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       # taz.de -- Italienischer Chefredakteur über KI: „Künstliche Intelligenz ist wie ein Scharfschütze“
       
       > Die italienische Tageszeitung „Il Foglio“ veröffentlicht seit 2025
       > KI-generierte Texte in der gedruckten Ausgabe. Der Chefredakteur erklärt,
       > warum.
       
   IMG Bild: Eine Ausgabe der italienischen Tageszeitung „Il Foglio“, die nur mit KI erstellt wurde
       
       taz: Herr Cerasa, Ihre Zeitung „Il Foglio“ [1][hat vom 18. März 2025 an
       eine vierseitige, komplett von KI erzeugte Beilage produziert,] einen Monat
       lang. Aktuell gibt es jeden Dienstag einen solchen Teil. Wie kam es zu
       diesem Projekt?
       
       Claudio Cerasa: Wir haben dieses Experiment durchgeführt, weil Italien ein
       Land ist, das sich künstlicher Intelligenz mit enormen Vorurteilen und
       zahlreichen Tabus genähert hat – so sehr, [2][dass die italienische
       Datenschutzbehörde gegen die Nutzung von ChatGPT vorgegangen ist,] wenn
       auch letztlich erfolglos. Wir wollten uns also zuerst mit den Skeptikern
       auseinandersetzen. Der zweite Grund war, dass wir dachten: Das größte
       Risiko, das wir im Umgang mit künstlicher Intelligenz eingehen können,
       besteht darin, nichts zu tun. Und so haben wir beschlossen, eines der
       traditionellsten Informationsmittel, nämlich die auf Papier gedruckte
       Zeitung, mit einem der fortschrittlichsten Informationsinstrumente
       zusammenzubringen: der künstlichen Intelligenz.
       
       Wir haben beides mit unserer mehr oder weniger natürlichen Intelligenz
       vermischt, und dabei ist ein bemerkenswertes Produkt entstanden, das uns
       gezeigt hat, wozu sie tatsächlich fähig ist: Die künstliche Intelligenz,
       die ironisch sein kann, die überraschen kann, die sehr gut schreiben kann,
       macht niemals Tippfehler, sie verwendet nur ein paar Semikolons zu viel.
       Gleichzeitig hat sie uns geholfen, besser zu verstehen, was sie nicht kann.
       Und dieses Wissen treibt uns dazu an, uns mehr auf die Dinge zu
       spezialisieren, die nur wir können.
       
       taz: Zum Beispiel? 
       
       Cerasa: Künstliche Intelligenz hat keinen interessanten Blickwinkel auf die
       Welt, sie führt keine Telefonate, sie schwitzt nicht, sie geht nicht
       spazieren, sie kritisiert dich nicht, sie geht keinen dialektischen
       Austausch mit dir ein. Die künstliche Intelligenz ist in jedem Beruf von
       grundlegender Bedeutung, um Effizienz und Produktivität zu steigern. Aber
       vor allem gibt sie dir die Möglichkeit, kreativer zu sein.
       
       taz: Gab es innerhalb der Redaktion jemanden, der gesagt hat: „Ihr nehmt
       uns den Job weg, wir werden alle arbeitslos sein?“ 
       
       Cerasa: Nein. Alle, die bei uns arbeiten, sind sich ihres Talents sehr
       bewusst. Wenn man künstliche Intelligenz einsetzt, muss man sich aber
       natürlich auch aus ethischer Sicht dazu verpflichten, sie als Mittel zur
       Verbesserung der eigenen Arbeit zu nutzen – und nicht, um etwas zu
       ersetzen. Man muss verstehen, wie man Ressourcen freisetzen kann, wie man
       neue Spezialisierungen schaffen kann, anstatt jemanden zu entlassen. Unser
       Experiment hat dazu geführt, dass wir neue Mitarbeiter eingestellt haben.
       
       taz: Wie sieht der Alltag eines Redakteurs aus, der mit künstlicher
       Intelligenz arbeitet? 
       
       Cerasa: Auch hier sind wir eine etwas verrückte Zeitung, daher
       unterscheidet sich der Arbeitsalltag ein wenig von dem, was man sich
       darunter vorstellt. Seit der ersten Ausgabe im März 2025 stammen
       ausnahmslos alle Prompts – also die Fragen an die KI für die Artikel – vom
       Chefredakteur, also von mir. Es gibt keinen einzigen Artikel, der nicht von
       einem meiner Prompts ausgeht, die natürlich auch in der Redaktionssitzung
       entstanden sein können. Und wenn die künstliche Intelligenz gebeten wird,
       auch eine Überschrift, eine Zusammenfassung oder einen Teaser zu erstellen,
       gibt es einen Journalisten, der die Artikel liest und mich gegebenenfalls
       darauf hinweist, wenn es kritische Punkte gibt.
       
