# taz.de -- Belgien vor dem Viertelfinale: Das Team, das von Trump wachgeküsst wurde
> Hohe Erwartungen konnte die belgische Auswahl bislang bei Turnieren
> selten erfüllen. Auch vor dem Match gegen Spanien gibt das Team Rätsel
> auf.
IMG Bild: Taktikfuchs beim Coachen: Rudi Garcia währen des Spiels Belgien – USA
Wer an diesem Freitagabend spontan in einem belgischen Restaurant mit
Michelin-Stern dinieren will, hat dazu außergewöhnlich gute Chancen.
Mehrere der lange im Voraus gebuchten Etablissements berichten dieser Tage
von abgesagten Reservierungen. Das ist auffällig in einem Land, in dem
Essen und Essengehen eine so große Rolle spielt. Verantwortlich dafür,
ebenso wie für geänderte Festival- und Konzertprogramme, sind les diables
rouges, bzw. de rode duivels, die im Viertelfinale gegen Spanien wieder
einmal vor dem Match ihres Lebens stehen.
Urplötzlich hat der „[1][Teufelswahnsinn]“ Belgien wieder im Griff. Überall
wird das Kräftemessen mit dem Europameister auf Großbildschirmen
übertragen; das populäre Nieuwsblad vermeldet, dass knapp ein Drittel der
Teilnehmenden einer Umfrage das Team um Kapitän Youri Tielemans im Finale
erwarten; Websites fragen Leser:innen nach der Aufstellung ihrer Wahl.
Inspiriert von den ausgefuchsten Schachzügen des Trainers Rudi Garcia, der
im [2][Achtelfinale gegen die USA] mit Romelu Lukaku, Jeremy Doku und Kevin
De Bruyne die größten Namen auf der Bank ließ, scheinen die Möglichkeiten
unbegrenzt.
Vielleicht sind die Rotationen Garcias ein Schlüssel, um dieses belgische
Team, das auch bei dieser WM Rätsel aufgibt, vor der entscheidenden
Turnierphase besser einzuordnen. Schon im Sechzehntelfinale gegen Senegal
nämlich entschied sich der Franzose, seit anderthalb Jahren im Amt, nach
einer knappen Stunde die Stars [3][De Bruyne] und Doku auszuwechseln. Dafür
wurde er zunächst schwer kritisiert, und dann, dank des wundersamen
Comebacks der roten Teufel, umso mehr gefeiert. Nach dem überaus mühsamen
Start, als diese sich zu Unentschieden gegen Ägypten und Iran gurkten, sind
Team und Trainer offenbar gerade rechtzeitig in die Spur gekommen, und die
Puzzle-Teile greifen ineinander.
Vor dem Viertelfinale umgeben die roten Teufel dennoch Fragezeichen. Auch
nach einem Monat WM tun sich viele Beobachter:innen schwer mit einer
Einschätzung, was nicht nur an den Auftritten dieses Sommers liegt: Kein
anderes Team wurde seit Mitte der zehner Jahre so oft zum geheimen und
schließlich öffentlichen Turnierfavoriten erklärt. Mit Ausnahme der WM
2018, als man Dritter wurde, reihte Belgien jedoch einen seltsam blutleeren
Auftritte an den anderen, ein schriller Kontrast zu den großen Namen auf
dem Platz. Sosehr man sich auf deren Darbietungen gefreut hatte, traten sie
bisweilen so leise von den Bühnen der Turniere, dass man sie hinterher kaum
vermisste.
## Nach der goldenen Generation
In anderthalb Jahrzehnten hat Belgien, oder besser der Ruf seines besten
Männer-Auswahlteams, so eine gewaltige Metamorphose durchgelaufen: vom
Geheimtipp über den größten Hype bis hin zur konstanten Enttäuschung. In
diesem Jahr reiste man folglich als eine Art dark horse an, ohne allzu hohe
Erwartungen und Euphorie. In der vermeintlich leichten Gruppe G erschienen
die roten Teufel nach zwei Spielen wie kickende Untote, selbst das
Sechzehntelfinale stand zwischenzeitlich infrage.
Um noch einen Moment im Reich der Legenden zu bleiben: dass die Belgier
zuletzt die USA im meist diskutierten Spiel dieser WM überrollten, lässt
sich natürlich so mit den Flügeln erklären, die ihnen der schamlose und
offensichtliche Manipulationsversuch verlieh. Das [4][Eingreifen Trumps]
war demnach ein unbeabsichtigter Dornröschenkuss, der den nach sich selbst
suchenden Teufeln wieder auf die Beine und aus der Lethargie half, welche
sie so oft umgibt. Auch die Projektion spielte eine Rolle, denn Belgien
wurde für eine Nacht zum Konsensteam all jener, die das
narzisstisch-autoritäre Gehabe Trumps und Infantinos anwidert und die es
ihnen heimzahlen wollten.
Nach dem Gelingen dieser Mission bleibt zu relativieren, dass die
skandalösen Umstände womöglich die USA ebenso lähmten, wie sie Belgien
beflügelten. Was dadurch nicht geschmälert wird, ist die Dynamik des
Garcia-Teams: Die Formkurve steigt stabil nach oben. Das Schicksalsspiel,
in dem das Weiterkommen am seidenen Faden hängt, essenzieller Bestandteil
jedes erfolgreichen Turniers, überstand man gegen Senegal mit Glück und
Bravour, und der fällige Generations-Umbruch wird mitten in einem
WM-Turnier vollzogen.
„Das Momentum liegt völlig auf der Seite der Belgier“ schlussfolgert Hans
Vandeweghe, Fußball-Analytiker der linken Tageszeitung De Morgen. Keeper
[5][Thibaut Courtois], der Spanien nach Jahren bei Atletico und Real Madrid
sein „zweites Zuhause“ nennt, schätzt die Ausgangslage so ein: „Individuell
hatten wir 2018 vielleicht mehr Qualität, aber nun haben wir ein starkes
Kollektiv.“
9 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Belgiens-Schluesselspieler-Trossard/!6194083
DIR [2] /Abschied-vom-US-Team/!6194064
DIR [3] /Kevin-De-Bruyne/!6186732
DIR [4] /Rote-Karte-Skandal-bei-der-WM/!6189128
DIR [5] /Belgiens-Schluesselspieler-Trossard/!6194083
## AUTOREN
DIR Tobias Müller
## TAGS
DIR Fußball-WM
DIR Belgien
DIR Fußball-WM
DIR Reden wir darüber
DIR Social-Auswahl
## ARTIKEL ZUM THEMA