# taz.de -- Hitzetote im Juni: Deutschland trifft der Schlag
> Das RKI hat eine Statistik zu Hitzetoten im Juni veröffentlicht. Die Zahl
> der Todesfälle ist vergleichbar mit denen auf dem Höhepunkt der Pandemie.
IMG Bild: Notdürftig abgeschirmt gegen die Hitze: Menschen, die draußen arbeiten müssen, treffen die Rekordtemperaturen besonders
In diesen Tagen hatte der Rettungsdienst deutlich mehr als sonst zu tun.
„In der Wohnung waren mehr als 40 Grad“, erzählt ein Mitarbeiter, der
während der Hitzewelle Ende Juni in Berlin-Mitte im Einsatz war: „Die
beiden alten Leute waren nicht mehr ansprechbar.“ Plattenbau, zehnter
Stock, 38 Grad Außentemperatur: Die Sanitäter bemerkten „stehende
Hautfalten“ – ein Anzeichen für sehr starke Dehydrierung. „Und dann kommt
eins zum anderen“, erzählt der Mitarbeiter der taz: Wer nicht mehr
ansprechbar ist, der nehme auch seine Medikamente nicht mehr zu sich.
Vor allem alte Menschen sind betroffen: Die jüngste Hitzewelle hat so viele
Opfer binnen einer Woche gefordert wie zuletzt die Coronapandemie auf ihrem
Höhepunkt Anfang 2021. Wie aus dem „[1][Monitoring-Bericht zur
hitzebedingten Mortalität]“ des Robert-Koch-Institutes (RKI) hervorgeht,
starben demnach in diesem Jahr bislang 5.120 Menschen an Hitze in
Deutschland, allein 4.310 in der letzten Juni-Woche. Die Mehrheit der Toten
ist älter als 75, aber auch jüngere Menschen blieben nicht verschont: 300
Opfer hatten das Rentenalter noch nicht erreicht.
Am letzten Freitag im Juni war das Thermometer im Saarland auf 41,3 Grad im
Schatten geklettert, ein neuer Höchstwert in Deutschland. Am Tag darauf
folgten dann 41,5 Grad im Jerichower Land, Sachsen-Anhalt, bevor am letzten
Sonntag des Junis in der Brandenburger Lausitz 41,7 Grad gemessen wurden.
Der EU-Klimadienst Copernicus vermeldete an diesem Donnerstag [2][den
heißesten Juni aller Zeiten in Westeuropa].
## Das neue „Normal“ in Deutschland
Demnach war die Durchschnittstemperatur mehr als 3 Grad wärmer als im
Juni-Durchschnitt der Jahre 1991 bis 2020. Die Wissenschaft warnt: Geht der
Klimawandel so weiter, werden Temperaturen wie in der letzten Juni-Woche in
der zweiten Hälfte des Jahrhunderts das neue „Normal“ in Deutschland –
während die Spitzentemperaturen weiter steigen.
Anders als zu Coronazeiten handelt es sich bei den Todeszahlen aber nicht
um absolute, sondern um Schätzungen. „Normalerweise steht auf dem
Totenschein ja nicht ‚Hitze‘ als Ursache“, erklärt Henny Annette Grewe vom
[3][Public Health Zentrum Fulda]. Oft würden Herzstillstand oder
Lungenversagen als Todesursache angegeben, obwohl diese direkt auf
Überhitzung zurückzuführen seien.
„Eine Ausnahme ist der Hitzschlag, also das Zusammenbrechen des Kreislaufes
mit Organversagen – was an heißen Tagen immer wieder beispielsweise auf
Baustellen vorkommt“, erklärt die Professorin, die seit vielen Jahren zum
Einfluss des Klimawandels auf unser Gesundheitssystem forscht. Hitzschlag
kommt aber vergleichsweise selten vor, etwa auf dem Bau. Grewe: „Die
Behörden sind deshalb auf ein statistisches Verfahren angewiesen, um die
Zahl der Hitzetoten zu erfassen“.
