# taz.de -- Nach der WM ist vor der Senioren-WM: Der alte Mann und das Tor
> Im Herbst kicken die Fußballsenioren in Australien. Die taz hat den
> Torwart der deutschen Ü75-Nationalmannschaft vor dem Training mit seiner
> Heimmannschaft besucht.
IMG Bild: Im Fußball ist auch Deutschland amtierender Weltmeister. Die Ü75 gewann 2025 in Tokio
Bernhard Weßling kann im Tor noch problemlos nach rechts und links fliegen,
sagt er. Er lässt keine Dosenöffner zu. Später wird der 74-Jährige es der
taz beweisen. Jetzt dirigiert er erst mal über den Rasen auf dem Gelände
des TSV Bargteheide 1868, nördlich von Hamburg. Er sucht ein Versteck für
das Interview.
Es ist ein lauer Mittwochabend, der Tag, nach dem Spanien Frankreich aus
der WM gekickt hat. Weßling geht vorbei an Fußballtoren und
Rasensprenklern, bis an den Rand eines Spielfelds, das über die
Sommerferien gesperrt ist, damit das Gras wachsen kann. Man setzt sich in
ein verlassenes Trainerhäuschen. Hierhin verläuft sich heute sonst keiner.
In einer Stunde beginnt Weßlings wöchentliches Training mit der Herren-Ü-60
des TSV Bargteheide. Er würde bloß gerne vermeiden, dass seine Teamkollegen
das Interview stören. „Sie müssen sich ein bisschen darauf gefasst machen,
dass sie blöde Scherze machen“, hat er schon vorher am Telefon gesagt. Sie
machen Witze darüber, dass sie plötzlich mit einem echten Nationaltorwart
zusammenspielen.
Weßling, der noch in diesem Jahr 75 wird, ist seit Kurzem einer der beiden
Torwarte der deutschen Ü75-Nationalmannschaft, die im Oktober in Brisbane
in Australien zur WM antritt. Eigentlich geht er damit selbstbewusst um. Er
hat der taz extra eine E-Mail geschrieben. Ausschnitt vom Anfang: „Sie
wissen vermutlich nicht, dass ich seit 70 Jahren als Torwart Fußball
spiele, und das auch jetzt noch recht beweglich und reaktionsschnell …“
Im Trainerhäuschen in Bargteheide trägt Bernhard Weßling, graue
Kurzhaarfrisur, gebräunte Haut, weiße Zähne, schon sein Traningsoutfit, ein
leuchtend blaues Trikot, Sporthose mit Flicken auf den Knien, später wird
er seine Torwarthandschuhe anziehen und die Fußballbrille. Jetzt soll er
erzählen, wie er zur Nationalmannschaft kam.
## Geboren in Herne im Ruhrgebiet
„Ich habe dreizehn Jahre lange in Shenzhen in China gelebt“, sagt er. Und:
„Ich erkläre gleich, wie ich darauf komme.“ Weßling, geboren in Herne im
Ruhrgebiet (das wird noch wichtig), fünftes von sechs Kindern, studierter
Chemiker, Kranichschützer, Unternehmer, Vater, Opa, neuerdings
Nationaltorwart, erzählt gerne Geschichten aus seinem Leben. Manchmal enden
sie mit der Antwort auf eine Frage, meistens erzählen sie von einer
gemeisterten Herausforderung. Zum Beispiel, wie er in Norwegen eine 14
Kilometer lange schwere Wanderung unternommen hat, um Moschusochsen zu
finden und zu fotografieren, was gelang. Oder, worüber er auch ein Buch
geschrieben hat, wie er 2005 berufsbedingt ganz alleine nach China gezogen
ist und dort nach kurzer Zeit in drei verschiedenen Fußballmannschaften
spielte, mit Spielern im Alter seiner Söhne.
Seit 2018 wohnt Weßling wieder bei Bargteheide in Schleswig-Holstein und
spielt beim TSV. Es brauchte eine neue Herausforderung. Nachdem er einen
Artikel über die Fußballnationalmannschaft der Senior*innen gelesen
hatte, schrieb er, bestärkt von seiner Lebensgefährtin (75), an das Team:
„Braucht ihr einen Torwart?“ Anfang Juli fuhr er zum Auswahltraining nach
Berlin. Ein paar Tage später kam die Zusage.
Anruf bei Teammanager Günter Christmann, 79, Position: Abwehr, Gründer des
Vereins „Fußball 70 plus Deutschland e. V.“, unter dessen Dach die
Nationalmannschaft läuft. Die Fußballweltmeisterschaft 70 plus, erklärt er,
wurde 2017 von drei fußballbegeisterten Oldies aus Dänemark, USA und Japan
ins Leben gerufen. Sie fand seither bis auf zweimal während der
Coronapandemie jedes Jahr statt. „Wir können nicht vier Jahre warten auf
die nächste!“, sagt Christmann.
Die deutsche Seniorenweltmeisterschaft ist eine private Initiative. Der
Weltfußballverband Fifa oder der Deutsche Fußball-Bund DFB haben damit
nichts zu tun. Übrigens ist Deutschland amtierender Weltmeister. Die Ü75
gewann 2025 in Tokio (3:0 gegen England).
