# taz.de -- Debatte um Leihmutterschaft: Bestellt, bezahlt, geboren?
> Der Fall Jens Spahn hat die Debatte über Schwangerschaften auf Bestellung
> neu entfacht. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.
IMG Bild: Das Wandgemälde des Künstlers Palombo zeigt die gegensätzlichen Positionen zur Leihmutterschaft: Giorgia Meloni und Elly Schlein
Was ist Leihmutterschaft? Und wie funktioniert das?
Bei einer sogenannten Leihmutterschaft oder Leihschwangerschaft trägt eine
Person mit Gebärmutter ein Kind für Menschen aus, die ungewollt kinderlos
sind. Schwule Paare etwa wie im Fall des ehemaligen
CDU-Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn und seines Ehemanns. Oder Menschen,
die aus medizinischen Gründen kein leibliches Kind bekommen können. Wie
eine Leihschwangerschaft abläuft, kann sich abhängig von Land, Gesetzeslage
und Kontext stark unterscheiden. Bei schwulen Paaren stellen Leiheltern
teils auch die Eizelle zur Verfügung, in anderen Fällen wird die Eizelle
einer dritten Person verwendet oder die [1][Eizelle der Bestell]person. Die
Elternschaft kann sich also mehrfach spalten – zwischen den austragenden,
genetischen, sozialen und rechtlichen Elternteilen.
Wird die austragende Person bezahlt?
Ja, aber wie genau, ist vom jeweiligen Modell abhängig. Bei einer
sogenannten kommerziellen Leihschwangerschaft wird das Austragen zur
bezahlten Dienstleistung – ebenso Vermittlung, medizinische Behandlung,
Geburt, Versicherung und Notarielles. Abhängig vom Land bewegen sich die
Kosten für ein Kind dabei in einem hohen fünf- bis mittleren sechsstelligen
Bereich. Leiheltern erhalten davon eine Teilsumme, im US-Bundesstaat
Kalifornien sind das beispielsweise rund 60.000 US-Dollar. Bei der als
altruistisch bezeichneten Leihschwangerschaft wiederum soll die selbstlose
Hilfeleistung im Vordergrund stehen. Die gebärende Person erhält eine
Aufwandsentschädigung, um Erwerbseinbußen oder Folgekosten gesundheitlicher
Beschwerden zu decken. In der Praxis sind kommerzielle und altruistische
Modelle nicht scharf getrennt, da die Entschädigung in einem Land ähnlich
hoch wie die Bezahlung in anderen Ländern sein kann.
Wie ist die Rechtslage in Deutschland?
Jede Form von Leihschwangerschaft ist in Deutschland verboten, ebenso die
Eizellspende. Beides ist seit 1990 im Embryonenschutzgesetz geregelt und
richtet sich insbesondere an Ärzt:innen und Vermittlungsorganisationen.
Zuletzt unternahm die FDP den Versuch, die Leihschwangerschaft zu
liberalisieren. Eine von der Ampelregierung eingesetzte
Expert:innenkommission zu reproduktiver Selbstbestimmung und
Leihelternschaft [2][kam 2024 zu dem Schluss], dass selbst altruistische
Modelle der Leihelternschaft Potenzial für Missbrauch bergen würden. Im
Fall einer Legalisierung müssten deshalb [3][enge Bedingungen gelten].
Wie ist die Lebensrealität in Deutschland?
Wegen des Verbots suchen Paare mit Kinderwunsch nach Optionen im Ausland.
Wie viele Kinder pro Jahr auf diesem Weg nach Deutschland kommen, ist nicht
erfasst. Seit 2014 steht fest: Die Bestelleltern so geborener Kinder werden
in Deutschland anerkannt, das entschied der Bundesgerichtshof [4][in einem
Grundsatzurteil]. Die Lücke zwischen gesetzlichem Verbot und praktischer
Anerkennung kritisiert der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, der Jurist
Helmut Frister, dabei als Doppelmoral: „[5][Es ist ein bisschen so, dass
die gesamte Gesellschaft das Problem ins Ausland verlagert].“
Macht eine Leihschwangerschaft einen Frauenkörper zum „Mietbauch“?
Das Gebären als Dienstleistung, Frauen als Gebärmaschinen – so befürchten
es Gegner:innen der Leihschwangerschaft. „Das widerspricht der
Menschenwürde und öffnet den Weg für Missbrauch und Ausbeutung“, sagte die
CDU-Abgeordnete Elisabeth Winkelmeier-Becker. Auch die
UN-Sonderberichterstatterin zu Gewalt gegen Frauen hat Leihschwangerschaft
2025 als Menschenrechtsverletzung bezeichnet. Die Verfassungsrechtlerin
[6][Frauke Brosius-Gersdorf] fordert hingegen eine Liberalisierung in
Deutschland und kritisiert die Position der Union. Diese wolle einen
paternalistischen Staat, der am besten wisse, was für Frauen und auch für
potenzielle Leiheltern gut sei, sagte sie: „Unser Grundgesetz ist aber eine
freiheitliche Verfassung, die auf dem Menschenbild des selbstbestimmt und
autonom handelnden Individuums beruht. Und das gilt selbstverständlich auch
für Frauen.“
Wie ist die Lage anderswo?
In den letzten 30 Jahren hat sich ein dynamischer internationaler Markt für
Leihschwangerschaften herausgebildet, in dem insbesondere einige
US-Bundesstaaten „Goldstandards“ für kommerzielle Leihmutterschaften
gesetzt haben. Auch in Georgien und der Ukraine sind kommerzielle
Leihschwangerschaften legal, jedoch ausschließlich für heterosexuelle Paare
und mit weniger hohen Schutzstandards. In vielen weiteren Ländern bewegt
sich die Leihschwangerschaft in rechtlich kaum geregelten Grauzonen. Zur
altruistischen Leihschwangerschaft gibt es in Großbritannien, den
Niederlanden, Neuseeland, Griechenland und weiteren Ländern Regelungen.
