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       # taz.de -- Rollertaxi-Fahrer in Indonesien: Die grüne Macht
       
       > Ohne Motorrollertaxis würde der Verkehr in Jakarta kollabieren. Die
       > Fahrer arbeiten prekär – und jetzt explodiert auch noch der Spritpreis.
       
   IMG Bild: Sie arbeiten immer, auch im strömenden Regen: Rollertaxifahrer im indonesischen Jakarta
       
       Muhammad steckt fest. Er steht mit seinem Motorroller auf einer Kreuzung in
       Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens. Seine Füße in den Plastiksandalen
       berühren gerade so den Boden, vor ihm keilen sich die Autos ineinander. Die
       Mittagshitze liegt schwer in der Luft. Das Hupen der Autos dröhnt in seinen
       Ohren. Dann, endlich, eine Lücke. Muhammad gibt Gas.
       
       Online buchbare Motorrollertaxis heißen auf Indonesisch „Ojek“. Es ist
       schwer zu sagen, wie viele Ojeks in Jakarta unterwegs sind. Manche gehen
       von 250.000 aus, andere sagen, es sind bis zu 500.000. In der
       Metropolregion Jakarta, mit 42 Millionen Einwohner*innen die größte der
       Welt, sollen insgesamt 1,2 Millionen Rollertaxifahrer unterwegs sein.
       Regelmäßig steht der Verkehr in Jakarta vor dem Kollaps. Zu wenig
       Infrastruktur für zu viele Menschen. Der öffentliche Nahverkehr ist
       schlecht ausgebaut und deckt nur wenige Bereiche ab.
       
       Jakarta ist deshalb auf die Ojeks angewiesen. Sie halten die Megacity
       mobil. Die Fahrer liefern Essen, fahren Kurierdienste und bringen Menschen
       von A nach B. Die Roller sind im Stau flexibel, sie können sich zwischen
       den stehenden Autos hindurchschlängeln. In Indonesien dominieren zwei
       Anbieter, über die sich Ojeks per App bestellen lassen. Das lokale
       Unternehmen Gojek und sein singapurischer Konkurrent Grab.
       
       Muhammad fährt seit zwei Jahren für Grab. Aus Sorge vor Repressionen durch
       den Arbeitgeber steht sein Nachname nicht in diesem Text.
       
       Die App, die Muhammads Leben bestimmt, leuchtet grün auf seinem Handy in
       der Halterung am Lenker. Wenn Muhammad sie morgens öffnet, bekommt er
       sofort einen Auftrag zugeteilt. Arbeit auf Abruf, unmittelbar und ohne
       Ende. Zwölf Stunden am Tag sitzt Muhammad auf seinem Roller und fährt
       Kund*innen durch die Stadt. Am Tag verdient er um die 200.000 Rupiah. Das
       sind 10 Euro.
       
       ## Die Versprechen waren groß
       
       Im chaotischen Straßenverkehr kontrolliert Muhammad seinen Roller wie ein
       Zenmeister. Seelenruhig hält er die Balance, stoppt ab, weicht aus. Unter
       seinem Helm trägt er ein schwarzes Tuch vor seinem Mund, über dem schmalen
       Oberkörper eine grüne Jacke. Die Sonne hat sie ausgebleicht. Wer sich als
       Fahrer bei Grab anmeldet, bekommt eine Jacke zugeschickt. Die Qualität ist
       mies, oft blättert hinten der Schriftzug ab. Auch Konkurrent Gojek kleidet
       seine Fahrer in grüne Jacken, in Jakarta sind sie elementarer Teil des
       Stadtbilds.
       
       Im Mai 2015 brachte Grab seinen Rollerservice auf den indonesischen Markt.
       Acht Wochen nach dem Start hatte die App bereits 2.000 registrierte Fahrer.
       Die Versprechen waren groß: niedrigschwellige Arbeit in einem Land mit
       hoher Jugendarbeitslosigkeit, dazu eine sichere Preisgestaltung für Fahrer
       und Kund*innen. Früher musste man in Jakarta mit jedem Rollerfahrer um den
       Preis verhandeln. Heute gibt der Algorithmus feste Fahrtpreise vor.
       
       Seitdem hat die Zahl der Ojek-Fahrer explosionsartig zugenommen.
       Grab-Motorroller gibt es auch in anderen Ländern wie Vietnam, Thailand oder
       Malaysia. In Südostasien hat Grab sogar Uber verdrängt.
       