## Ständig braucht es Nachwuchs
Über den neuen Torwart Weßling sagt Christmann: „Es hat sich rausgestellt,
dass Bernhard trotz seiner nicht so großen Größe einer ist, der gut
mitspielt und sich in die Ecken schmeißt.“ Zudem hätte die Ü75
krankheitsbedingt dringend einen Torwart gebraucht. Beim Fußball über 70
braucht es ständig Nachwuchs. Es ist wie bei den Kinder- und Jugendteams,
nur andersherum. Wie die ganz Jungen spielen auch die ganz Alten bei ihrer
Weltmeisterschaft nach etwas anderen Regeln: Ein Spiel dauert zwei Mal 30
Minuten. Auswechseln ist unendlich oft erlaubt. Es spielen 8 gegen 8, auf
Kleintore auf einem kleineren Feld, 68 Meter breit und 50 Meter lang.
Außerdem dürfen Frauen mitmachen, sie dürfen bis zu 10 Jahre jünger sein
als die Männer, aber es dürfen nur zwei pro Team sein. Möglicherweise wären
mehr ein zu großer Vorteil. Zur WM treten für Deutschland zwei Frauen in
der Ü80 an. Da ist es am schwierigsten, genug Spieler zusammenzubekommen.
Eine eigene Seniorinnen-WM gibt es nicht, aber Teams aus älteren Frauen in
Deutschland zum Beispiel in Hamburg, aber auch international, etwa in
[1][Ecuador] und [2][Kenia].
Für die deutschen Seniorenfußballteams gibt es keine finanzielle
Unterstützung von einem Verband. Die Spieler*innen müssen nicht nur
Flüge, Hotels und Verpflegung selbst organisieren und bezahlen, sondern
auch Startgebühr (für Australien sind das 1.500 Dollar pro Team), Bälle,
Trikots – und die Stadionmiete. Für das ganze Sportjahr 2026 schätzt
Teammanager Christmann die Kosten pro Spieler*in auf 10.000 Euro.
Christmann hat schon mehrfach beim DFB nach Unterstützung gefragt, ohne
Erfolg. Gerade wartet er auf Rückmeldung auf eine Anfrage an den
niedersächsischen Fußballverband, ob sie den Senior*innen wenigstens
medizinische Koffer und Wimpel stellen würden.
## Unterstützung mit Stickern
Seit Mai unterstützt die Firma Stickerstars die deutschen
fußballbegeisterten Oldies. Sie geben ein Sammelalbum mit Stickern der
Spieler*innen heraus. Beides kann man online bei [3][wm-der-herzen.de]
kaufen. Mit dem Geld finanzieren die Teams einen Teil der Reisekosten zur
WM in Australien.
Weßling hat seine Flüge nach Australien schon gebucht. Mit allem Drum und
Dran schätzt er die Kosten auf rund 5.000 Euro. Das kann er aus Rücklagen
aus seiner Zeit als Unternehmer bezahlen.
Es wird aber noch teurer. Noch vor der WM in Australien im Oktober fliegt
Weßling mit dem Ü75-Team im Juli nach Manchester in England. Am 30. Juli,
auf den Tag genau 60 Jahre nach dem England Deutschland im WM-Finale im
Wembley-Stadion in London 4:2 besiegt hat, unter anderem mit einem Tor, das
vielleicht keines war, gibt es die historische Revanche. Sie spielen in
Manchester, weil das Stadion in London zu teuer war.
Eine schöne Idee, und dann wohnte der Torwart Hans Tilkowski, [4][der 1966
das Wembley-Tor] an die Latte gezimmert bekam, auch noch in Herne, genau
wie Weßling. Zufall?! Die beiden teilen, abgesehen von den 40 Jahren, die
Weßling jetzt älter ist als Tilkowski damals war, auch noch ein großes
Problem: das Tor. Für das Gedächtnisturnier bestanden die Engländer darauf,
auf einem Großfeld zu spielen mit einem Normaltor. „Ich bin 1,65“, sagt
Weßling und macht eine Pause. „Falls ich es noch bin, vielleicht auch nur
noch 1,64“. Ein normales Fußballtor ist 2,44 Meter hoch und 7,32 Meter
breit. Er reibt sich das Knie.
Beim Auswahltraining Anfang Juli in Berlin habe er mit der Ü75 gegen die
Ü70 auf Großfeld gespielt. „Und verloren.“ In seinen Augen: Schmerz.
Doch er hat einen neuen Gedanken. „Selbst wenn wir 12:0 untergehen, das
kriegt ja keiner mit.“ Auch die Senioren des TSV Bargteheide haben mal eine
historische 12:0-Niederlage gegen die ehemaligen Oberligaspieler des VfB
Lübeck eingefahren. Weßling stand im Tor.
Plötzlich kommt Bewegung auf am Eingang auf der anderen Seite des Feldes.
Weßlings Teamspieler trudeln ein. Weßling springt auf. Mit der
Nationalmannschaft hat er bisher nur beim Auswahltraining in Berlin
gespielt. Sie werden sich erst am 29. Juli in England wiedersehen, einen
Tag vor der Wembley-Revanche. Bis dahin bleibt ihm nur das Training mit den
Kollegen vom TSV Bargteheide. Er sollte auf keinen Fall zu spät kommen,
bloß weil die Zeitung da ist.
30 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.ardmediathek.de/video/weltbilder/ecuador-es-ist-nie-zu-spaet-fussball-fuer-aeltere-damen/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS81NTc3ZTNkMy02N2YyLTRjMDYtODI5Yi0xMGI5ODk5ZjliZGI
DIR [2] https://www.zdfheute.de/politik/ausland/fussball-kenia-nairobi-grannies-football-club-100.html
DIR [3] https://wm-der-herzen.de/
DIR [4] /WM-Finale-1966/!5868449
## AUTOREN
DIR Amira Klute
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