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       # taz.de -- Papst Leo XIV.: Der Anti-Trump
       
       > Papst Leo XIV. schwieg lange nach seiner Wahl vor einem Jahr. Doch jetzt
       > setzt er starke Zeichen: gegen Trump, dessen ICE-Politik, für
       > Geflüchtete.
       
   IMG Bild: Papst Leo packt zunehmend die heißen Themen der Welt an
       
       Für ein knappes Jahr nach seiner Wahl am 8. Mai 2025 war es ziemlich still
       um den ersten US-amerikanischen Papst der Geschichte. Papst Leo XIV. sagte
       wenig, betete dauernd, hielt viele Messen ab, traf sich mit Menschen,
       wirkte ganz sympathisch, aber alles in allem doch ziemlich farblos. Was für
       ein Kontrast zu seinem Vorgänger Papst Franziskus, der nach seiner Wahl zum
       Papst 2013 wie ein Wirbelwind durch seine Kirche jagte und so ungefähr jede
       zweite scheinbar festgefügte Wahrheit der römisch-katholischen Kirche in
       Frage stellte – so radikal, dass manche Fachleute anfangs sogar von einer
       „Revolution“ in der Weltkirche mit ihren rund 1,4 Milliarden Gläubigen
       sprachen.
       
       Ganz anders Papst Leo, der zunächst schwieg zu fast allem, vor allem zur
       Politik – aber dann. Seit dem Frühling dieses Jahres legte der immer noch
       neue Pontifex maximus los, mischte sich ein, bestimmte die Schlagzeilen
       fast mühelos. Und das vor allem, weil er sich mehr oder weniger freiwillig
       einen mächtigen Gegner gemacht hatte: US-Präsident Donald Trump. Der wütete
       im Weißen Haus so laut und öffentlich über seinen amerikanischen Landsmann
       im Vatikan, dass Leo wenig mehr machen musste, als die Contenance zu
       bewahren und sanft zu erklären, dass Trump falsch liege, aber er sich
       natürlich als Papst nicht einschüchtern lasse.
       
       Es ging vor allem um die Einwanderungspolitik des US-Präsidenten, die Papst
       Leo glasklar und biblisch fundiert verurteilte. Die [1][Remigrationspolitik
       Trumps mithilfe seiner ICE-Schläger] widerspricht zu offensichtlich allem,
       was sowohl die Hebräische Bibel, also das Alte Testament, wie die
       Evangelien, etwa in der Bergpredigt Jesu, in Sachen Aufnahme von Fremden
       und Nächstenliebe erklären. Hier ist die (jüdisch-)christliche Botschaft
       eindeutig. Immer absurder wurden dennoch die Pöbeleien aus dem Oval Office
       gegen Papst Leo, mit dem Höhepunkt der Erklärung von Trumps Vize J. D.
       Vance, Leo solle sich doch bei der Theologie (!) mit öffentlichen
       Äußerungen zurückhalten, davon verstehe er zu wenig.
       
       Dass sich der US-Präsident mit einem Papst so öffentlich und anhaltend
       fetzt, gab es noch nie in der Geschichte. Wer aus dieser Fehde als Sieger
       hervorging, dürfte außerhalb der MAGA-Sekte unbestritten sein: der stille
       Mann vom Tiber. Dass Papst Leo mittlerweile zu einer der führenden Stimmen
       für eine menschliche Flüchtlingspolitik und für Frieden weltweit geworden
       ist, war nicht unbedingt zu erwarten. Aber in einer Welt der immer
       schamloser vorangetriebenen Kriege und brutalster Abschottungspolitik nicht
       nur im Norden der Welt sind die mahnenden Worte Leos, [2][wie jüngst auf
       Lampedusa,] einfach dringend nötig – was immer sie am Ende bewirken mögen.
       
