# taz.de -- Schwuler Vater über seinen Kinderwunsch: „Ich wollte keine fremde Frau ausbeuten“
> Max Becker lebt mit einem Mann zusammen und wollte ein Kind. Was ihm
> durch den Kopf ging, bevor er eine Leihmutter in Anspruch nahm. Und was
> zu tun war.
IMG Bild: „Aber man sucht sich eigentlich keine Leihmutter aus, die Leihmutter sucht sich ihre Klienten aus“
Während Max Becker, 43, Rechtsanwalt in Berlin, mit der taz spricht, liegt
im Bett hinter ihm ein Baby. Es ist das zweite Kind Beckers mit seinem
Mann, der 40 ist. Vor vier Wochen wurde der Kleine von einer Leihmutter in
den USA geboren. Die meiste Zeit strampelt er entspannt vor sich hin.
Sobald er quengelt, reicht Becker ihm seinen Zeigefinger, und der Sohn ist
zufrieden. Um seine Kinder zu schützen, trägt Max Becker hier nicht seinen
echten Namen.
taz: Herr Becker, warum haben Sie und Ihr Mann nicht adoptiert?
Becker: Wir hatten lange einen Kinderwunsch, wir sind Familienmenschen.
Schwule Bekannte von uns hatten adoptiert, und wir haben mitbekommen, wie
aufwendig dieser Weg ist, wie lange er dauert und wie unsicher das ist. Es
ist zwar günstiger, aber eben [1][kein Selbstläufer].
taz: Also hätten Sie sich vorstellen können, ein Kind zu haben, das
genetisch nicht Ihres ist?
Becker: Ja, grundsätzlich schon. Auch bei Eizellspende und Leihmutterschaft
ist das Kind ja nicht unbedingt genetisch mit mir verwandt. Wir waren 2020
auf einer Kinderwunschmesse und haben mit Kliniken in den USA gesprochen.
Das hat mich zunächst eher abgeschreckt.
taz: Warum das?
Becker: Man suchte sich dort zuerst eine Eizellspenderin aus. Die
Kriterien, nach denen man das machen konnte, äußere Merkmale etwa, das war
mir zu krass und zu sehr kommerzialisiert. Auch dass eine Spenderin mit
Hochschulabschluss mehr kostet, war eher befremdlich. Außerdem wollte ich
auch keine fremde Frau ausbeuten. Das war für mich moralisch fragwürdig.
taz: Was waren damals Ihre Bedenken?
Becker: Ich wusste damals nicht, was die Gründe sind, weshalb Frauen das
machen. Um zu überleben? Ich hatte da ein bestimmtes Bild vor Augen: von
prekär lebenden Frauen, die aus wirtschaftlicher Not heraus Leihmutter
werden.
taz: Das Geschäft mit Leihmutterschaften in Ländern wie Indien und der
Ukraine stand ja auch in der Vergangenheit stark in der Kritik …
Becker: Ja, dort hätten wir auch keine Leihmutter in Anspruch genommen,
gerade wegen der schwierigen Lage für die Frauen dort, aber auch wegen der
Unsicherheit für gleichgeschlechtliche Paare. Deshalb haben wir uns für die
Eizellspende und Leihmutterschaft in den USA, in Kalifornien, entschieden.
taz: Ihre Bedenken waren dann einfach verschwunden?
Becker: Wir haben uns lange und intensiv informiert. Eine Bekannte sagte
mir mal, meine Bedenken bezüglich der Selektion seien doch Quatsch. Weil
man sich auch seinen Partner bewusst oder unbewusst anhand von persönlichen
Kriterien aussucht. Soziale Schicht, Aussehen. Das hat mir geholfen.
taz: Und die Sache mit der Ausbeutung?
Becker: Wir haben verstanden, dass es in den USA, insbesondere in
Kalifornien, ein ganz strenges System gibt. Nur Frauen, die mitten im Leben
stehen, die einen Job haben, keine Sozialleistungen beziehen, eigene Kinder
und Familie haben, dürfen dort Leihmütter werden. Es sind psychologische
Gutachten vorgeschrieben. Da ist niemand rein aus wirtschaftlicher Not
gezwungen, und es scheint sehr selbstbestimmt zu sein.
taz: Der erste Schritt ist ja, einen Embryo zu produzieren, den man später
in die Leihmutter einsetzt. Wie lief die Suche nach einer Eizellspenderin
bei Ihnen?
