URI: 
       # taz.de -- „Odyssee“ nach Madeline Miller: Göttin, macht das Spaß!
       
       > Ja, Odysseus ist cool, aber haben Sie schon mal von Circe gehört? Wie
       > feministische Neuerzählungen unsere Autorin für griechische Mythologie
       > begeisterten.
       
   IMG Bild: Circe in einem Gemälde von Frederick Stuart Church von 1910
       
       Wo ich dieses Jahr meinen Sommer verbracht habe? Danke der Nachfrage, Aiaia
       heißt die Insel, die mal im Tyrrhenischen Meer vor Sizilien, mal in der
       Adria und mal 100 Kilometer südlich von Rom verortet wird. Sie hat nur eine
       einzige Bewohnerin, die am höchsten Punkt der Insel in einem prachtvollen
       steinernen Anwesen lebt, umgeben von zahmen Wölfen und Löwen und all ihren
       Kräutern und Tinkturen, mit denen sie schiffbrüchige Männer in Schweine
       verwandelt. Circe und ich hatten eine tolle Zeit miteinander,
       beispielsweise als ich, statt vier Stunden vierundvierzig, [1][sechs
       Stunden achtundfünfzig mit dem ICE von Berlin nach Köln brauchte]. Da nahm
       sie mich bei sich auf. Wie sie das auch schon mit Odysseus tat, der
       bekanntermaßen ähnlich lange unterwegs war.
       
       500 Seiten umfasst Madeline Millers Roman „Ich bin Circe“, der das Leben
       der verbannten Hexe und Tochter des Sonnengotts Helios nachzeichnet und in
       mir eine Liebe zur griechischen Mythologie auslöste, von der ich nicht
       wusste, dass sie in mir schlummerte. Ein Jahr verbrachte Odysseus zwischen
       seiner Begegnung mit Menschen fressenden Ungeheuern und einem Trip in die
       Unterwelt bei Circe. Sie päppelte seine Männer auf und ließ ihn in ihr
       Bett, obwohl er auch dort nie aufhörte, von Penelope zu erzählen. Seiner
       Weiterreise stellte sie sich nicht in den Weg, versorgte ihn stattdessen
       mit überlebenswichtigen Ratschlägen.
       
       In [2][Christopher Nolans Megablockbuster] nimmt Odysseus’ Jahr bei Circe
       etwa zehn Minuten in Anspruch, und wenn Ihnen das genauso wie mir nicht
       reicht, dann probieren Sie’s doch mal mit dieser feministischen
       Neuerzählung. Göttin, macht die Spaß!
       
       Madeline Millers Roman ist kein Geheimtipp, er erschien bereits 2018, wurde
       gleich ein Bestseller und löste in der Belletristik einen kleinen Trend
       aus. Bereits wenige Monate zuvor hatte die Altphilologin Emily Wilson als
       erste Frau die „Odyssee“ übersetzt und es gewagt, Odysseus im ersten Satz
       nicht etwa als „listenreich“ oder „viel gewandert“ zu bezeichnen, sondern
       als einen „komplizierten Mann“. Seitdem findet sich auf ihrer Website ein
       Kontaktformular für „misogynes Trollen“ – denn Homer’sche Gelehrte und die,
       die sich dafür halten, konnten es nicht fassen.
       
       Der Versuch, die Leerstellen zu füllen 
       
       Auch Madeline Miller, die wie Wilson Altphilologin ist, bemüht sich,
       Odysseus’ Ambivalenzen herauszuarbeiten: seine Cleverness und seine
       Niedertracht, seinen Machthunger und seine menschlichen Momente. In „Ich
       bin Circe“ entwickelt er nach seiner Rückkehr übrigens eine handfeste
       posttraumatische Belastungsstörung und macht seiner Familie das Leben zur
       Hölle. Aber [3][genug über Odysseus].
       