       Dass der Papst nun auch sein erstes, sehr [3][beachtliches Rundschreiben
       (Enzyklika) zum wohl brennendsten technisch-politisch-gesellschaftlichen
       Thema, nämlich zur künstlichen Intelligenz,] verfasst hat, passt ins Bild:
       Papst Leo packt zunehmend die heißen Themen der Welt an – und nicht
       zufällig gerät er damit in Konflikt mit den Tech-Oligarchen des Silicon
       Valley. Denn die werden immer dann sauer, wenn ihre KI-Macht oder ihr
       brutalster Neoliberalismus irgendwo auf der Welt beschränkt werden könnte.
       Manche von ihnen begeben sich dabei sogar auf pseudotheologische Irrwege
       wie zum Beispiel der schon halb durchgeknallte US-Tech-Milliardär Peter
       Thiel. Der evangelikal geprägte Großinvestor deutscher Herkunft liebt es,
       biblische Randbegriffe wie „Katechon“ oder „Antichrist“ zu religiösen
       Mega-Phantasien aufzujazzen. Seine Verschwörungsmythen gehen mittlerweile
       so weit, dass er selbst vor wohlwollendem Publikum nun noch Lacher erntete,
       als er neulich erklärte, dass Papst Leo „für die chinesischen Kommunisten
       arbeitet“.
       
       ## Kirchenpolitisch darf man von ihm nichts erwarten
       
       Hat Papst Leo also in seinen ersten gut 14 Monaten alles richtig gemacht?
       Ist der Mann in Weiß für viele linke Menschen auf der ganzen Welt zu Recht
       ein Ally im Geiste? Das zu glauben wäre naiv. Denn kirchenpolitisch hat Leo
       schon jetzt einige Duftmarken gesetzt, die zeigen, dass er die Hoffnungen
       aus diesem politisch-gesellschaftlichen Spektrum enttäuschen wird. Die
       Ergebnisse und Forderungen des Synodalen Wegs in Deutschland, des
       Reformprojekts der katholischen Kirche hierzulande, fasst Papst Leo nur mit
       äußerst spitzen Fingern an: Segnungen von homosexuellen Paaren in Kirchen?
       Predigten auch von Nichtpriestern (Laien) bei Eucharistiefeiern
       (Abendmahlsfeiern)? Weihen für Diakoninnen, zumindest in bestimmten
       Regionen der Weltkirche? No! No! No!
       
       Und ob der Papst den Deutschen erlaubt, in ihrer katholischen Kirche mehr
       Synodalität, also mehr demokratische Elemente, strukturell zu verankern,
       etwa in Form einer „Synodalkonferenz“, ist mittlerweile mehr als
       zweifelhaft. Und das, obwohl Leo wie Papst Franziskus seit seinem ersten
       Tag im Vatikan das Loblied der Synodalität als Strukturprinzip der Kirche
       singt.
       
       So zeichnet sich schon jetzt ab, dass Papst Leo in seinem Pontifikat doch
       in die Fußstapfen seines Vorgängers Franziskus treten wird: politisch und
       wirtschaftlich eher links, gesellschaftlich und kirchenpolitisch eher
       rechts – vereinfacht gesagt. Man darf Papst Leo zugutehalten, dass er schon
       jetzt oft wie ein Getriebener wirkt und vor allem in der Defensive ist: Die
       konservativ-reaktionären Kräfte weltweit und in der römisch-katholischen
       Kirche werden stärker. Theologisch gesehen, ist es die vornehmste Aufgabe
       des Papstes, die Einheit seiner Kirche zu erhalten. Auch deshalb bekommen
       die Liberalen in ihr weniger, als sie erhoffen. Und die Konservativen mehr
       Widerstand, als sie vor Franziskus gewohnt waren, also unter den Päpsten
       Johannes Paul II. und Benedikt XVI. in den bleiernen Jahren zwischen 1978
       und 2013. Frauen, Homosexuelle und Laien sollten sich deshalb auch von
       Papst Leo nicht zu viel erwarten. Er wird ihre Hoffnungen nicht erfüllen.
       
       8 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Philipp Gessler
       
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