# taz.de -- Erhalt der Demokratie: Mit Anti kommen wir nicht weiter
> Dagegen sein war gestern. „Für Deutschland sein“ ist jetzt notwendig,
> damit wir das liberale Gemeinwesen noch reparieren können.
IMG Bild: Gemeinsam anpacken: Viele Freiwillige halfen nach der Flut 2021 den Betroffenen in Ahrweiler
Man kann nicht ausschließen, dass Christian Ströbele sich im Grab umdrehte.
„Dies Land ist mein Land“, sagte jedenfalls Joschka Fischer, grüner
Weggefährte und auch Antipode des legendären Abgeordneten, „Linksanwalts“
und taz-Gründers [1][Ströbele]. In den 1970ern warf Fischer mit Steinen
gegen Deutschland, heute mörtelt er Steine zusammen, damit das deutsche und
europäische Haus nicht auseinanderfällt. Klar, dass da die Fischer-Hater
routiniert abkotzen, aber schöner kann man den Zeitenbruch in Deutschland
nicht sichtbar machen, als mit dieser Szene neulich in der Berliner
Zentrale der [2][Heinrich-Böll-Stiftung], als der Vizekanzler und
Außenminister der rotgrünen Jahre im roten Lacoste-Shirt einen
Woody-Guthrie-Songtitel adaptierte: „[3][This land ist your land], this
land is my land“.
Der Zeitenbruch vollzieht sich auf verschiedenen Ebenen, und eine davon ist
die Notwendigkeit eines Zuständigkeitswechsels in der Gesellschaft. Früher
waren wir die Alternativen, heute sind es populistische und rechtsextreme
Leute, die ein anderes Deutschland wollen. Das heißt nicht, dass nicht auch
klassische Linke weiter ein sozial gerechteres Land wollten, und das mit
guten Gründen.
Meine Unterstellung ist aber, dass wir einen kulturellen Paradigmenwechsel
erleben. Dadurch haben viele Leute, die früher „dagegen“ waren und sich –
auch aus der deutschen Geschichte heraus – in Opposition zur Bundesrepublik
Deutschland definierten, notgedrungen oder sogar aus Einsicht die Richtung
ihres Denkens und manchmal auch Handelns gewechselt. Nun sind sie „dafür“,
also für liberale Demokratie, Grundgesetz und die verhältnismäßig
entwickelte liberale, soziale und emanzipatorische Gesellschaftsform in
diesem Land. Meine Beobachtung ist, dass es eine „Generation Habeck“ gibt,
ich würde sie idealistische Realisten nennen. Das sind nicht nur Grüne,
schon gar nicht aus dem Klischee-Buch, das ist keine Alterskohorte, das
sind Leute, die nicht in Lützerath „Kampf gegen den Staat“ spielen, sondern
etwas beitragen wollen, damit die Energieversorgung auch künftig
gewährleistet ist. Postfossil. Jetzt nur als Beispiel.
Nun sind Peptalk und „Wird schon“-Gesäusel wirklich das Hinterletzte, nur
ist es eben auf der anderen Seite auch so, dass das Klagen darüber, dass
hier nichts funktioniert und alles so ungerecht sei und überhaupt, eben
auch keine konstruktive Dynamik hat. Nichts wird davon besser. Es geht hier
auch nicht darum, zu sagen: My Country, right oder wrong. Es geht darum, zu
sagen: My Country – was kann ich tun, damit es nicht falsch, sondern
richtig läuft? Was kann man als kritischer politischer Bürger wirklich tun,
um dazu beizutragen, dass dieses Land unser Land bleibt, das Land einer
verhältnismäßig aufgeklärten liberalen Gesellschaft? Was können Leute tun,
damit Politik handeln kann und die Dinge reparieren, die nicht oder nicht
mehr gut funktionieren? Damit andere Leute womöglich nicht mehr so
enttäuscht und wütend sind, dass sie sich Parteien zuwenden, die das
„System“ überwinden wollen, die Institutionen schwächen oder schleifen, die
politische Europäisierung renationalisieren und die Erderhitzung so lange
ignorieren, wie es irgendwie geht?
