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       # taz.de -- Misstrauen in die Medien abbauen: Radikale Transparenz
       
       > Das Vertrauen in die Medien ist laut einem Report des Reuters-Instituts
       > gesunken. Investigative Recherchen mit öffentlichen Quellen können da
       > helfen.
       
   IMG Bild: Satellitenbilder sind ein oft genutztes Tool bei der Recherche
       
       Die Gesellschaft steckt in einer Vertrauenskrise. Und die zeigt sich auch
       im Journalismus. Laut „[1][Digital News Report]“, einer internationalen
       Befragung des Reuters Institute, vertrauen nur noch 37 Prozent der
       befragten Personen den Medien. Vor zehn Jahren waren es noch 45 Prozent.
       Die große Frage lautet daher: Wie kann Journalismus dagegen bestehen?
       
       Manche sehen eine Antwort in radikaler Transparenz. Einer davon ist Eliot
       Higgins, der Gründer der Rechercheplattform Bellingcat. Er sagte einmal:
       „[2][Wahrheit ist nicht mehr genug].“ Gleichzeitig beanspruchen viele,
       genau diese Wahrheit als Einzige zu kennen. Deswegen setzt Bellingcat auf
       sogenannte Open Source Investigations, oft auch Osint genannt.
       
       Gemeint sind damit Recherchen, die bereits öffentliche Quellen nutzen.
       Journalist:innen begeben sich dabei auf digitale Spurensuche. Sie
       finden Beiträge in sozialen Medien, analysieren Satellitenbilder oder
       Flugtrackerdaten, öffentliche Protokolle, Metadaten von Fotos, scrollen
       durch alte Webseiten in Internetarchiven und recherchieren alles, was man
       vom Schreibtisch aus herausfinden kann, ohne dass man jemanden anrufen muss
       oder geheime Informationen benötigt.
       
       Dafür genutzt werden oftmals [3][Osint-Tools], also digitale Werkzeuge, die
       die Recherchen vereinfachen. Es gibt einiges im Angebot, etwa Plattformen,
       die das Internet sehr genau nach Gesichtern durchforsten können, oder ein
       Programm, das auflistet, auf welchen Websites eine eingegebene
       E-Mail-Adresse mit Profilen verknüpft ist – praktisch Schuhabdrücke im
       Netz, die den Journalist:innen Hinweise liefern.
       
       Einige Beispiele für Ergebnisse solcher Recherchen, die allein mit
       öffentlich verfügbaren Quellen arbeiteten: eine [4][minutengenaue
       Rekonstruktion] des Sturms aufs Capitol 2021, Beweise für [5][das Massaker
       in Butscha] 2022 oder die mutmaßliche RAF-Terroristin Daniela Klette, deren
       öffentliches Facebook-Profil 2023 von [6][einem Bellingcat-Journalisten]
       innerhalb weniger Minuten entdeckt wurde.
       
       ## Inspriationsquelle: Geheimdienst
       
       Als sich Bellingcat 2014 gründete, waren sie Pioniere auf diesem Feld.
       Osint war im Journalismus kein Begriff. Vielmehr stammt Osint aus dem
       Geheimdienstbereich – erkennbar an der Endung -int des Akronyms, die für
       intelligence steht.
       
       Schon Ende der 1990er Jahre entdeckte der US-amerikanische Geheimdienst das
       Potenzial öffentlicher Quellen für seine Arbeit. Nun sind
       Journalist:innen [7][keine Geheimagent:innen]. Ihr Ziel ist sogar
       das Gegenteil, nämlich Öffentlichkeit herzustellen. Auch deswegen wird der
       Begriff mittlerweile sehr kritisch betrachtet, und viele
       Journalist:innen sprechen in diesem Bereich lieber von
       Open-Source-Recherchen. Aus Platzgründen wird hier trotzdem das Wort Osint
       genutzt.
       
       Richtig bekannt wurde Bellingcat mit Ermittlungen zum Absturz einer
       malaysischen Passagiermaschine mit der [8][Flugnummer MH17], die 2014 von
       den Niederlanden auf dem Weg nach Malaysia über der Ukraine abgeschossen
       wurde. Einzig mit öffentlich zugänglichen Daten wie zum Beispiel
       Facebook-Posts von Anwohner:innen in der Region konnte die Gruppe
       belegen, dass Russland verantwortlich war.
       
       Mit forensischer Bildanalyse, dem Tracking von über 200 Profilen russischer
       Soldaten und Satellitenbildern der Abschussstelle wies Bellingcat nach,
       dass es sich um einen russischen Raketenträger gehandelt hatte. Ihren
       kompletten Rechercheweg haben sie online gepostet, [9][Schritt für
       Schritt.]
       
