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       # taz.de -- Heulende Fußballer bei der WM: Alle Weltmeister im Weinen
       
       > Tränen im Fußball sind nichts Neues, aber bei dieser WM wird doch sehr
       > viel geflennt. Was ist mit den Männern los? Zum Heulen gäbe es doch
       > bessere Gründe.
       
   IMG Bild: Wirklich so schlimm? Der türkische Nationalspieler Mert Müldür ist untröstlich über das WM-Aus
       
       Männer weinen heimlich. [1][Das sang jedenfalls mal Herbert Grönemeyer.]
       Doch die Zeiten sind vorbei. Zumindest auf dem Stadionrasen dieser WM und
       drumherum. Seit Beginn des Turniers vergeht kaum ein Tag, an dem nicht die
       Tränen fließen. Erwachsene Männer in verschwitzten Trikots schluchzen,
       flennen, heulen, lassen ihre Tränen ungehindert über das Gesicht kullern.
       Aus Glück, Trauer, Frust, Erleichterung, Enttäuschung. Die Emotionen sind
       vielfältig und oft herzzerreißend, die Zuschauer total gerührt und die
       Medien lassen keine Träne unkommentiert.
       
       Ist das die neue Männlichkeit? Ist es vorbei mit den harten Kerlen auf dem
       Feld? Haben selbst die größten Machos nun gelernt, ihren weichen Kern zu
       akzeptieren? Ist heutzutage nur der, der auch richtig weinen kann, ein
       richtiger Mann? Sollte man sich darüber freuen? Oder sind das doch bloß
       alles Waschlappen, die dem Druck einer WM nicht standhalten? Oder noch
       schlimmer: „performative males“? Was ist da los?
       
       Gut, Tränen im Fußball sind jetzt nichts absolut Neues. In den letzten
       Jahrzehnten sind sie fast schon zur Normalität geworden. Und doch ist das
       Ausmaß bei dieser Weltmeisterschaft schon einen näheren Blick wert.
       
       Alles begann mit dem [2][kapverdischen Torwart Vozinha]. Direkt in der
       ersten Spielrunde, nach seinem allerersten WM-Spiel flossen bei ihm die
       Tränen. Denn Vozinha hatte seinen Kasten gegen Europameister Spanien sauber
       gehalten. Doch leider konnte er diesen Moment nicht mit seiner Mutter
       teilen. Die hatte sich nämlich die Kaution von 15.000 Dollar für das Visum
       nicht leisten können. Wenig später kümmerte sich das US-Außenministerium
       höchstpersönlich um das Visum. Männliche Tränen können also weiterhelfen.
       
       ## Keine Emotion scheint mehr peinlich
       
       Jedenfalls sind seitdem alle Dämme gebrochen. Dem Kanadier Stephen
       Eustáquio kamen die Tränen, als er im Interview nach seinen kürzlich
       verstorbenen Eltern gefragt wurde, die nicht mit ihm sein Siegtor hatten
       feiern können. Der Niederländer Cody Gakpo weinte, weil er seinen Treffer
       seinem ungeborenen verstorbenen Sohn widmete. Vinícius Jr. brach bei einem
       TV-Interview in Tränen aus, als ihm eine Videobotschaft von seiner
       Großmutter gezeigt wurde. Keine männliche Emotion scheint mehr peinlich vor
       der Kamera.
       
       Und dann sind da schließlich noch die Fußballemotionen. [3][Neymar jun.]
       und Lukas Díaz heulen, weil ihre Teams schon im Achtelfinale ausgeschieden
       sind. Und Messi wiederum, weil Argentinien dieses Schicksal doch noch
       verhindern konnte. Xhaka, der mit der Schweiz ins Viertelfinale einzieht,
       weinte vermutlich auch aus Erstaunen. Selbst – und hier wird es bedenklich
       – [4][Tormaschine CR7] hatte beim Ausscheiden gegen Spanien Tränen in den
       Augen. Und ziemlich sicher waren die sogar echt. Auch ein CR7 empfindet nun
       mal Enttäuschung.
       
       Messi ließ seinen Tränen übrigens nicht nur freien Lauf, sondern sprach
       nach dem Spiel sogar über seine Emotionen: „Ich war sehr traurig, weil ich
       den Elfmeter verschossen hatte. Ich hatte das Gefühl, die Mannschaft in
       einem entscheidenden Moment im Stich gelassen zu haben.“
       
       Man fragt sich bei dieser ganzen Weinerei dann doch: Was ist eigentlich mit
       den Deutschen? Über deren Ausscheiden weinten wohl vor allem die Fans. Bei
       der Mannschaft überwog doch das Entsetzen. Die hatte dafür aber schon vor
       der WM geweint, als feststand, dass Lennart Karl doch nicht teilnehmen
       konnte. War es Mitgefühl, wahre Männlichkeit oder doch nur Verzweiflung?
       Man weiß es nicht.
       
       Fest steht aber: Männer weinen nicht mehr heimlich in der Kabine, sondern
       ganz offen und ehrlich auf dem Platz. Das ist doch schon mal ein
       Fortschritt, aber da ist auch noch Luft nach oben. Bei der WM wünscht man
       sich oft, dass vielleicht auch jemand mal wegen anderer Dinge weint oder
       zumindest Emotionen zeigt. Wegen der korrupten Infantino-Trump-Achse zum
       Beispiel, oder der vielen Personen, denen aus rassistischen Gründen die
       Einreise verwehrt wurde, wegen der Klimakrise, die durch die Mega-WM
       zusätzlich angekurbelt wird, und der überteuerten Ticketpreise, der Berge
       an Müll und jeder Menge weiterer Ungerechtigkeiten. Aber das ist dann
       vermutlich doch etwas zu viel gewollt.
       
       8 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.youtube.com/watch?v=_IZsxfo8ITw
   DIR [2] /Social-Media-Phaenomen-im-Tor/!6193483
   DIR [3] /Neymar/!6193711
   DIR [4] /Ronaldos-Abschied/!6194207
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Ruth Lang Fuentes
       
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