# taz.de -- Abfallprobleme in Amsterdam: Straßenparty mit Möwen und Ratten
> Seit die Dosen- und Flaschenpfandpflicht 2021 eingeführt wurde, quillt
> Amsterdam vor Müll über. Pfandsammler reißen die Müllsäcke auf. Die Stadt
> stellt hilflos Container auf.
IMG Bild: Realität schlägt Idylle: Möwen im Müll in einer Straße im Zentrum Amsterdams
Van Gogh- und Rijksmuseum, Grachtenrundfahrt, Apfelkuchen aus einem
gehypten Laden mit ‚tik tok-rij‘ (Warteschlange) – das sind die
Standardfotomotive einer Reise in die niederländische Hauptstadt. Seit
einiger Zeit gibt es ein weiteres: überquellende Mülleimer im öffentlichen
Raum und aufgerissene Abfallsäcke in Wohnvierteln. Tourist:innen machen
große Augen, Einheimische sind entnervt.
„Ich reise viel, aber [1][so einen Dreck habe ich noch nirgendwo gesehen]“,
sagt Meneer V. Nennen wir ihn so, er behält seinen Namen lieber für sich.
An einem Juliabend sitzt er in der Dämmerung mit einem Glas Rotwein vor
seinem Haus.
Auf die Frage nach dem Grund hat er eine klare Antwort: „Pfand.“ Seit 2021
gibt es eine landesweite Regelung für Plastikflaschen, 2023 folgte eine für
Dosen. Längst nicht alle werden zurück in die Supermärkte gebracht. Viele
landen im Hausmüll, der zweimal pro Woche in Säcken abgeholt wird, oder in
öffentlichen Mülleimern im Stadtzentrum.
## Touristen und Pfandsammler
Meneer V. wohnt im Quartier Jordaan, wo den lieben langen Tag
Tourist:innen herumflanieren. Das macht es interessant für Menschen,
deren einzige Verdienstquelle es ist, den Müll nach Pfandmaterial zu
durchsuchen. So bleiben die Säcke, abends zuvor für die Müllabfuhr
bereitgelegt, aufgerissen zurück. Die Tonnen, die über der Öffnung mit
einem kleinen Dach versehen und damit schwer zugänglich sind, wurden
häufig, in manchen Gebieten mehrheitlich, aufgebrochen.
„Furchtbare Leute“ nennt Meneer V. die Pfandsucher:innen, korrigiert sich
aber gleich. „Nein, das stimmt natürlich nicht. Aber manche Mülleimer
werden jede halbe Stunde durchsucht.“ Ein paar Straßen weiter habe sich
letzten Sommer folgende Szene abgespielt: Eine wütende Bewohnerin fuhr
einen Pfandsucher an, der sich an den Säcken zu schaffen machte. „Wir haben
hier eine Rattenplage“, rief sie. Der Mann, der kein Niederländisch
verstand, zuckte mit der Schulter und entgegnete, er müsse etwas essen.
Tatsächlich wimmelt es auf Amsterdams Straßen von Ratten. Ein paar Meter
von Meneer V.s Haus entfernt huschte gerade eine über den Asphalt. Sie kam
von einem der Abfallcontainer, die auf einem kleinen Platz stehen: Altglas,
Papier, Restmüll. Damit will die Kommune nun die „rubbish crisis“, wie The
Guardian es letztes Jahr nannte, bekämpfen. Überall sind sie in den letzten
Monaten aufgetaucht.
## Container sollen es richten
Mittelfristig sollen die Container die Müllabfuhr in den Wohngebieten
ersetzen. Die Resonanz ist gut – so gut, dass viele Bewohner:innen
ihren Abfall dort auch ablegen, wenn die Container schon proppenvoll sind.
Dann türmen sich die Säcke vor den Containern, Pfandsucher:innen öffnen
sie, Möwen und Ratten finden sich zur Straßenparty ein. Zu den 930.000
Einwohner:innen auf kleinem Raum kommen jährlich [2][14 Millionen
Besucher:innen], die im Stadtzentrum ihren Abfall hinterlassen – in und
neben den aufgebrochenen Mülleimern.
In alle engen Straßen des Jordaan-Viertels sind die Container noch nicht
vorgedrungen. Dort stehen an diesem Abend die Abfallsäcke bereit,
ordentlich gegen die bekannten, amsterdammertjes genannten Pfähle mit dem
Logo der Stadt gelehnt. „Keine Dosen“, steht in dicken roten Lettern auf
einem Zettel, der an einen Sack befestigt ist. „Hab ich auch schon
gemacht“, berichtet Bewohner Menno, der gerade mit seinem Hund vorbeikommt.
„Bring aber nichts. Morgens ist es hier noch immer ein Chaos.“
Im Zentrum sind unterdessen zwei Müllautos den Damrak abgefahren, die
Straße, die vom Hauptbahnhof zum Dam-Platz führt. Stadtplaner:innen
wollten sie vor Jahren zum „roten Teppich“ Amsterdams machen. Viel, doch
längst nicht allen Plastikmüll haben sie eingesammelt. In acht, neun
Stunden werden die ersten Besucher:innen ihren daneben werfen.
26 Jul 2026
## LINKS
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## AUTOREN
DIR Tobias Müller
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