       ## Quellenschutz ist das höchste Gebot
       
       Gerade im investigativen Journalismus ist das ungewöhnlich, denn dort gilt
       als höchstes Gebot der Quellenschutz. Formulierungen wie: „Der Name wurde
       von der Redaktion geändert“, oder: „Die Dokumente liegen uns vor“, sind
       daher in investigativen Recherchen häufig.
       
       Als Beispiel: Die beiden Journalisten, die die Watergate-Affäre des
       US-Präsidenten Richard Nixon aufgedeckt hatten, schützten „Deep Throat“,
       die wichtige Quelle ihrer Berichterstattung. Sie offenbarte sich [10][nach
       30 Jahren selbst].
       
       Seitdem hat sich einiges an der Medienlandschaft geändert. Das Publikum ist
       nicht mehr von Journalismus abhängig, um an Nachrichten zu gelangen.
       Jede:r mit Internetzugang kann mitreden. In den sozialen Medien kann sich
       jede:r eine öffentliche Plattform nehmen, dieses Privileg ist nicht mehr
       exklusiv Medienhäusern vorbehalten.
       
       ## Passives Publikum wird aktiv
       
       Im letzten Jahrhundert hatte die Presse praktisch ein Nachrichtenmonopol.
       Journalist:innen bestimmten, was es in die Zeitung, die
       Abendnachrichten oder die Radiosendung schaffte. Sie hatten eine
       Gatekeeper-Rolle und waren wie Türsteher:innen, die entscheiden, welche
       Informationen sie durchlassen und welche nicht.
       
       Das Publikum bestand allein aus Rezipient:innen, erhielt also nur
       Nachrichten, bestimmte sie aber nicht selbst mit. Mittlerweile ist das
       anders geworden. Das Publikum fungiert nicht mehr nur als passive
       Zuschauer:innen, sondern nimmt aktiv teil.
       
       Ein automatischer Anspruch auf Glaubwürdigkeit allein durch den
       journalistischen Beruf ist nicht mehr gegeben. Wer daher genau offenlegt,
       wie recherchiert wurde und woher genau welche Informationen stammen,
       vermittelt gleichzeitig: Du musst mir nicht glauben, nur weil ich
       Journalist:in bin. Ich liefere dir die Beweise.
       
       Die journalistische Arbeit mit sowieso schon öffentlichen Quellen kann
       einen neuen Grad an Transparenz gegenüber dem Publikum ermöglichen. Immer
       mehr Redaktionen bauen Ressorts auf, die sich auf Open-Source-Recherchen
       fokussieren.
       
       ## Mehr Ressorts mit Osint
       
       Besonders seit der Vollinvasion Russlands in der Ukraine 2022 sind
       Osint-Methoden im Journalismus sehr viel verbreiteter geworden.
       Soldat:innen posten Videos – in den Redaktionen werden sie
       geolokalisiert und verifiziert. Das Kriegsgeschehen auf den Bildschirmen,
       weit entfernt von der Front.
       
       Die New York Times beschäftigt seit 2017 in ihrem Visual Investigation Team
       Journalist:innen, die sich mit forensischer Bildanalyse auskennen. Vieles
       von dem Material, das sie untersuchen, stammt aus sozialen Medien. Auch die
       BBC hat seit 2023 ein spezialisiertes Team, das sich auf diese Art der
       Recherche konzentriert.
       
       In deutschen Redaktionen ist Osint weniger organisiert. Es gibt eher
       einzelne Journalist:innen, die sich auskennen. Oft nutzen auch
       Faktencheckteams viele Osint-Methoden, wenn sie Informationen verifizieren.
       Einige wenige Formate wie das investigative Dokuformat „Die Spur“ vom ZDF
       erwähnen, dass sie vermehrt auf Osint-Methoden setzen wollen.
       
       ## Transparenez als Waffe
       
       Ist Open-Source-Recherche der Weg, das Vertrauen des Publikums
       zurückzugewinnen? Manisha Ganguly bezweifelt das. Sie ist investigative
       Journalistin und seit mehreren Jahren Leiterin des
       Visual-Investigations-Teams des Guardian. Hier hat sie das
       Open-Source-Rechercheteam aufgebaut.
       