       Der Artikel kann überarbeitet, durch einen anderen ersetzt oder korrigiert
       werden. Bei offensichtlichen Fehlern lassen wir diese jedoch stehen, um den
       Lesern die Möglichkeit zu geben, künstliche Intelligenz auch anhand ihrer
       Schwächen zu studieren. Wir haben den Lesern eine E-Mail-Adresse zur
       Verfügung gestellt, an die sie Hinweise senden können, um die häufigsten
       Fehler der künstlichen Intelligenz zu identifizieren.
       
       taz: Und welche sind das? 
       
       Cerasa: Die Fehler hängen im Wesentlichen davon ab, wie man den Prompt
       formuliert. Zu Beginn unserer Versuche haben wir festgestellt, dass die
       künstliche Intelligenz in einigen Fällen dazu neigte, sich Dinge
       auszudenken, wenn der Prompt zu weit gefasst oder zu vage war. Und wir
       haben gelernt, dass, wenn wir zu bestimmten Themen keine klare
       redaktionelle Linie vorgaben, die KI dazu neigte, zu reproduzieren, was
       scheinbar Common Sense ist. Wenn wir also etwas zum Nahen Osten wollten,
       neigte sie dazu, sich gegenüber Israel skeptisch zu zeigen; wenn wir über
       Globalisierung sprachen, neigte sie dazu, globalisierungskritisch zu sein.
       Mit der Zeit haben wir verstanden, dass man präzise Vorgaben machen muss.
       
       taz: Sie haben geschrieben, dass der künstlichen Intelligenz der
       [3][„Geruch der Redaktion“] fehlt. Wir wissen alle, was der „Geruch der
       Redaktion“ im physischen Sinne ist, aber was genau fehlt da eigentlich? 
       
       Cerasa: Die gemeinsame Arbeit führt zu Interaktionen und einem Austausch,
       der nicht nur zu Beginn des Tages stattfindet, wenn man noch frisch ist,
       sondern auch am Ende des Tages, wenn man schon etwas verschwitzt ist. Und
       diese Interaktionen, die auch auf der Grundlage unterschiedlicher
       Standpunkte oder Ideen stattfinden, führen dazu, dass man etwas tut, was zu
       Beginn nicht vorgesehen war. Das heißt, wenn ich einen Artikel zum Thema A
       schreiben möchte und mein Redakteur sagt: „Nein, lass uns diesen Artikel
       mit dem Ansatz B schreiben“, dann entsteht durch diese Abweichung ein
       Inhalt, der das Ergebnis der Interaktion zwischen uns ist.
       
       Er trägt den Schweiß der natürlichen Intelligenz in sich, der niemals das
       Ergebnis einer Interaktion mit künstlicher Intelligenz sein könnte, denn
       künstliche Intelligenz verhält sich in kreativen Berufen wie ein
       Scharfschütze: Wenn man ihr die Aufgabe gibt, etwas zu treffen, trifft sie
       es sehr gut, aber eben auch nur das.
       
       taz: Die „FAZ“ hat [4][einen Gastbeitrag von Mario Voigt],
       Ministerpräsident von Thüringen, depubliziert, [5][ihrem Grundsatz
       folgend:] „Wir veröffentlichen heute und auch künftig keine
       Originalbeiträge mit von KI generiertem Text.“ Was halten Sie davon?
       
       Cerasa: Das scheint mir eine falsche Entscheidung zu sein. Warum? Weil
       Politiker in der Regel entweder selbst gut schreiben können oder sich in
       sehr vielen Fällen auf einen Ghostwriter verlassen. Der Einsatz von
       künstlicher Intelligenz zum Verfassen eines Textes erscheint mir nicht so
       relevant. Wir sprechen hier schließlich von Politikern, von Personen aus
       den Institutionen. Was zählt, ist die Unterschrift unter ihrem Artikel und
       das, was sie damit sagen wollen.
       
       Es erscheint mir völlig irrelevant, ob ein Artikel von einem Politiker
       mithilfe künstlicher Intelligenz verfasst wurde. Wichtig ist, dass man die
       Verantwortung für das übernimmt, was man geschrieben hat.
       
       taz: Sie scheinen mir ziemlich optimistisch zu sein, dass es in fünf oder
       zehn Jahren immer noch Zeitungen und Redaktionen geben wird, oder? 
       
       Cerasa: Ich bin nicht nur in dieser Hinsicht optimistisch, sondern glaube
       auch, dass die künstliche Intelligenz uns alle dazu zwingen wird, ein
       bisschen talentierter zu sein. Sie ist ein Wettbewerbsfaktor, und um sie zu
       meistern, muss man besser sein.
       
       20 Jul 2026
       
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   DIR [2] /Entscheidung-zu-Deepseek-in-Italien/!6066364
   DIR [3] https://www.ilfoglio.it/il-foglio-ai/2025/03/24/news/un-primo-bilancio-del-foglio-ai-scritto-dal-foglio-ai-con-sgridata--109550
   DIR [4] /KI-Reden-von-Mario-Voigt/!6186148
   DIR [5] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/medienpolitik/zum-ki-verdacht-bei-gastbeitrag-von-mario-voigt-200917046.html
       
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