Becker: Man bekommt Zugang zu einer Datenbank mit etlichen Profilen. Das
hat mich an Onlinedating erinnert. Bei uns waren das bestimmt hundert
Frauen mit Fotos, Profilen und Vorstellungstexten. Man geht diese Profile
durch, und wir waren komplett überfordert. Man kann selektieren nach
Schulabschluss, Aussehen, Ethnie, Alter und anderen Merkmalen.
taz: Standen Preise dabei?
Becker: Nein, es gab aber eben diese Kennzeichnungen wie „Die ist Premium“
wegen eines Hochschulabschlusses.
taz: Wie haben Sie sich letztlich entschieden?
Becker: Ganz intuitiv. Bei einer Eizellspenderin hat es Klick gemacht, auf
ihrem Kinderfoto sah sie ein wenig aus wie ich. Und wir dachten, wenn mein
Mann dann sein Erbgut gibt, sieht das Kind ein wenig aus wie wir beide. Man
kauft immer acht Eizellen. Wir haben dann drei Stränge à acht Eizellen
gekauft, ein Strang wurde mit meinem Erbgut befruchtet, zwei mit dem meines
Manns. Uns war ja klar, dass wir mindestens zwei Kinder wollten. Und beide
haben dann dieselbe biologische Mutter. Letztlich sind daraus sechs
Embryonen entstanden, die eingefroren wurden.
taz: Und dann suchten Sie eine Leihmutter?
Becker: Genau. Aber man sucht sich eigentlich keine Leihmutter aus, die
Leihmutter sucht sich ihre Klienten aus. Das dauerte bei uns ein halbes
Jahr. Man stellt sich vor, schreibt einen Brief, begründet, warum man
Kinder haben möchte, und erklärt darin auch, was für eine Beziehung man zur
Leihmutter sucht.
taz: Welche wollten Sie?
Becker: Wir wollten ein offenes Verhältnis – und wenn meine Kinder es
später wollen, sollen sie auch Kontakt zu ihrer Leihmutter haben können.
Wir lernten uns dann im Videochat kennen und waren auf einer Wellenlänge.
Dann ging das Rechtliche los.
taz: Was genau beinhaltet das Rechtliche?
Becker: Verträge über Leihmutterschaft, über das Einsetzen der Eizelle. In
Kalifornien gibt es zudem eine unabhängige rechtliche Beratung für die
Leihmutter und für die Eltern, die ist Pflicht, sodass keine Seite
übervorteilt wird. Im Vertrag sind Dinge geregelt wie: Sie darf keinen
Alkohol trinken, sie kann keine Ansprüche geltend machen und so weiter.
Aber am Ende ist das alles Vertrauen. Davor gibt es noch eine
psychologische Evaluation. Nach der Freigabe durch den Psychologen folgt
die Hormontherapie, die die Leihmutter auf die Schwangerschaft vorbereitet,
und wenn alles gut ist, wird der Embryo aus dem Tiefkühler geholt,
aufgetaut und eingesetzt.
taz: Wie sah Ihr Kontakt zur Leihmutter während der Schwangerschaft aus?
Becker: Wir hatten eine Whatsapp-Gruppe und schrieben viel, vor allem über
Privates. Über die Kinder unserer Leihmutter, ihre und unsere Reisen,
einfach unseren Alltag. Aber natürlich auch über die regelmäßigen Check-ups
in der Klinik.
taz: Waren Sie dann bei der Geburt dabei?
Becker: In den USA sind es oft Kaiserschnitte, deshalb kennt man den
Geburtstermin frühzeitig. Wir haben uns einen Monat freigenommen und waren
vor Ort. Ein Elternteil durfte mit in den Kreißsaal. Nach der Geburt wurde
das Kind einmal kurz der Mutter gegeben, dann uns Vätern. Wir haben das
Kind dann sofort auf unsere Körper gelegt, damit es sich an unseren Geruch
gewöhnt. Unsere Leihmutter lag direkt im Nebenzimmer, wir haben uns
regelmäßig besucht. Die Leihmutter beim ersten Kind war so nett und hat
Muttermilch abgepumpt. Das war natürlich super. Später bekommt das Kind
dann die Geburtsurkunde und den Reisepass, und man fliegt zurück nach
Deutschland.
taz: Wie sieht Ihr Kontakt zur ersten Leihmutter heute aus, eineinhalb
Jahre später?