## Das Dafür ist anstrengend
Zunächst mal kann man bei sich selbst klären, wie man die Identifikation
mit der Bundesrepublik und die mit Europa wirklich zusammenbringt. Ohne ein
geo-, macht- und wirtschaftspolitisch gemeinsam agierendes Europa sieht es
für alle Europäer düster aus, gleichzeitig wird die Heterogenität der
Individuen, Gesellschaften, Interessen noch ungleich größer, als sie es im
bundesdeutschen Nationalstaat schon ist. Die Lage über die Spaltung
zwischen rechts und links zu überblicken, funktioniert grundsätzlich nicht
mehr, aber europäisch schon gar nicht.
An der Abstimmung über eine rechtliche Prüfung des Handelsabkommens mit den
[4][Mercosur]-Staaten Südamerikas kann man das schön sehen. Rechtsdriftende
Nationalisten wie die AfD, linke EU-Skeptiker und die grundsätzlich
proeuropäischen Grünen im EU-Parlament stimmten dagegen. Die Grünen aus
ökologischen Gründen, die Linken wegen sozialer Ungerechtigkeit, die
Rechtsdriftenden aus Nationalprotektionismus. Die proeuropäischen Parteien
der Mitte stimmten dafür, weil der drittgrößte Markt der Welt sehr
wahrscheinlich wichtig ist für Arbeitsplätze, Wohlstand, Macht und damit
die Zukunft Europas. Will sagen: Man muss die Vorteile und die Schäden
abwägen, aber einfach zu sagen, wie früher, das geht doch alles gar nicht,
ist keine Tugend, sondern Feigheit. Das bedeutet, dass Bürger, die sich
konkret für das Gemeinsame inklusive der planetarischen Lebensgrundlagen
engagieren wollen, neben dem Regulierungsrahmen des Nationalstaates auch
auf jenen der EU zielen müssen. Routinierte Kritik, dass das alles
„menschenfeindlich“ und „neoliberal“ sei, wird da allein nicht helfen.
Aber klar: Der Wechsel vom Dafür oder vom Egal zum Dagegen ist die starke
populistisch getriebene Bewegung der Gegenwart. Der Wechsel vom relativ
bequemen Dagegen in der – für uns – bequem zu kritisierenden Welt der
[5][Pax Americana] zum vermutlich anstrengenden Dafür ist gerade für die
Unsereins-Milieus – Linke, Linksliberale, Linkssozialdemokraten,
Linksemanzipatorische, Ökos – ein großer Sprung. Aber es ist der
entscheidende Richtungswechsel.
Zentral sind vier Dinge. Man muss sich selbst jetzt produktiv einbringen.
Es braucht Allianzen mit anderen, die anders drauf sind. Es geht nicht
prioritär darum, etwas zu verhindern, es geht auch nicht darum, etwas zu
retten. Es geht darum, etwas hinzukriegen. Die Denk- und Aktionsrichtung
ist auf die Reparatur und den Ausbau der liberaldemokratischen
Errungenschaften der Moderne gerichtet. Sie muss daher auf das Politische
zielen, auf politische Mehrheiten.
## Abstand zur Mitte ist das Geschäft der AfD
Und da ist man schon an dem Punkt, an dem der sogenannte Antifaschismus als
ungenügend dasteht. Mit Antifaschismus ist weder die Bahn zu reparieren
noch das Schulklo, ist keine ordentliche Rentenreform hinzukriegen noch die
Autoindustrie zu transformieren. Wohlstand, Sozialsysteme, Pflegesysteme,
Krankenhäuser, Schulen, verödete Innenstädte, Lehrermangel, Ärztemangel,
you name it: Mit Anti- kommt man nicht mehr weiter. Übrigens auch nicht mit
dem antidemokratischen Versuch, einen [6][Parteitag der AfD zu verhindern].
Wie man nun mehr Leute, also uns, dazu bringen kann, sich für das
Gemeinsame aktiv und positiv einzubringen? Wir haben tausend und auch
berechtigte Gründe, das nicht zu tun. Karriere, Kinder, Eltern, Beruf, die
blöden anderen, die Autofahrer, die schnöseligen E-Auto-Fahrer, die
Fahrradfahrer, die Gendernden, die Nichtgendernden, die Kuhmilchtrinker,
die Hafermilchtrinker, die „Ausländer“, die „Reichen“.
