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       # taz.de -- Abhängigkeit von großen Plattformen: Bitte alle aussteigen
       
       > Unternehmen und Vereine kommunizieren fast nur noch über große
       > Social-Media-Plattformen. Das muss nicht sein. Plädoyer für einen
       > gemeinsamen Aufbruch.
       
   IMG Bild: Es braucht eine gemeinwohlorientierte Infrastruktur
       
       Stellen wir uns einen Tag in der nahen Zukunft vor, sagen wir: im Herbst
       2026. 100 der einflussreichsten Medienhäuser, Hochschulen, Verbände und
       Behörden veröffentlichen auf ihren Webseiten gleichzeitig eine Erklärung.
       Darin steht: Wir steigen gemeinsam aus. Wir werden unsere Kommunikation
       nicht länger nach den Regeln ausrichten, die uns die [1][großen
       Plattformen] vorgeben. Und jetzt erzählen wir euch, was wir stattdessen
       vorhaben.
       
       Derselbe Tag, wenige Stunden später, noch eine Pressekonferenz: Eine Gruppe
       großer Unternehmen verkündet, dass sie einen großen Teil ihres Werbebudgets
       von nun an nur noch auf europäischen Plattformen ausgeben will. Dafür haben
       sie eine Selbstverpflichtung unterschrieben.
       
       Das scheint utopisch. Aber dass Social-Media-Plattformen wie X, Tiktok und
       Facebook mit ihren Algorithmen und Geschäftsmodellen unsere Gesundheit,
       Demokratie und Zukunft gefährden, darüber sind sich viele Menschen einig.
       Auch Alternativen formieren sich immer wieder. Trotzdem kommt der große
       Ausstieg nicht. Muss das so bleiben?
       
       Wir haben kein Technologieproblem, sondern eines mit unserem
       gesellschaftlichen Verhalten. Seit Jahren wird in Europa darüber
       diskutiert, wie sich die Macht von Big Tech politisch einhegen lässt. Das
       ist notwendig – hilft aber gegen die Dominanz der Plattformen so gut wie
       nichts, solange Medien, Unternehmen, Behörden und andere öffentliche
       Institutionen ihr Kommunikationsverhalten nicht verändern.
       
       Wie tief die Akzeptanz der Macht großer Konzerne mittlerweile in unserem
       Alltag verankert ist, lässt die aktuelle Debatte um den Jugendmedienschutz
       erahnen: Die von [2][Bundesfamilienministerin Karin Prien] berufene
       Expert*innenkommission empfiehlt statt pauschaler Verbote für
       Jugendliche strengere Schutzstandards, mehr Medienbildung und ein
       kindgerechteres Plattformdesign. Verblüffend daran ist allerdings, dass die
       Logik der Plattformökonomie unwidersprochen als selbstverständlicher Ort
       öffentlicher Kommunikation hingenommen wird. Die Plattformen im Allgemeinen
       werden nicht infrage gestellt.
       
       ## I. Das Gefangenendilemma
       
       Redaktionen stellen ganze Teams für Instagram, Tiktok oder Youtube auf.
       NGOs fahren weiter Kampagnen bei Google und Facebook, Unternehmen erhöhen
       Jahr für Jahr ihre Social-Media-Budgets. Die Macht der Konzerne beruht
       damit weniger auf technologischer Überlegenheit als auf einer stillen
       Gewöhnung, die wir aus vielen anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen
       kennen: Alle wissen um die Problematik und doch erfolgen die Ausstiege
       höchstens vereinzelt. Der [3][<i>Guardian</i> etwa hat die Plattform X
       verlassen], auch die taz veröffentlicht dort keine Inhalte mehr.
       
       Für dieses Zögern gibt es in den Sozialwissenschaften eine Erklärung: Der
       US-Wirtschaftswissenschaftler Mancur Olson hat das Problem 1965 in seiner
       „Logik des kollektiven Handelns“ beschrieben. Ein verwandtes
       Gedankenexperiment ist in der Spieltheorie als Gefangenendilemma bekannt.
       Social-Media-Nutzer*innen sind wie zwei Menschen, die gemeinsam eine
       Straftat begangen haben. Sie werden im Anschluss getrennt verhört.
       Schweigen beide, kommen sie glimpflich davon. Gesteht nur einer, profitiert
       er als Kronzeuge, während der andere die volle Strafe bekommt. Weil beide
       befürchten müssen, vom anderen verraten zu werden, gestehen am Ende beide –
       obwohl das gemeinsame Schweigen für beide besser gewesen wäre. Dieses
       Gedankenexperiment beschreibt eine Situation, in der gemeinsames Handeln
       allen nützen würde, gegenseitiges Misstrauen aber verhindert, dass es dazu
       kommt.
       