       Heute kann man sagen, dass die großen Anfangsversprechen gebrochen wurden,
       auf dem Rücken der Fahrer. Grab lockte mit einer „Money Burning“-Strategie
       die Fahrer an, ein für Start-ups typisches Vorgehen: erst günstige Anreize
       schaffen, sich so eine marktbeherrschende Stellung sichern und andere von
       sich abhängig machen – und dann den Preis anziehen. Am Anfang lag das
       durchschnittliche Bruttoeinkommen der Fahrer noch bei 450.000 Rupiah pro
       Tag, umgerechnet etwa 23 Euro. Nach zwei Jahren sanken die Fahrereinkünfte
       deutlich. Der Tiefpunkt lag während der Coronapandemie bei 4,35 Euro für
       einen Tag Ojek fahren. Seitdem haben sich die durchschnittlichen Löhne
       nicht wesentlich erholt. Mindestlohn? Fehlanzeige. Denn die Fahrer gelten
       als unabhängige Auftragnehmer. Auch Muhammad.
       
       ## Autofahrer schreien ihn an, Kunden behandeln ihn wie Luft
       
       Der 23-Jährige lebt in Bekasi, einer Stadt in der Metropolregion Jakarta.
       Frühmorgens, meist gegen 4 Uhr, fährt er mit dem Roller eine Stunde ins
       Zentrum der Hauptstadt. „Da wohnen die Leute mit Geld, da gibt es mehr
       Arbeit“, sagt er und grinst. Muhammad ist Muslim, wie die meisten Menschen
       auf der indonesischen Hauptinsel Java. Er ist seit zwei Jahren verheiratet
       und wohnt mit seiner Frau und seinen Schwiegereltern zusammen.
       
       „Ich fahre gern Ojek!“, ruft Muhammad während der Fahrt von vorne. „Mein
       Roller ist mein Ticket zu Menschen, die ich sonst nie treffen würde.“ Für
       Reisen fehlt ihm das Geld. Er hat die Insel Java noch nie verlassen. Aber
       auf seinem Roller, mitten im Verkehrschaos, begegnet er täglich Fahrgästen
       aus aller Welt. Trotzdem, sagt Muhammad, sei das Leben hart. Ojek-Fahrer
       haben in der indonesischen Gesellschaft oft einen schweren Stand. „Einige
       Verwandte meiner Frau schauen auf das, was ich tue, herab“, sagt Muhammad.
       Er erzählt, dass viele Kunden ihn schlecht behandeln. Außerdem würden
       Autofahrer oft schimpfen, wenn er sich seinen Weg durch den Verkehr bahnt.
       
       Auch heute kommt das vor. Mehrfach wird Muhammad angeschrien, wenn er sich
       zentimetergenau an einem Außenspiegel vorbeidrückt. Als Mitfahrender muss
       man die Knie gegen den aufgeheizten Roller pressen, sonst würden die
       vorbeischießenden Autos einem die Beine brechen.
       
       „Autos nehmen keine Rücksicht auf uns“, ruft Muhammad. Erst vor ein paar
       Wochen hatte er einen Unfall. Ein Auto vor ihm bremste plötzlich. Muhammad
       konnte nicht mehr ausweichen, riss das Lenkrad nach rechts und knallte in
       einen Stapel Reifen am Straßenrand. Niemand sei verletzt worden. „Danach
       sind ein paar Leute vom Straßenrand auf mich zu gerannt. Sie kümmerten sich
       und gaben mir heißen Tee.“ Oft seien es ärmere Leute wie Straßenhändler,
       Garküchenverkäufer oder andere Fahrer, die sich gegenseitig helfen, sagt
       Muhammad. „Die Reichen, die wir zur Arbeit fahren, behandeln uns wie Luft.“
       
       ## Drei bis fünf Euro am Tag
       
       Raden Igun Wicaksono ist Vorsitzender des Verbands der
       Online-Motorradtaxifahrer Garda Indonesia. Er setzt sich für bessere
       Arbeitsbedingungen für Ojek-Fahrer wie Muhammad ein. Während des
       Videointerviews sitzt Wicaksono irgendwo im Zentrum Jakartas auf einer Bank
       am Straßenrand. Der Verkehr ist laut, im Hintergrund rauschen immer wieder
       grüne Jacken vorbei.
       
