# taz.de -- BTS in München: Eine große Streicheleinheit
> Die K-Pop-Band BTS auf Comeback-Tour in München: Beim ersten ihrer zwei
> einzigen Deutschlandkonzerten lieferte die Boygroup eine makellose
> Glanzperfomance.
IMG Bild: BTS-Fans im Glück vor der Allianz Arena
„Ich hab mich gefühlt wie eine Katze, der unendlich viele Menschen Futter
reichen“, sagt eine von zwei Freundinnen, die gerade mit mir die
Allianz-Arena verlassen, in jenem Nachkonzert-Schritttempo, das halb
Erschöpfung ist und halb Weigerung, den Abend durch zügiges Gehen oder
Drängeln zu beenden. Und die andere antwortet: „Ja, man wird richtig
gestreichelt.“
Besser lässt es sich kaum sagen: Ein BTS-Konzert ist eine Streicheleinheit
– zweieinhalb Stunden lang und von 70.000 Menschen simultan empfangen.
Rätselhaft ist schon, dass etwas Derartiges überhaupt funktioniert. Denn da
vorne liefert diese Band eine solch makellose Glanzperformance ab, dass die
sieben Mitglieder eigentlich wahnwitzig unnahbar sein müssten, entrückt qua
Perfektion. Und trotzdem fühlt man sich die ganze Zeit gesehen.
„Die Arena ist so gut gebaut, ich sehe euch. Jeden Einzelnen von euch nehme
ich heute mit nach Hause“, sagt Jungkook (übersetzt von einer freundlichen
Frauenstimme, die ein klein wenig nach einem Anime-Charakter klingt), als
sich die sieben, wie es sich für ein BTS-Konzert gehört, zum Schwatz mit
dem Publikum niedergelassen haben. Ist das nicht hinreißend? Der Star
erklärt sich zum Sammler seiner Fans.
[1][BTS – größtes Popphänomen des Jahrzehnts], ich erspare mir die ohnehin
wohlbekannten Superlative – sind nach ihrem Militärdienst mit dem
Comeback-Album „Arirang“ auf Tournee; die beiden Münchner Abende sind ihre
einzigen Deutschland-Termine. Und die Streicheleinheit ist keinesfalls
einseitig, sondern beruht auf Gegenseitigkeit. Die ARMY hatte sich
monatelang vorbereitet – Fanchants einstudiert, Freebies gebastelt, die
funkgesteuerten Lightsticks geladen, die das Stadion, wenn es dunkel wird,
in eine atmende Lichtinstallation verwandeln.
## Fans auf der Leinwand
Dass die Fans nicht Publikum sind, sondern [2][Teil der Gesamtperformance,]
machte die Show selbst immer wieder zum Thema. In einer längeren Pause
wurden, Kiss-Cam-mäßig, die selbstgebastelten Plakate der Fans auf die
Leinwände geholt; in einem Song wurden Band und ARMY nebeneinander gezeigt.
Es gibt hier keine zwei Parteien, nur ein Ensemble, von dem sieben
Mitglieder zufällig Mikrofone tragen. Wobei die Lightsticks formal
eigentlich auch an Mikrofone erinnern, und man (oder nur ich?) sie manchmal
intuitiv beim Mitsingen oder Jubeln vor dem Mund hält.
Zum Kochen brachte dieses Ensemble neben „Baepsae“ vor allem der
Überraschungssong „Pied Piper“, jene selten gespielte, halb ironische
Selbstanklage, in der BTS sich als Rattenfänger inszenieren, die ihre Fans
etwas zu sehr verlocken. Und ja, Jungkook sang tatsächlich [3][„Gut genug“,
den viralen deutschen Sommerhit,] den er neulich erst in einem Livestream
angestimmt hatte. Ein superperfektionistischster Popstar singt 70.000
Menschen den Satz „Du bist gut genug“ vor. Streichel, streichel.
Das Bühnensetting war auf eigensinnige Weise schlicht und pompös zugleich.
Am kunstvollsten waren die Auf- und Abtritte der Band, meist inmitten der
Tänzer, oft verhüllt und umspielt von wogenden Stoffbahnen. Der wehende
Stoff ist eine typische Komponente im koreanischen Tanz, man denke nur an
den Hansam, den langen Ärmeln des Seungmu – auf einer Tour, die nach dem
koreanischen Volkslied schlechthin benannt ist, kann man das wohl guten
Gewissens als Programm lesen. Nicht zuletzt, da Bühne und Displays immer
wieder mit Referenzen auf die koreanische Kultur aufwartete. Aber es ist
auch einfach ein schönes Bild. Eine Band, die nach Jahren der Trennung
zurückkehrt, lässt sich allabendlich neu von ihrem Ensemble enthüllen. Es
hat auch etwas von einer Verwandlungsszene.
## Inoffizielle Hymne Koreas
Ein weiterer Gänsehautmoment war „Body to Body“, jener Song, in den BTS das
„Arirang“ eingewoben haben. „Arirang“, in unzähligen Varianten überliefert,
immaterielles UNESCO-Kulturerbe, so etwas wie die inoffizielle Hymne
Koreas, die von Generationen gesungen wurde, unter Besatzung, in Teilung
und Diaspora. Diese Hymne wird nun von 70.000 Menschen in Europa
angestimmt, die sie höchstwahrscheinlich nur phonetisch auswendig gelernt
haben, aber mit vollem Ernst und ohne ein Fünkchen Ironie bei der Sache
sind.
In Großaufnahme wurden die Gesichter der sieben gezeigt, sichtlich gerührt,
als wäre dies die Bestätigung, die ihrer Kultur so lange verwehrt blieb.
Für einen Moment war nicht mehr zu sagen, wer hier eigentlich wen
streichelt. Auf jeden Fall saßen in der U6 Richtung Innenstadt später
70.000 sehr satte Katzen.
12 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Annekathrin Kohout
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