       Sie sagt, wenn Leute schon von einer gegenteiligen Sache überzeugt seien,
       ändere ein transparenter Rechercheweg nichts. „Die Transparenz kann gegen
       einen verwendet werden“, sagt Ganguly der taz. Wenn nicht nur das Ergebnis
       präsentiert wird, sondern auch der Weg dorthin, könnten Recherchen leichter
       angezweifelt werden.
       
       „Menschen wollen nur noch glauben, was sowieso zu ihren politischen
       Überzeugungen passt“, sagt sie. Oft gehe es nur noch um Emotionen. Dagegen
       mit der analytischen Herangehensweise von Open-Source-Recherchen
       anzukämpfen, sei schwer.
       
       ## Die Menschen nicht vergessen
       
       Als Ganguly vor Jahren begann, Osint für ihre journalistische Arbeit zu
       nutzen, berichtete sie vor allem zu Krisengebieten. Damals war es der Krieg
       in Libyen, später die Kriege in der Ukraine und Gaza. Denn die Methoden
       ermöglichen es ihr, auch dann weiterzuberichten, wenn es schwer ist,
       physisch vor Ort zu sein. Mit Satellitenbildern analysierte Ganguly zum
       Beispiel das Ausmaß [11][der Zerstörung in Gaza].
       
       Dabei ist ihr wichtig, dass Osint nie als einzige Methode eingesetzt werden
       sollte. „Es braucht zusätzlich immer menschliche Quellen“, sagt sie. Etwa
       Expert:innen, die sich mit Kriegswaffen auskennen und sie verifizieren.
       
       Noch ein Aspekt kommt hinzu: Transparenz kann gefährlich sein. Ein
       Beispiel: Ein Journalist verwendet ein Video von Facebook aus einem
       Kriegsgebiet, um in seinem Artikel den Rechercheweg zu erklären. Die
       Person, die das Video hochgeladen hat, spielt dafür vielleicht gar keine
       Rolle. Aber für sie bedeutet die viel breitere Öffentlichkeit, die der
       Journalist erreicht, plötzlich im Scheinwerferlicht zu stehen. Eine Gefahr
       für jede:n, der oder die sich verstecken muss.
       
       Auch wenn es um andere Bereiche geht, viele Osint-Methoden kommen digitalem
       Stalking gleich. Ein Foto aus dem eigenen Garten auf Instagram – ein
       erfahrener Osintler findet die Adresse heraus. Oft sind sich Menschen nicht
       bewusst, wie viel sie im [12][Internet öffentlich teilen]. Das heißt aber
       nicht, dass sie auch Personen von öffentlichem Interesse wären.
       
       ## Redaktionen im Osint-Hype
       
       „Letztlich sind Osint-Methoden ein Werkzeug. Man kann damit Gutes und
       Schlechtes tun“, sagt Ganguly. Im Jahr 2026 sei sowieso keine Recherche
       ohne einen Osint-Anteil.
       
       Aber Ganguly beobachtet eine Fetischisierung des Begriffs. „Alle wollen
       plötzlich Osint-Leute im Team haben, wissen aber gar nicht, was das
       bedeutet“, erzählt sie von ihren Erfahrungen. Osint werde als günstiges
       Wundermittel für bildstarke Beiträge betrachtet. Osint-Washing, sozusagen.
       Stattdessen sollten Journalist:innen lernen, die Methoden richtig
       einzusetzen. Das Ziel müsse immer sein, Mächtige zur Verantwortung zu
       ziehen, sagt Ganguly.
       
       29 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/digital-news-report/2026
   DIR [2] https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/09564748251344087
   DIR [3] https://gijn.org/stories/essential-open-source-tools-for-journalists-investigating-air-pollution/
   DIR [4] https://www.nytimes.com/spotlight/us-capitol-riots-investigations
   DIR [5] https://www.washingtonpost.com/world/2022/04/02/bucha-bodies-russia-retreat-kyiv/
   DIR [6] https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:episode:1f6c4ce3338c790b/
   DIR [7] /Bundesdatenschutzbeauftragte-ueber-Geheimdienstreform-Seid-ihr-bescheuert/!6198179
   DIR [8] /Urteil-nach-Abschuss-der-MH17/!5895995
   DIR [9] https://www.bellingcat.com/app/uploads/2015/10/MH17-The-Open-Source-Evidence-EN.pdf
   DIR [10] /Wenn-das-so-ist-Ja-ich-bins/!1901738/
   DIR [11] https://www.theguardian.com/world/ng-interactive/2024/jan/30/how-war-destroyed-gazas-neighbourhoods-visual-investigation
   DIR [12] /Gefahr-von-Onlineplattformen/!6186337
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Clara Dünkler
       
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