       Circe ist in Madeline Millers Werk nicht nur Zwischenstopp für einen
       verirrten Kriegsversehrten, sondern verstoßene Tochter, mächtige Zauberin,
       alleinerziehende Mutter und ausdauernde Kämpferin gegen alles Feindselige,
       das ihre Festung bedroht. Die Rahmenhandlung basiert auf den einschlägigen
       Schriften, dazwischen habe sie versucht, Leerstellen zu füllen. Denn: „Wie
       kann es sein, dass Odysseus, der neugierigste Mann der antiken Literatur,
       Circe nicht fragt, warum sie Männer in Schweine verwandelt?“, sagte Miller
       [4][kürzlich in einem Interview] mit der New York Times. Auch habe sie
       ergründen wollen, warum Circes Stimme in Homers Gedicht als die einer
       Sterblichen beschrieben wurde. Was macht das mit einer Göttin? Und: Ist das
       wirklich eine Schwäche?
       
       Meine größte Freude hatte ich dabei, nachzugoogeln, welcher wahnwitzige
       Plot-Twist in „Ich bin Circe“ vom Original gedeckt ist und welcher nicht.
       Es stellte sich heraus: Die allermeisten waren’s. Griechische Mythologie
       ist so eine Daily Soap!
       
       Apropos Daily Soap und Plot-Twists, die nicht von dieser Welt sind: Auch
       zur „Ilias“ hat Madeline Miller eine Interpretation vorgelegt, [5][ihr
       Debüt „Das Lied des Achill“]. Erzählt wird aus Sicht des Patroklos, Achills
       engstem Gefährten und – nicht nur nach Millers Auslegung – Geliebten. Schon
       Platon und Aischylos gingen davon aus, [6][dass das zwischen den beiden
       mehr war als nur tiefe freundschaftliche Verbundenheit]. Miller hat einen
       Roman draus gemacht, und wenn ein literarischer Stoff es verdient hat, ins
       IMAX-Format überführt zu werden, dann ist es dieser. Denn nein, nicht die
       „Odyssee“ braucht eine Neuauflage, sondern „Troja“ (2004), der
       heterosexuellste Film aller Zeiten. Nur diesmal eben ganz nach Homer.
       
       25 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Schienenverkehr-in-Deutschland/!6187380
   DIR [2] /Die-Odyssee-von-Christopher-Nolan-Matt-Damon-auf-epischer-Irrfahrt/!6196047
   DIR [3] /Die-Odyssee-von-Christopher-Nolan-Ueberzeugende-Frauenfiguren-kommen-nicht-vor/!6197516
   DIR [4] https://www.nytimes.com/2026/07/12/podcasts/the-daily/whats-epic-about-the-odyssey-everything.html
   DIR [5] /Homosexualitaet-in-der-Literatur/!5689212
   DIR [6] /Homosexualitaet-in-der-Literatur/!5689212
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Leonie Gubela
       
       ## TAGS
       
   DIR wochentaz
   DIR Kolumne Starke Gefühle
   DIR Mythologie
   DIR Belletristik
   DIR Kino
   DIR Kolumne Vierte Wand
   DIR Spielfilm
   DIR Spielfilm
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR „Die Odyssee“ von Christopher Nolan: Ein Regisseur für Männer
       
       Christopher Nolan versucht sich am Epos und versagt an einer alten
       Schwäche: Überzeugende, vielseitige Frauenfiguren kommen in seinem Werk
       nicht vor.
       
   DIR Debatte um „Die Odyssee“: Nolan auf Irrfahrt im besetzten Land
       
       Christopher Nolans neuer Film wurde zum Teil in der besetzten Westsahara
       gedreht. Das scheint den genialen Filmemacher wenig zu interessieren.
       
   DIR „Die Odyssee“ von Christopher Nolan: Der Krieg hat ihn gebrochen
       
       Der Regisseur Christopher Nolan schickt in „Die Odyssee“ den Star Matt
       Damon auf große Irrfahrt. Es ist ein schwerfälliges Epos.