# taz.de -- Krieg in Russland: Invasion in Wyborg
> Die russische Stadt nahe der finnischen Grenze wird von Russ*innen aus
> St. Petersburg und Umgebung überrannt. Kürzlich schlug auch hier eine
> Drohne ein.
IMG Bild: Die schwedische Burg und das historische Zentrum von Wyborg
Tagesausflüge von Sankt Petersburg nach Wyborg boomen seit Jahren. Mit dem
Zug dauert die Fahrt nur eine Stunde und zwölf Minuten. Die einst finnische
Stadt mit heute rund 70.000 Einwohner*innen befindet sich zwar auf
russischem Territorium, aber ihr unverwechselbares Flair vermittelt das
Gefühl einer aus geopolitischen und finanziellen Gründen für viele
unerschwinglich gewordenen Reise ins westlichere Europa.
Über dem historischen Zentrum thront eine schwedische Burg und neben den
verspielten Fassaden zahlreicher zu Beginn des 20. Jahrhunderts
entstandener Gebäude finden sich Glanzstücke des finnischen Funktionalismus
wie die berühmte von Alvar Aalto entworfene Bibliothek.
[1][Bis zur finnischen Grenze sind es 30 Kilometer, die jedoch ist seit
November 2023 bis auf Weiteres komplett geschlossen]. Finnische
Schokoriegel, die hinter der Grenze für weniger als einen Euro zu haben
sind, kosten auf dem Markt von Wyborg dreimal so viel. Lokale
finnisch-karelische Köstlichkeiten sind weitaus erschwinglicher, das
Zugticket für knapp über drei Euro ist fast geschenkt. An Wochenenden und
Feiertagen tritt man sich wegen des Andrangs auf der zentralen Burgstraße
regelrecht auf die Füße.
Auf dem Markt gibt es auch Königsberger Marzipan aus Kaliningrad zu kaufen.
„Die Leute mögen das“, meint eine Händlerin, dabei preist sie das weitaus
teurere Lübecker Marzipan an. Importe liefen ja weiterhin, man verwöhne
sich eben, wo man nicht mehr über die Grenze komme, trotzdem warte sie auf
bessere Zeiten. „Aber tief im Herzen hat sich am guten Verhältnis zu den
Menschen hinter der Grenze nichts geändert“, ist sie überzeugt.
## Schräger Vergleich
Nicht alle hier finden es schlecht, dass die Grenze dicht ist. „Es ist gut,
dass wir vor den Nato-Truppen geschützt sind“, lamentiert eine ältere
Verkäuferin in einem der vielen Souvenirläden. Sie verlasse sich voll und
ganz auf die russischen Grenztruppen und Militärstützpunkte in der Gegend
mit Verweis auf den von der Sowjetunion gegen Finnland geführten
Winterkrieg 1939/1940. Ein schräger Vergleich, wo doch die Sowjetunion das
Nachbarland angegriffen hatte. Auch, dass die Grenze auf Initiative der
finnischen Regierung geschlossen wurde, erwähnt sie nicht. Ein Großteil der
zum Verkauf stehenden Gegenstände aus Holz und Bast werde, das gibt sie zu,
aus Litauen importiert.
Seit Kurzem hat Wyborg eine neue Attraktion, fast möchte man sie als
zeitgemäß bezeichnen. Die Fassade des einst schmucken vierstöckigen
Wohnhauses am Meerufer Nummer 24 ist in einem erbärmlichen Zustand. Der
Putz blättert ab, die Originalfarbe lässt sich nicht bestimmen. Auf dem
Dach klafft eine große Lücke.
„Sind Sie deshalb hierhergekommen?“ Der Fragesteller ist ein etwa
elfjähriger Junge, der auf seinem Tretroller angefahren kommt. Er zeigt auf
das beschädigte Hausdach. „Viele Touristen kommen, um sich das
anzuschauen.“ Am frühen Morgen des 25. März waren Fragmente einer
abgeschossenen ukrainischen Drohne eingeschlagen. Es brach Feuer aus,
Personen kamen nicht zu Schaden. Der Junge berichtet, er wohne im obersten
Stock und sei von dem heftigen Einschlag aufgewacht. „Ich hatte richtig
Angst“, sagt er. Nun hofft er, dass das Haus komplett saniert werde. Die
Elektrik sei schon im letzten Jahr erneuert worden.
[2][Das Leningrader Gebiet, zu dem Wyborg gehört, steht regelmäßig unter
Beschuss]. Knapp 50 Kilometer südlich entlang der Küste liegt die Ortschaft
Primorsk und gleich dahinter der bedeutendste russische Ölverladehafen an
der Ostsee mit direkter Anbindung an die Transneft-Pipelines. Von hier sind
es hundert Kilometer bis Sankt Petersburg.