       „Heute verdienen die Fahrer in Jakarta laut unseren Umfragen zwischen
       200.000 und 300.000 Rupiah“, sagt Wicaksono. Das sind zwischen 10 und 14
       Euro. Aber die Fahrer dürfen das Geld nicht komplett behalten. Anbieter wie
       Grab haben hohe Gebühren und lassen es sich einiges kosten, dass sie die
       Fahrer mit ihren Kund:innen verbinden. Netto bleiben den Fahrern gerade
       einmal 3 bis 5 Euro pro Tag. „Viele leben in Armut“, sagt Wicaksono.
       „Ojek-Fahrer sind die Wirbelsäule des täglichen Lebens in Jakarta. Sie
       verdienen es, dass wir ihr Leben besser machen.“
       
       Für Wicaksono sind die Rollertaxifahrer in Jakarta eine wichtige soziale
       Gruppe. Warum man sie ernst nehmen sollte, zeigte sich im August 2025. Zu
       dieser Zeit versetzten 2.600 Euro ganz Indonesien in Aufruhr, eine Summe,
       für die Muhammad ein ganzes Jahr fahren müsste. So viel sollten
       indonesische Abgeordnete als Wohnungszulage bekommen. Pro Monat.
       
       Die Nachricht [1][entzündete Protest im Land]. In den vergangenen Jahren
       war die Unzufriedenheit im Land gewachsen, weil die Regierung die Ausgaben
       für Bildung kürzen und die Privilegien der Abgeordneten erhöhen wollte.
       Nachdem die Wohnungszulage bekannt wurde, gingen die Menschen massenhaft
       auf die Straße. Die Demonstrationen liefen unter dem Motto #indonesiagelap:
       dunkles Indonesien.
       
       ## Der Tod von Affan Kurniawan
       
       Am 28. August 2025 gab es eine große Demonstration vor dem
       Parlamentskomplex im Zentrum von Jakarta. Affan Kurniawan, ein 21-jähriger
       Ojek-Fahrer, lieferte dort Essen für eine Gruppe Protestierender, er kam
       wegen der Menschenmassen mit seinem Roller nicht mehr weiter. Kurniawan
       parkte, lieferte das Essen aus und wollte zu seinem Roller zurück.
       
       Auf Social Media sind Videos von diesem Tag zu sehen. Tausende
       Demonstrant*innen drängen sich. Die Luft ist voller Rauch. Die
       Militärpolizei rückt an und schießt mit Gummigeschossen in die Menge. Chaos
       bricht aus. Ein gepanzertes Fahrzeug drängt die Menschenmasse zurück. Ein
       Mann in einer grünen Jacke stürzt. Er schafft es nicht, rechtzeitig
       aufzustehen.
       
       Affan Kurniawan wurde von dem sieben Tonnen schweren Fahrzeug überrollt.
       Noch am selben Abend starb er im Krankenhaus. Am folgenden Tag wurde er auf
       dem Karet-Bivak-Friedhof in Jakarta beerdigt.
       
       Zehntausende Ojek-Fahrer schalteten an diesem Tag die Apps aus und
       [2][legten damit ihre Arbeit nieder]. Kaum jemand in Zentraljakarta bekam
       ein Rollertaxi. Auf Social Media sah man ein Meer aus grünen Jacken vor dem
       Friedhof. An der Beerdigung nahmen auch der ehemalige Gouverneur von
       Jakarta und der Polizeichef teil. Besonders dessen Anwesenheit machte die
       Fahrer wütend. Sie riefen „Mörder“ und „Feind“, warfen Wasserflaschen und
       versuchten, die Sicherheitsabsperrungen zu durchbrechen. Indonesiens
       [3][Präsident Prabowo Subianto] hielt noch am selben Abend eine Rede an die
       Nation, um die Lage zu beruhigen.
       
       „Der Tod von Affan hat uns alle geschockt“, sagt Muhammad heute. „Es hätte
       jeden von uns treffen können.“ Nach Kurniawans Tod ging Muhammad auf die
       erste Demonstration seines Lebens. Und mit ihm Tausende Ojek-Fahrer. Bald
       war überall von der „grünen Macht“ zu lesen. Über das gesamte indonesische
       Archipel verteilt protestierten Menschen gegen die Regierung. Die meisten
       von ihnen waren Studierende und Ojek-Fahrer. In Jakarta belagerten sie
       Regierungsgebäude und Privathäuser von Politiker*innen. Noch heute sieht
       man vor den Häusern im Stadtteil Menteng, in dem viele
       Regierungsmitarbeitende wohnen, die Absperrungen der Polizei.
       
