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       # taz.de -- Uli Hannemann übrigens: Ein Leben ohne Grapefruit-löffel ist doch kein Leben
       
       Neben anderen nützlichen Dingen spülte der Tod meiner Schwiegereltern auch
       zwei alte Grapefruitlöffel in unseren Haushalt. Ich selber hätte gar nicht
       gewusst, was das sein sollte: zwei recht stattliche, angelaufene und
       dadurch würdevoll mit Patina versehene Silberteelöffel, die um die Spitze
       herum mit, ich sachma, so kleinen Zähnchen versehen waren.
       
       Meine mit den hedonistischen Kapriolen des Großbürgertums offenbar
       vertrautere Gemahlin erklärte mir die Chose: Man schnitt zum Frühstück eine
       Grapefruit in zwei Hälften. Anschließend löste man die von der Natur
       bereits gutwillig vorperforierten, tortenstückartigen Kompartimente
       mithilfe des scharfzackigen Grapefruitlöffels aus der Schale und teilte sie
       in mundgerechte Stücke.
       
       Ich staunte. In meiner Kindheit gab es als einziges Obst immer nur Äpfel,
       den Volkssturm unter dem Obst. Äpfel, Brot, Kartoffeln. Das ging immer, das
       strahlte Autarkie aus, da machte es auch nichts, wenn der Suezkanal oder
       die Straße von Hormus mal wieder dicht war. Die brauchte man gar nicht. Der
       Apfel hing am Baum vorm Fenster, die Kartoffel schlummerte in heimischer
       Krume, und das Brot buk der Bäcker. An Grapefruit war kein Denken,
       geschweige denn an Grapefruitlöffel.
       
       Nicht so in anderen Milieus, dort existierten sie längst. Und so stellte
       die erstmalige Verfügbarkeit des Tools sowie die Aneignung seiner
       Handhabung meine ganz persönliche Initiation in Gesellschaftskreise dar,
       von deren schierer Existenz ich früher nicht einmal zu träumen gewagt
       hätte. Und es ist ja noch viel krasser. Denn als Erwachsener lernte ich
       endlich auch anderes Obst kennen. Ananas zum Beispiel. Anfangs musste ich
       herzlich schmunzeln wegen des drolligen Namens, doch inzwischen geht er mir
       leicht von der Zunge. Oder eben Grapefruit. Aber ich wusste nicht, wie man
       die isst. Daher übte ich mich damit meist nur im Weitwurf.
       
       Heute kann ich nur den Kopf über mein damaliges Ich schütteln. Ein Leben
       ohne Grapefruitlöffel ist für mich gar nicht mehr vorstellbar. Ein Mensch
       ohne Grapefruitlöffel dünkt mich wie ein Steinzeitmensch, der unter lautem
       „Ugga, ugga!“ mit der Keule auf die fremde Frucht patscht, und sich
       hinterher blöde glotzend über die erschwerte Verzehrsituation wundert. Das
       kann mir zum Glück nicht mehr passieren.
       
       25 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Uli Hannemann
       
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