## Sinkende Kaufkraft
In Wyborgs Geschäften scheint indes nicht die Angst vor Drohnen zu
überwiegen, sondern vor der sinkenden Kaufkraft. Dabei wurde im vergangenen
Jahr die magische Marke von zwei Millionen Besucher*innen geknackt.
Deren Verweildauer ist recht kurz, denn weniger als ein Viertel bucht eine
oder höchstens zwei Übernachtungen. Das mag auch an der auf solche
Touristenmassen nicht eingestellten Infrastruktur liegen. Das Limit an
freien Betten ist zu Stoßzeiten schnell erreicht. Cafés gibt es en masse,
vor manchen bilden sich Schlangen, andere verkürzen selbst in der
Hauptsaison ihre Arbeitszeiten. „Aus technischen Gründen“, sagt eine
Betreiberin. Nach 18 Uhr sei bei ihr nicht mehr viel los.
In der Burgstraße, einer engen, als Fußgängerzone ausgewiesenen Gasse,
durch die alle Tourist*innen geschleust werden, gibt es alle paar Meter
Krendel zu kaufen. Diese nach einem Rezept aus dem 15. Jahrhundert
hergestellten Brezeln aus würzigem Teig gelten als lokale Spezialität. In
einem Laden mit dem klingenden Namen „Seelenküche“, oder auch „Küche mit
Herz“, fällt einer Kundin auf, dass kürzlich der Preis für einen Krendel
noch bei 200 Rubel (knapp 2,50 Euro) lag. Jetzt kostet er drei Euro.
Die Verkäuferin nickt. „Das ist nur für die Touristen“, erklärt sie. „Aber
die geben ja so oder so ihr Geld aus“, fügt sie mit einem etwas gequält
wirkenden Lächeln hinzu. Ob sie damit meint, dass die Einheimischen
schlichtweg keine Krendel kaufen, weil sie es sich nicht leisten können
oder aber zum Vorzugspreis unter dem Ladentisch, lässt sich dem nicht
entnehmen. „Wir sind selber von den Preisen in den Läden schockiert“,
kommentiert eine andere Frau, die gerade den Laden betreten hat.
Aber da ist noch ein Thema, das die Menschen zu beschäftigen scheint:
veruntreute Staatsgelder, ein russischer Klassiker. „Sie sagen immer, es
gibt Geld für Bau und Sanierung, aber dann ist das komplette Geld plötzlich
weg“, mokiert sich eine ältere Verkäuferin in einem Laden etwas abseits vom
großen Trubel und mit einem reichhaltigen Sortiment an Unterwäsche und
Matrosenshirts bis zu diversen Abzeichen, einschließlich Schulterklappen
für Uniformträger*innen. Ihre Kollegin nickt. Dass Kundschaft im Raum ist,
scheint sie nicht zu stören.
## Dicke Geldbündel
Saniert wird in der Stadt durchaus, aber nur entlang touristisch relevanter
Routen und vor der Coronapandemie auch im ganz großen Stil. Für die
Neugestaltung des im 18. Jahrhundert entstandenen Landschaftsparks Monrepo
(meine Ruhe) gab es damals sogar einen Kredit der internationalen Bank für
Wiederaufbau und Entwicklung.
In einer Seitengasse der Touristenmeile laden schmucke Hauseingänge und
ansprechend gestaltete Schilder ein, sich in kleinen Läden umzuschauen.
Dort gibt es Kunsthandwerk aus Ton, Leinen, Glas oder Gusseisen zu kaufen.
In einem alten Reisekoffer befinden sich dicke Bündel mit sowjetischen
Geldscheinen.
5,50 Euro kostet hier ein Lotterielos mit garantiertem Gewinn unter dem
Motto „Back to the USSR“. Gegenüber hängt Toilettenpapier an einer
gusseisernen Halterung mit den Konterfeis dreier amtierender Präsidenten –
Emmanuel Macron, Donald Trump und Wolodymyr Selenskyj. Sie alle strecken
ihre Zunge raus, bereit, den Käufer*innen den Hintern zu lecken.
Der Buchstabe Z als Symbol für den angekündigten Sieg über die Ukraine hat
sich in der Stadt übrigens rargemacht. 2022 war das anders, da fand sich
nicht nur an der Tür jedes Alkoholgeschäfts ein Z. Antikriegssymbolik
hingegen ist strafbar und allein schon deshalb nicht einfach zu finden. In
einer Seitengasse steht ein Wunschbaum, geschmückt mit Hundertern kleiner
runder Holztäfelchen, die im Laden nebenan zu haben sind. Die Aufschriften
klingen meist banal, es geht um Geld, Karriere und die erste Liebe.
Dazwischen dann aber doch: Peace in Ukraine, es möge Frieden herrschen.
11 Jul 2026
## LINKS
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## AUTOREN
DIR Vera Bessonova
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