Es gibt zwei Pole der Gesellschaft, die sich über Abgrenzung und Verdammung
der „Mitte“ definieren: die klassischen linken Milieus und seit einiger
Zeit die wachsenden Milieus all derer, die neuerdings am Staat, der
liberalen Moderne und überhaupt zweifeln. Der Abstand zur Mitte ist die
Geschäftsgrundlage der AfD und im Bund auch der Linkspartei. Für die
Rechtsdriftenden ist alles ab Friedrich Merz „links“, für die Linken ist
alles ab Robert Habeck unter [7][Faschismusverdacht], die Union sowieso.
Beide Seiten tun in ihrer Kommunikation so, als gäbe es die breite
Mehrheitsgesellschaft nicht, die es ja nun mal (noch) gibt und die halt von
linksemanzipatorisch bis rechtskonservativ reichen muss.
Auch der routiniert benutzte Heilsbegriff „Zivilgesellschaft“ hilft da
nicht mehr richtig weiter. Selbstverständlich ist es existenziell wichtig,
dass es Leute und Mehrheiten gibt, die sich im Jetzt einer Kleinstadt oder
eines Stadtteils engagieren, das geht vom Fahrradweg bis zur konkreten
Verteidigung von Leuten – gerade auch jüdischen Menschen –, die von
Radikalen, Rassisten, Misogynisten, Nationalisten, Islamisten bedroht
werden.
## Das „Wir“ muss sich erweitern
Aber die „Zivilgesellschaft“ darf kein „progressives“ und „linkes“ Projekt
sein, weil dann tendenziell Leute sich nicht zur Zivilgesellschaft rechnen,
die sich (noch) nicht im TransInterQueer e. V. engagieren, aber im
Schützenverein oder der Feuerwehr. Es braucht eine bürgerschaftliche
Kultur, in der die traditionellen und die emanzipatorischen Gruppen sich
nicht eben als Gegner sehen, sondern zumindest als komplementär. Das, was
der Berliner Intellektuelle Peter Siller ein „republikanisches Projekt“
nennt, basiert auf einer gleichwertigen Bürgerschaft und darauf, dass alle
gebraucht werden, ganz besonders übrigens die, die mehr haben, mehr Geld
und mehr Einfluss. Das sind keine Feinde, das müssen Alliierte sein.
Das „Wir“, das in diesem Text zunächst die Unsereins-Milieus meint, muss
sich erweitern zu einem „Wir“, das eine große Mehrheit der Gesellschaft
umfasst, vermutlich auch Leute, die im Moment AfD wählen. Hart, oder? Aber
die sollen da ja nicht bleiben, oder?
Anruf bei Joschka Fischer. Wie ist er dazu gekommen, zu sagen: „Dies Land
ist mein Land“? Fischer: „Sollen wir es den Völkischen überlassen, die es
ins Unglück stürzen wollen?“ Dies Land sei doch „ein wunderbares Land
geworden“. Entgegnung: Wir Linken stimmen ihm da wohl kaum zu. Fischer
brummt: „Wieso, wir haben doch ganz entscheidend dazu beigetragen.“ Wenn
die Alternative darin bestünde, dass die AfD regiere „oder wir mit
demokratischen Rechten, dann arbeiten wir mit demokratischen Rechten
zusammen“.
Es ist eine große Zumutung, sich auf Nähe einzulassen mit anderen, die
einem wirklich nicht nah zu sein scheinen. Das kann misslingen, und ehrlich
gesagt ist die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass nicht nur planetarisch,
sondern auch geopolitisch und gesellschaftlich Kipppunkte bereits
überschritten sind.
Aber wenn wir es nicht versuchen, dann geht es auf jeden Fall schief.
30 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Schwerpunkt-Christian-Stroebele/!t5878527
DIR [2] https://www.youtube.com/watch?v=WKhDGSZ6m2o
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## AUTOREN
DIR Peter Unfried
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