       Genau darin ähnelt die Plattformökonomie unserem heutigen Dilemma. Am
       meisten würden alle profitieren, wenn viele Menschen und Organisationen
       ihre Abhängigkeit von den Plattformen gleichzeitig reduzierten. Doch
       solange niemand sicher sein kann, dass die anderen mitziehen, bleibt jeder
       lieber dort, wo schon alle sind. Jeder wartet auf den anderen. Deshalb
       behandeln wir bis heute ein Koordinationsproblem wie ein
       Regulierungsproblem: Die Politik [4][soll strengere Gesetze beschließen]
       und in Europa eigene Infrastrukturen mit eigenen Regeln bauen. Das sind
       keine unbilligen Wünsche, wird aber wenig bewirken, wenn sich das
       Kommunikationsverhalten der Menschen, Organisationen und Unternehmen nicht
       ändert. Stattdessen brauchen Nutzer*innen verbindliche Absprachen, einen
       verlässlichen Pakt des Ausstiegs. Sonst können sie das Dilemma nicht
       auflösen.
       
       ## II. Die gemietete Öffentlichkeit
       
       Wie weit die allgemeine Konzentration fortgeschritten ist, belegt der
       Kölner Medienwissenschaftler Martin Andree in seiner jüngsten Vermessung
       der digitalen Welt. Das einstmals dezentral angelegte Internet gleicht
       inzwischen einer Landkarte mit wenigen Ballungszentren: [5][Google] steuert
       den Zugang zum Wissen, Meta die sozialen Beziehungen, [6][Amazon] den
       Konsum. Aus Millionen gleichberechtigter Angebote ist ein Oligopol
       erwachsen. Die Nutzer*innen unterstützen diese gefährliche
       Machtkonzentration.
       
       Für Medien, Unternehmen und öffentliche Institutionen ist die Kommunikation
       über die großen Plattformen wiederum ein massiver Machtverlust.
       Algorithmen, Geschäftsmodelle und Profitstreben bestimmen darüber, welche
       Botschaften wen überhaupt erreichen. Denn nicht jede*r Nutzer*in auf
       Social Media bekommt alle Beiträge der Menschen zu sehen, denen er oder sie
       folgt. Wie viel Aufmerksamkeit zum Beispiel eine investigative Recherche
       bekommt, bestimmt also nicht eine Redaktion, sondern maßgeblich [7][die
       Ausspielregeln von Instagram und Co]. Deswegen werden viele Beiträge gleich
       nach den Vorgaben der Plattformen gefertigt: Wie lang ein Video oder wie
       scharf formuliert eine Überschrift ist, wird oft nicht nur nach
       journalistischen Kriterien entschieden, sondern danach, was wo
       funktioniert.
       
       Diese Entwicklung war lange nachvollziehbar: Wer Menschen erreichen wollte,
       musste dorthin gehen, wo die Debatte war. Erst auf Facebook, dann auf
       Twitter, dann auf Instagram, jetzt auf [8][Tiktok]. Zunächst waren das
       zusätzliche Kommunikationskanäle, dann wurden sie schrittweise die zentrale
       Infrastruktur öffentlicher Kommunikation. Digitale Öffentlichkeit ist
       heute, wenn man so will, in weiten Teilen nur gemietet, während ihre
       Vermieter die Spielregeln bestimmen. Der Fehler war nicht, auf den
       Plattformen sichtbar zu werden, sondern sich von ihnen abhängig zu machen.
       
       ## III. Die Rückeroberung
       
       Ob Europa erfolgreiche Alternativen zu den großen Plattformen bauen kann,
       entscheidet nicht zuerst die Technologie. Ausschlaggebend ist, ob eine
       kritische Masse bereit ist, die Alternativen zu nutzen. Das heißt: Der
       größte Wettbewerbsvorteil der amerikanischen Plattformen liegt gar nicht
       unbedingt in ihrer technischen Überlegenheit, sondern in der Trägheit ihrer
       Nutzer*innen. Um diese Beziehung zu diesen Nutzer*innen resilienter zu
       gestalten, dürfen Organisationen ihre Kontakte nicht länger über wenige
       Plattformen bündeln, sondern müssen ihre Zugänge stärker diversifizieren.
       