Italien hat die Leihmutterschaft im In- und aus dem Ausland verboten.
Wie ist die Situation in Ländern, in denen Leihschwangerschaft legalisiert
ist?
Studien haben zwischen Bestelleltern sowie Leiheltern und
Eizellspender:innen große ökonomische Unterschiede belegt. Diese
werden verstärkt durch ein – von rassistischen und kolonialen Kontinuitäten
geprägtes – globales Wohlstands- und Machtgefälle. Bis zu
Gesetzesverschärfungen im Jahr 2016 galt Indien als Paradebeispiel der
reproduktiven Ausbeutung: Indische Frauen in prekären finanziellen Lagen
standen dort oft mächtigen Vermittlerorganisationen und reichen
ausländischen Paaren gegenüber. Vermittler schränkten ihre
Bewegungsfreiheit ein, verweigerten den Frauen adäquate rechtliche Beratung
und [7][enthielten ihnen relevante Informationen vor]. Anders in den USA:
Dort gelten strenge Auflagen. So müssen Leiheltern bereits ein Kind geboren
haben und es erziehen, psychologische Begutachtungen durchlaufen, in einer
stabilen sozialen und finanziellen Situation sein. Laut Studienlage spielen
ökonomische Überlegungen für die Leiheltern dort eine Rolle, [8][aber keine
existenzielle]. Zwischen diesen Extremen gibt es zahlreiche
unterschiedliche nationale Ausprägungen.
Was ist, wenn Leiheltern ihre Meinung ändern?
Der Umgang mit einer Schwangerschaft wirft viele Fragen auf und kann die
Autonomie der Leiheltern stark einschränken. Ernährung, Versicherung,
Kosten, medizinische Begleitung, selbst sexuelle Kontakte – was während der
Schwangerschaft geht und was nicht, wird vertraglich detailliert
festgehalten. Genauso wird die Kommunikation mit den Bestelleltern, die
Geburtssituation und die Übergabe vereinbart. Auch ethische Fragen zum
selektiven Schwangerschaftsabbruch bei schweren Erkrankungen des Fötus oder
zum Umgang mit Mehrlingsschwangerschaften sind definiert. Als sehr
bestellelternfreundlich gelten dabei Georgien oder Ukraine. In den USA gilt
das Mitspracherecht der Leiheltern während der Schwangerschaft als stark,
nicht jedoch die rechtliche Elternschaft. Diese geht häufig schon vor der
Geburt mittels sogenannter vorgeburtlicher Anerkennungen an die
Bestelleltern über. Einen gänzlich anderen Weg geht Großbritannien. Dort
kann die legale Elternschaft erst nach der Geburt durch einen „elterlichen
Beschluss“ verändert werden, bis dahin gelten die altruistischen Leiheltern
als erziehungsberechtigt.
Wie wirkt sich Leihschwangerschaft langfristig auf Leiheltern und Kinder
aus?
Mit dieser Frage beschäftigen sich Entwicklungspsycholog:innen und
Sozialforscher:innen seit Jahren. In einer Überblicksstudie zu
Leiheltern und Bestelleltern aus dem Jahr 2022 zog der Großteil der
Befragten auch nach zehn Jahren ein positives Fazit. Als Herausforderung
wurde allerdings geografische Distanz zwischen Leiheltern und Kindern
[9][über Ländergrenzen hinweg genann]t. Mit Blick auf die von Leiheltern
ausgetragenen Kinder haben Gegner:innen der Leihschwangerschaft oft
argumentiert, ein Wechsel der Bezugsperson nach der Geburt könne die
Kindesentwicklung gefährden. [10][Studien] stellten aber weder
psychologische Auffälligkeiten noch einschlägige Bindungsschwierigkeiten
der Kinder bezüglich ihrer Bestelleltern fest.
Was hat die Debatte mit Schwangerschaftsabbruch zu tun?
In die Diskussion über Leihschwangerschaft mischt sich auch die Forderung
nach [11][einer Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruches].
Vertreter:innen des freien Abbruchs beklagen dabei insbesondere das
Ungleichgewicht zwischen Spahns Inanspruchnahme der Leihschwangerschaft und
seiner restriktiven Position zu Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland.
Schwangerschaftsabbruch, Eizellspende und Leihschwangerschaft gründeten
fundamental auf dem Recht der reproduktiven Selbstbestimmung von Frauen und
Personen mit Uterus.
25 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Leihmutterschaft-Ausbeutung-oder-Altruismus/!6097198
DIR [2] /Schwangerschaftsabbrueche-in-Deutschland/!6000620
DIR [3] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/kommissionsbericht-reproduktive-selbstbestimmung-pm-15-04-24
DIR [4] /Bundesgerichtshof-zu-Doppelvaterschaft/!5025670
DIR [5] https://www.deutschlandfunk.de/ethikrat-vorsitzender-frister-leihmutterschaft-muesste-gut-reguliert-werden-prien-cdu-wird-haltung-n-100.html
DIR [6] https://www.spiegel.de/politik/deutschland/leihmutterschaft-armin-laschet-attackiert-frauke-brosius-gersdorf-a-bf92ab21-3e3f-4db3-a6a8-128a3ba703e0
DIR [7] https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1472648322004163
DIR [8] https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1472648324004917
DIR [9] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35909052/
DIR [10] https://kar.kent.ac.uk/99670/1/CVSL-PHASE-ONE-Preliminary-Report-2023.pdf
DIR [11] /Empfehlungen-zu--218-Reform/!6001743
## AUTOREN
DIR Amelie Sittenauer
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