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       # taz.de -- Lesung junger Autor:innen in Berlin: Ein Bienennest summt in der Brust
       
       > „Die Zeit heilt alle Hündchen“ lautete der Titel einer Lesung im
       > Literarischen Colloquium Berlin, auf der junge Autor:innen eigene
       > Texte vorstellten.
       
   IMG Bild: Die Lesung „Die Zeit heilt alle Hündchen“ im Literarischen Colloquium Berlin mit jungen Autor:innen vor jungem Publikum
       
       Am Donnerstagabend wirbeln vor dem Literarischen Colloquium in
       Berlin-Wannsee Staubpartikel, getaucht in das Licht der Sommersonne, durch
       die Luft. Tauben gurren und bei geöffneter Tür Richtung Wannsee beginnt die
       von dem [1][Autor und Gastprofessor Matthias Nawrat] geleitete Lesung „Die
       Zeit heilt alle Hündchen“. Zeit, um den Texten junger Autor:innen zu
       lauschen.
       
       Diese dreizehn Autor:innen trafen sich über ein Semester hinweg,
       tauschten sich über Texte, das Leben als schreibende Person, über Politik
       aus. Dabei entstand etwa die Erzählung von Pia Kujat über die etwas
       skurrile Figur Spucke. „Spucke will wissen, wie es ist, eine Zunge zu
       haben. (…) In der Mitte krümmt sich ein Läppchen. Nee, ein Regenwurm. Er
       glitzert in der Höhle und wagt sich nicht raus.“
       
       Vor Torbögen und der roten Leuchtschrift „Authentic“ lauscht man zudem
       mancher sehr lebensnahen Erzählung über komplizierte Beziehungen,
       obdachlose Väter oder psychische Probleme. Zu Letzterem schreibt Emma
       Wittkopp in dem berührenden Text „Die Sonne scheint nur in der
       Psychiatrie“. Sie liest: „Dein Körper gehört nicht in diese Welt
       …Vielleicht glauben sie dir, dass du schön bist. Doch das Leben ist nicht
       schön … und du schreist. Aber die Frage ist wozu? Und das ist vielleicht
       nicht krank genug.“
       
       Stav Szir wiederum entführt das Publikum mit tiefer Stimme in eine Art
       Traumwelt. Durch höher oder tiefer gelegene Dörfer, hin zu einem schmalen
       Haus mit überwuchertem Garten. Dort herrschen strikte Regeln: „Immer musste
       jemand schlafen, … die Zeiten, in denen wir wach waren, nannten wir Tag, …
       die Zeiten des Schlafs nannten wir Nacht … Ich will nur noch aufwachen,
       doch die Vorschrift ist älter.“
       
       ## Der Körper als ein riesiges Haus
       
       Aufwachen möchte man als Zuhörende hingegen nicht, lieber noch den
       gekonnten Formulierungen etwa von Maria Egert lauschen. In „in der Ferne
       ein schlagendes Herz“ berichtet sie von Buchstaben des Straßenschilds, die
       an einer Protagonistin vorbeifliegen, oder von einem Bienennest, das in
       deren Brust summt. Auch Cundrie Harthun schreibt schöne Sätze wie: „Sie hat
       geglaubt, als Mann der Worte würde er die Stummheit von ihr nehmen. Sie
       dachte, er würde ihr einen Namen geben in einer Sprache, die das Wort
       ‚Frau‘ nicht kennt.“Originell ist die Sprachwelt von Louise Kleynheier, die
       ein lyrisches Ich dem Halbmond ihrer Fingernägel hinterhertrauern und, wenn
       sie im Bett die „Augen fest schließe“, sich vorstellen lässt, wie ihr
       Körper „ein riesiges Haus“ ist, das sie sich „gemütlich einrichten darf“.
       
       Auch Alexa Dietrich erzählt von Körpern, genauer Körperteilen und noch
       genauer den Beinen einer Großmutter: „Aber Omi, du hast mir doch heute erst
       erzählt, was deine Beine schon durchmachten … über die Grenzen, über die
       Trümmer … und heute von der Küche auf den Pott fast stündlich und an all
       die Orte, von denen du noch erzählen musst … meine Omi, meine Königin …
       Kannst du nicht stolz auf diese Beine sein?“
       
       Zum Höhepunkt des Abends, der gleichzeitig allmählich ausklingt, schwirren
       höfliche, etwas merkwürdige Fragen durch den Raum: „Dürfen wir Sie bitten,
       einfach mal aufzuhören?“, „Dürfen wir anbieten, jetzt Schluss mit Ihnen zu
       machen?“, „Dürfen wir Sie duzen?“. Nur zu, aber erstmal „Auf zur Bar“.
       
       Gesagt, getan. Die Szene verlagert sich nach draußen unter die alten
       Eichen. Dort schippern Bötchen über den Wannsee, den die Sonne in
       gleißendes Licht taucht. Junge Menschen stoßen an, schießen Selfies,
       rauchen Zigaretten. Sprachfetzen des Alltäglichen, wie ein Gespräch über
       das nächste Praktikum, sind zu vernehmen. Und die zuvor angesprochenen
       schweren Themen? Die sind weit hinfort gerückt, ins Land der Poesie
       verdammt, wo sie bleiben dürfen, bis die Sonne weg ist.
       
       12 Jul 2026
       
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