       Seine grüne Jacke legt Muhammad nie ab. Auch nicht jetzt, am Abend, wo nach
       Sonnenuntergang immer noch über 30 Grad herrschen. Muhammad schaut auf die
       Tankanzeige seines Rollers. Bald braucht er Sprit.
       
       Überall am Straßenrand von Jakarta wird Benzin für Ojeks verkauft,
       abgefüllt in Plastikflaschen. Ein Liter pro Flasche. Vor dem Irankrieg hat
       Muhammad für eine Flasche umgerechnet 60 Cent bezahlt. Heute sind es 1,20
       Euro. Bei einem Tagesverdienst von knapp 5 Euro ist das eine Katastrophe.
       „Als ich hörte, dass die USA Iran angreifen, wusste ich, dass uns das hart
       treffen wird“, sagt Muhammad. Kurz nach Kriegsbeginn hielt die indonesische
       Regierung den Spritpreis stabil, aber seit ein paar Wochen ist alles teurer
       geworden. „Ich war gestern im Supermarkt und die Preise haben mich
       fertiggemacht.“
       
       ## Die Hoffnung wurde schnell zerschlagen
       
       Nach den Protesten und der öffentlichen Wahrnehmung der grünen Macht hatte
       Muhammad große Hoffnung, dass sich die Lage für die Ojek-Fahrer in
       Indonesien verändert. Aber diese Hoffnung wurde schnell zerschlagen. Die
       Polizei und das Militär reagierten mit aller Härte auf die
       Demonstrant*innen. Dabei soll es zu massiver Polizeigewalt gekommen sein.
       
       „An einem Samstag im September gingen bei einer Demonstration gegen
       Mitternacht plötzlich alle Straßenlaternen aus“, erzählt Muhammad. „Kurz
       darauf hörten wir Schüsse. Wir bekamen Angst und sind alle nach Hause.“
       Seitdem traut sich Muhammad nur noch selten auf Demonstrationen. Unter den
       Fahrern ging das Gerücht um, dass Jakartas Polizeichef den Befehl gegeben
       haben soll, auf jeden zu schießen, der sich einem Regierungsgebäude nähert.
       Mindestens zehn Menschen sind bei den Massenprotesten gestorben.
       
       Für Raden Igun Wicaksono, der die Interessen der Fahrer vertritt, waren die
       #indonesiagelap-Proteste ein Einschnitt. „Seitdem weiß ganz Indonesien, wer
       die grüne Macht ist“, sagt er. Verbessert habe sich allerdings wenig. Neben
       der Polizeigewalt sind für Wicaksono vor allem die Plattformen wie Grab und
       Gojek für die schwierige Lage der Fahrer verantwortlich. So genau weiß
       nämlich niemand, wie viel sich die Plattformen vom Fahrpreis selbst
       auszahlen. Schätzungen reichen von 20 bis 30 Prozent. Wicaksono und seine
       Organisation fordern, dass es höchstens 10 Prozent sein dürfen.
       
       Vor allem machen dem Interessensvertreter gerade aber die hohen Spritpreise
       zu schaffen. „Wir müssen es schaffen, dass diese Kosten nicht bei den
       Fahrern hängenbleiben“, sagt Wicaksono. Seit Jahren versucht er, die
       Regierung dazu zu bewegen, elektronische Roller zu subventionieren. So wäre
       man unabhängiger vom Öl. Akku-Tauschstationen für Motorroller gibt es in
       Jakarta genug. „Aber du kannst nicht von den Fahrern verlangen, dass sie
       sich in dieser Lage einen neuen Roller kaufen“, sagt Wicaksono. „Da muss
       die Regierung aushelfen.“
       
       Muhammad hat momentan kein Geld für einen Elektroroller. Er spart jeden
       Rupiah, den er übrig hat. Bald will er das Haus renovieren, in dem er mit
       seiner Frau und seinen Schwiegereltern wohnt. Sein kleiner Neffe wird
       größer. Außerdem wünschen sich seine Frau und er ein Kind. Bald werden sie
       mehr Platz brauchen.
       
       „Es ist schrecklich, dass einer von uns sterben musste, damit uns die
       Menschen mehr wahrnehmen“, sagt Muhammad. Er setzt seinen grünen Helm auf.
       Die App auf seinem Handy blinkt. Der nächste Kunde wartet schon. Muhammad
       winkt und fährt davon, in die warme Nacht.
       
       25 Jul 2026
       
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