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       # taz.de -- Festival zu antifaschistischer Literatur: Auf der Suche nach radikaler Sprache
       
       > Was heißt antifaschistische Literatur und was lernen wir aus ihr? Im
       > Berliner Brecht-Haus wurde eine Woche lang über Literatur und Widerstand
       > diskutiert.
       
   IMG Bild: Die Schriftstellerin Irmgard Keun
       
       Wenn im Brecht-Haus die Vorhänge geöffnet sind, muss man sich gut
       konzentrieren. Draußen vor den Fenstern des Veranstaltungssaals zieht die
       Nacht in die Berliner Chausseestraße ein. Es ist windig, Schauer wechseln
       sich mit den letzten Strahlen der Abendsonne ab. Haare wehen, Straßenbahnen
       ruckeln vorbei, ein Herr mit schwarz-rot-goldenem Schirm guckt herein. Nach
       und nach verdunkelt sich das Gesamtbild.
       
       „Sie haben das neue Deutschland nicht begriffen“, liest [1][Ronya Othmann]
       auf dem Podium ein Zitat der „Tant Adelheid“ vor. Es ist der zweite Abend
       des „Lesefestivals antifaschistischer Literatur“, das das Literaturforum im
       Brecht-Haus mit Mitteln des Landes Berlin ausrichtet. Die beiden
       Schriftsteller:innen Ronya Othmann und [2][Domenico Müllensiefen]
       wurden gebeten, ein Lesetagebuch zur Lektüre eines antifaschistischen
       Buches zu schreiben.
       
       „Nach Mitternacht“ lautet der Titel von Irmgard Keun, den Othmann („Die
       Sommer“) dafür ausgewählt hat. Keun schildert darin die Erlebnisse der
       jungen Sanna, die bei ihrer nationalsozialistischen Tante und Fanatikerin
       eines „neuen Deutschlands“ unterkommt. Der 1937 erschienene Roman ist eines
       der Bücher, die das Literaturforum in einer antifaschistischen
       [3][Leseliste] anlässlich des Festivals vorstellt.
       
       Othmann beschreibt in ihrem Lesetagebuch, wie Keuns Figuren und ihr „in
       Naivität gekleideter Scharfsinn“ sie berührt haben. Der Abend gilt einer
       Rückschau auf Geschichten wie die von Irmgard Keun. Die Gegenwart bleibt
       dabei vorerst draußen vor den Fenstern – wie es um den heutigen
       Antifaschismus steht und was die Aufgabe der Literatur darin ist, das wird
       nur am Rande gestreift.
       
       ## Was heißt antifaschistischer Widerstand heute?
       
       Für sie sei das eine bewusste Entscheidung, sagt Othmann. Es sei ihr so
       vorgekommen, als würde sie den Erfahrungen von Irmgard Keun etwas
       überstülpen, wenn sie zum Beispiel ihre Gedanken zur Lage in Syrien im
       Tagebuch festgehalten hätte, auch wenn die sie beim Lesen immer wieder
       beschäftigt hätten.
       
       Es sind Fragen, die sich das antifaschistische Lesefestival insgesamt
       stellen will: Was bringt uns der Blick in die Bücher über den Faschismus?
       Liest man sie als einen Bericht aus der Vergangenheit, den man anschließend
       als mahnendes „Nie wieder!“ hinaus in die Straßen der Stadt trägt? Oder
       geht es darum, das Wissen um den historischen Faschismus mit dem Heute zu
       verbinden und zu erneuern?
       
       Ein Panel zu NS-Satire, ein Friedhofsrundgang – das Lesefestival
       konzentriert sich auch an den anderen Tagen klar auf den historischen
       deutschen Faschismus. Wer dort auf ein Treffen von aktuellen
       Widerstandskünstler:innen gehofft hat, wird zunächst enttäuscht. In
       die Gegenwart geht es erst in der zweiten Wochenhälfte. Tanasgol Sabbagh
       und [4][Fabian Saul] („Die Trauer der Tangente“) versammeln in ihrer
       Performance am Donnerstag Autor:innen verschiedenster Strömungen,
       Sprachen und Themen unter der Frage: Was heißt antifaschistischer
       Widerstand heute?
       
       Der Veranstaltungsraum ist an diesem Tag abgedunkelt, die Vorhänge sind
       geschlossen, die Stadt vor den Fenstern ist nur hin und wieder durch die
       Vibrationen der vorbeirollenden Straßenbahnen zu spüren. Im Wechsel lesen
       die beiden aus den Werken von Antonio Gramsci und Hélène Cixous, aber auch
       Gegenwartsautor:innen wie Maryam Aras oder Olivier David. Dazu
       spielen sie Tonmitschnitte aus Interviews mit James Baldwin oder
       [5][Ingeborg Bachmann] ein, immer wieder auch Aufnahmen aus Sauls und
       Sabbaghs 2025 beim Deutschlandfunk veröffentlichtem Hörspiel zu Peter
       Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“.
       
       ## Die Aufgabe von Literatur im Widerstand
       
       Den Gegenwartsbezug erhält die Performance zum einen durch Verweise auf die
       Lage in Gaza und die Aufrüstungspolitik in Deutschland. Dabei lotsen die
       Autor:innen das Publikum für einen Moment gedanklich hinaus auf die
       Straßen: Auf einer Leinwand im Hintergrund erscheint ein Aufruf zum Protest
       gegen die geplante Rheinmetall-Produktionsstätte in Berlin.
       
       Antifaschistischer Widerstand meint für Sabbagh und Saul anscheinend auch
       Widerstand gegen Imperialismus, gegen Rassismus, Kolonialismus und gegen
       den Kapitalismus. Während der gesamten etwa einstündigen Performance läuft
       auf einem kleineren Bildschirm im Hintergrund ein infinite scroll, eine
       Dauerschleife von verschwommenen Tiktok-Videos.
       
       Lässt man sich auf die Vielstimmigkeit ein, entwickelt die Performance
       einen Sog und damit eine eigene Ästhetik. Die klaren, bühnengeschulten
       Stimmen der beiden Autor:innen komplementiert eine Mischung aus
       raunender Musik, eingespielten Stadtgeräuschen und den Originalaufnahmen
       von Baldwin, Bachmann, Brasch.
       
       Bachmann ist es auch, die einen beim Zuhören an die Literatur erinnert, an
       ihre Aufgabe im Widerstand, um die es bei dem Festival gehen soll. Mehrfach
       wird ihr berühmtes Zitat eingespielt, man könne nicht die ganze
       Gesellschaft beschreiben, aber man müsse eine radikale Sprache für sie
       finden. Die Performance zeigt, wie antifaschistische Kunst sich durch eine
       solche radikale Gegen-Sprache auszeichnet, egal, wann und wogegen sie
       Widerstand leistet. Dass sie nicht nur die Literaturwelt betrifft, sondern
       die konkrete Gegenwart der Stadt, daran muss man sich kurz erinnern, als
       die Lichter angehen und die Tür sich zur langsam dämmernden Straße öffnet.
       
       12 Jul 2026
       
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   DIR Jette Wiese
       
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