Becker: Wir pflegen regen Kontakt zu beiden Leihmüttern. Es ist uns
wichtig, dass sie das von ihnen ausgetragene Kind kennenlernen konnten und
auch die Gelegenheit hatten, sich zu verabschieden. Heute schicken wir uns
Nachrichten mit Fotos, Geburtstags- und Feiertagsgrüßen. Mit der zweiten
Leihmutter sprechen wir schon über ihren Besuch im kommenden Jahr.
taz: Was wäre passiert, wenn sich während der Schwangerschaft
herausgestellt hätte, dass das Kind zum Beispiel eine Behinderung hat?
Becker: Das wird alles vertraglich geregelt. Selbst für Zwillinge gibt es
Regelungen, es werden alle Szenarien durchgespielt. Wir hatten nach
Rücksprache mit der Leihmutter gesagt, dass wir bei einer sehr schweren
Behinderung abtreiben wollen würden. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit
sehr gering, weil in den USA alles viel intensiver vorher gecheckt wird,
als es in Deutschland rechtlich zulässig ist.
taz: Und bei Zwillingen? Hätten Sie eins der Kinder abgetrieben?
Becker: Natürlich nicht, da hätten wir uns gefreut.
taz: Wer von Ihnen ist eigentlich der leibliche Vater?
Becker: Weil wir mindestens zwei Kinder wollten, ging es nur um die Frage,
wer zuerst zum Zug kommt. Ich bin älter, deshalb haben wir mit meinem
Erbgut angefangen. Mein Mann hat seines dann für unseren Sohn gegeben.
taz: Und wie teuer war der ganze Prozess letztendlich?
Becker: Wir haben ein Paket gebucht, fürs erste Kind 180.000 Dollar, beim
zweiten 200.000 Dollar, dazu kamen jeweils noch 20.000 Dollar etwa für
Flüge, Wohnkosten und so weiter. Wobei der Prozess in den USA und in
Kalifornien mit am teuersten ist. In anderen Ländern ist das teilweise viel
günstiger.
taz: Kritiker sagen, da kaufen sich reiche Menschen ein Kind …
Becker: Alle, die ich kenne, und auch wir, sind eher Mittelschicht.
Bekannte haben dafür ein Darlehen aufgenommen. Viele sparen darauf. Andere
kaufen sich in unserem Alter vielleicht eine Wohnung, wir wohnen zur Miete
und haben das Geld eben in unsere Kinder investiert. Das machen nicht nur
reiche Leute, die sich einfach mal so ein Kind kaufen, sondern auch ganz
normale Menschen, die sich sehr sehnlich Kinder wünschen. Aber dennoch sind
wir natürlich privilegiert, dass wir uns das in den USA leisten konnten.
taz: Haben Sie Mitleid mit Jens Spahn?
Becker: Nein. Ich finde es toll, [2][dass er jetzt ein Kind hat], aber er
hätte vorher nicht eine Politik unterstützen sollen, die sich klar gegen
den Weg ausspricht, den er nun mit seinem Mann gegangen ist, um seinen
Kinderwunsch zu erfüllen. Das finde ich einfach unaufrichtig, auch seinem
Mann und dem Kind gegenüber.
taz: Sollte Leihmutterschaft aus Ihrer Sicht auch in Deutschland legal
sein?
Becker: Ja. Das Argument der Vermeidung der „[3][gespaltenen Mutterschaft]“
ist für mich nicht valide. Bei der Samenspende spricht ja schließlich auch
niemand von einer gespaltenen Vaterschaft. Auch bei der Adoption gibt es ja
zwei Mütter. Das weitere Argument, dass Kinder aus solchen Verhältnissen in
ihrer Identität verwirrt sein könnten, finde ich absurd. Denn es handelt
sich ja um absolute Wunschkinder, die das in der Regel auch von ihren
Eltern zu spüren bekommen werden. Am Ende geht es auch um das
Selbstbestimmungsrecht der Frau. Wenn alles in gesetzlichem Rahmen
stattfindet und man Ausbeutung verhindert, warum verbietet man das den
Frauen? Heute ist man gezwungen, ins Ausland zu gehen mit allen
Unwägbarkeiten. Da hat der deutsche Staat gar keine Kontrolle, aber erkennt
das dann dennoch an. Das ist paradox.
25 Jul 2026
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