier bis an die Zähne bewaffnet waren und antikatholische Lieder
sangen. Das führte aber dazu, dass die Ribbonmen, eine Volksbewegung armer
Katholiken gegen Grundbesitzer, ihnen auf dem Rückweg den Weg versperrten.
Dann fiel ein Schuss, von einem der Oranier abgefeuert, und sofort brach
ein Scharmützel aus, aber das Militär und die Polizei griffen nicht ein.
Nach der Schlacht fand die Polizei 18 Heugabeln, sieben Spieße und zehn
Musketen. Kein einziger Oranier war verwundet worden, und nur ein Polizist
war verletzt, weil er versehentlich von einem seiner Kollegen mit einem
Bajonett aufgespießt worden war.
Mindestens dreißig Ribbonmen waren getötet, zehn Häuser und die katholische
Kirche niedergebrannt worden. Unter den Toten befanden sich Hugh King, ein
zehnjähriger Junge, der an Schussverletzungen starb, und Anne Taylor, eine
85-jährige Frau, deren Tod durch einen Schlag auf den Schädel verursacht
worden war. 35 Katholiken wurden verhaftet, aber kein einziger Oranier.
## Hämische Lieder
Der Vorfall in Dolly’s Brae wurde Teil der unionistischen Folklore als
bedeutender Sieg des Protestantismus über den Katholizismus. Noch heute
feiern die Oranier das Ereignis. Sie singen hämische Lieder, die den Tag
preisen, an dem sie trotz Widerstands einen Marsch durchgesetzt und 30
Feinde getötet haben, die versuchten, ihnen den Weg zu versperren.
Allzu viel hat sich seitdem nicht geändert, die Oranier feiern nach wie vor
die ewige Schlacht mit Triumphzügen, die für Außenstehende bizarr anmuten.
Sie ziehen sich schwarze Anzüge an, setzen sich Bowlerhüte auf den Kopf und
hängen sich orange Schärpen um den Hals. Vermutlich werden einige
verdiente, aber verstorbene Oranier zur Feier des Tages ausgebuddelt und in
schwarze Limousinen gesetzt, um an den Triumphzügen teilzunehmen.
Was aber soll mit den Oranierleichen geschehen, wenn Irland in nicht allzu
ferner Zukunft vereint ist und die Triumphzüge der Vergangenheit angehören?
Nun, es gibt in Dolly’s Brae das „Orange Taxidermists Studio“, hier können
sie dann fachmännisch präpariert werden.
13 Jul 2026
## AUTOREN
DIR Ralf Sotscheck
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