Deshalb spricht der Bericht des Robert-Koch-Institutes auch von
„Schätzungen der hitzebedingten Sterbefälle“. Expertin Grewe: „Ganz
vereinfacht gesagt: Es gibt Erfahrungswerte, wie viele Menschen in einem
Bundesland oder einer Stadt pro Tag sterben.“ Ziehe eine Hitzewelle übers
Land, registrieren die Behörden eine Übersterblichkeit. Grewe: „Mehr
Menschen verlieren ihr Leben, als ‚normal‘ wäre, und das sind dann – mit
etlichen Kontroll- und Sicherungsfaktoren überprüft – die hitzebedingten
Todesfälle.“
## Auch Badeunfälle in der Statistik
Wir wissen also nicht ganz genau, wie viele Hitzetote es gibt, wie selbst
das Robert-Koch-Institut einräumen muss: Es verweist auf [4][Daten des
Statistischen Bundesamts], das die Übersterblichkeit während der Hitzewelle
in der Kalenderwoche 26 mit 6.800 Fällen angibt. Das Statistische Bundesamt
selbst macht keine Angaben zu Hitzetoten, in die Statistik der
Übersterblichkeit gehen zum Beispiel auch Menschen ein, die bei
Badeunfällen sterben – und auch das passiert an heißen Tagen häufiger.
Dorothea Baltruks, Leiterin des Centre for Planetary Health Policy, nutzt
dennoch die Zahl des Statistischen Bundesamts: „In der Coronapandemie
erreichten wir in Deutschland Anfang 2021 einen wöchentlichen Höchstwert
von 6.174 Todesfällen. Stellen Sie sich vor, der Gesundheitsminister hätte
sich damals nicht dazu geäußert und keine Maßnahmen als Konsequenz
eingeführt.“ Auf dem Höhepunkt der Hitzewelle befragt, ob Kanzler Friedrich
Merz (CDU) das Thema zur Chefsache machen werde, erklärte dagegen
Regierungssprecher Stefan Kornelius: „Es ist ein extremes Wetter, wir
wissen das, und eine Chefsache wird das Wetter nicht ändern.“
„Hauptinformationsquelle für ältere Menschen ist das lineare Fernsehen“,
sagt Norman Schumann, Sprecher bei der Initiative „Klima vor acht“. Passend
zu den Opferzahlen veröffentlichte der gemeinnützige Verein an diesem
Donnerstag seinen [5][Report zur Berichterstattung über die Klimakrise].
Demnach ist die Sendezeit, die dem Problem eingeräumt wurde, weiter
gesunken – auf einen neuen Tiefststand: ARD und ZDF widmeten dem Thema im
ersten Halbjahr weniger als 1 Prozent ihrer Sendezeit.
„Zu Beginn der Hitzewarnungen des Deutschen Wetterdiensts war das Wetter im
Ersten sehr präsent, die Klimakrise aber kam nicht vor“, sagt Schumann und
fragt: „Wie sollen sich die Leute vorbereiten, wenn die Krise nicht
benannt, ihnen stattdessen Badewetter präsentiert wird?“ Klima vor acht
setzt sich seit 2019 für eine angemessene Berichterstattung des
Klima-Themas im öffentlichen Rundfunk ein.
Dem älteren Paar im zehnten Stock in Berlin-Mitte geht es inzwischen wieder
besser. Sie hätten sich schnell erholt, nachdem sie etwas getrunken hätten,
sagte der Mitarbeiter des Rettungsdienstes. Das zeige, wie wichtig
ausreichend Flüssigkeit während einer Hitzewelle ist, „und zwar bei allen!“
9 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.rki.de/DE/Themen/Gesundheit-und-Gesellschaft/Gesundheitliche-Einflussfaktoren-A-Z/H/Hitze/Bericht_Hitzemortalitaet.html?nn=16776990
DIR [2] https://climate.copernicus.eu/copernicus-record-heatwave-brings-hottest-june-western-europe-during-second-warmest-june-globally#:~:text=June%202026%20was%20the%20second,-industrial%201850-1900%20average.
DIR [3] https://www.hs-fulda.de/forschung/forschungseinrichtungen/public-health-zentrum-fulda
DIR [4] https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/sterbefallzahlen.html
DIR [5] https://klimavoracht.de/wp-content/uploads/2026/07/KlimaMedienBericht_1_Halbjahr_2026.pdf
## AUTOREN
DIR Nick Reimer
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