       Dafür braucht es eine gemeinwohlorientierte Infrastruktur: direkte
       Beziehungen mit den Menschen über [9][Newsletter, Mitgliedschaften,
       Communitys oder Messenger ohne Datenvermarktung]. Die Lokalzeitung etwa
       pflegt dann vielleicht verschiedene Messenger-Gruppen, in denen Links zu
       Artikeln gepostet werden und Anregungen von Leser*innen in die Redaktion
       zurückkommen. Ihre eigene App mit den guten Community-Funktionen basiert
       auf einem öffentlich finanzierten und bereitgestellten Prototyp.
       
       Das verlangt allerdings die Bereitschaft, Aufmerksamkeit, Werbebudgets und
       institutionelle Legitimation schrittweise umzulenken. Erst dadurch kann
       eine neue Kommunikationsarchitektur entstehen und können europäische
       Alternativen überhaupt eine reelle Chance erhalten.
       
       ## IV. Der Konvoi
       
       Ein „Konvoi“ funktioniert nach einem einfachen Prinzip: zusammen aufbrechen
       und das Risiko der ersten Schritte auf mehrere Schultern verteilen.
       Ausgehen sollte die konzertierte Aktion von öffentlich-rechtlichen und
       privaten Medienhäusern, ebenso wie von Hochschulen, Stiftungen, NGOs, aber
       auch von Verbänden oder öffentlichen Einrichtungen. Sie alle verbindet,
       dass sie bereits heute Verantwortung für öffentliche Kommunikation tragen.
       Gemeinsam könnten sie erfassen, wo Plattformabhängigkeit ihre Arbeit,
       Sichtbarkeit und Handlungsspielräume tatsächlich einschränkt – und was
       passieren würde, wenn sie morgen „ausstiegen“.
       
       Der Konvoi beginnt deshalb nicht mit einem Ad-hoc-Exit, sondern mit einer
       Verabredung. Denkbar ist ein gemeinsamer Starttermin, auf den sich alle
       Beteiligten über mehrere Monate vorbereiten. In regelmäßigen
       Werkstattgesprächen entwickeln sie Strategien und gemeinsame Standards.
       Vertreter*innen der beteiligten Organisationen kommen anfangs
       persönlich zusammen, vereinbaren Ziele und einen Zeitplan. Der weitere
       Austausch erfolgt über die Kommunikationswege, die unabhängig von den
       Plattformen funktionieren: Videokonferenzen, Messenger, E-Mail-Verteiler
       und gemeinsame Arbeitsplattformen. In diesen Werkstattgesprächen müssten
       die Beteiligten sich auch überlegen, was ihr Ausstieg für den Diskursraum
       bedeutet. Überlässt man etwa X damit komplett den Verschwörungsideologien
       und der Desinformation, oder findet man auch damit einen sinnvollen Umgang?
       
       Damit würde ein Reallabor auf Zeit entstehen, in dem Organisationen über
       einen begrenzten Zeitraum gemeinsam erproben, wie resiliente
       Publikumsbeziehungen jenseits der Plattformlogik funktionieren – über
       gemeinsame Newsletter-Netzwerke, regionale Fediverse-Angebote, lokale
       Veranstaltungsformate und Mitgliedschaftsmodelle. Selbst junge Menschen,
       die in einer Instagram- und Tiktok-Welt sozialisiert wurden, werden schnell
       die Vorzüge einer entschleunigten, weniger toxischen
       Kommunikationsarchitektur im Digitalen erkennen. Mit diesen Zutaten kann
       der gemeinsame Umzug zu europäischen Alternativen funktionieren, der unsere
       Kommunikation resilienter machen würde.
       
       25 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Gefahr-von-Onlineplattformen/!6186337
   DIR [2] /Ergebnis-der-Social-Media-Kommission/!6188589
   DIR [3] https://www.theguardian.com/media/2024/nov/13/why-the-guardian-is-no-longer-posting-on-x
   DIR [4] /Regulierung-des-digitalen-Raumes/!vn6176400/
   DIR [5] /Google-und-alternative-App-Stores/!6179806
   DIR [6] /Tragoedie-bei-Amazon-in-Erfurt/!6135223
   DIR [7] /Weiss-der-Instagram-Algorithmus-mehr-ueber-mich-als-meine-Freunde/!6126352
   DIR [8] /EU-Kommission-prueft-Plattform/!6152226
   DIR [9] /Neue-Journalismus-Modelle-im-Netz/!5770147
       
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