# taz.de -- Fußball in den USA: American Sommermaerchen
> Die WM löst in den USA große Begeisterung aus, Fußball ist inzwischen
> beliebter als Baseball. Was noch fehlt: der Platz im Alltag.
IMG Bild: WM-Begeisterung im Zentrum von New York
Als der englische Verbandstrainer Thomas Tuchel im Mai seinen WM-Kader
verkündete, ging sofort eine große Diskussion im ganzen Land los, ob die
nominierten 23 Fußballer wirklich ein gutes Team bilden können. Nicht nur
Fans ereiferten sich, nein die gesamte englische Bevölkerung nahm Anteil.
Ähnliches ließ sich in anderen Ländern beobachten, als die jeweiligen
Trainer ihre WM-Kader verkündeten. In Deutschland etwa erregte die
Nominierung Manuel Neuers große Teile der Öffentlichkeit.
Nichts Vergleichbares in den USA. Sieht man von der überschaubaren
Fußball-Community ab, stieß die Kadernominierung durch Mauricio Pochettino,
mit wem er die Heim-WM bestreiten möchte, überwiegend auf Schweigen. Die
amerikanische Sportöffentlichkeit war auf die Playoffs der NBA und NHL
fokussiert, und die Leidenschaft galt einzig der Frage, wer Basketball- und
Eishockeymeister werden konnte.
Am 7. Juni war ich zu einer Hochzeit in Philadelphia eingeladen. Am Tisch
der älteren Herren, wo ich saß, wussten die Hochzeitsgäste so gut wie
nichts von der Fußball-WM, die wenige Tage später beginnen sollte. Sport
jedoch spielte sehr wohl eine wichtige Rolle: Wir fachsimpelten über
Spieler und Teams in den NBA- und NHL-Finals. Am Nachbartisch jedoch, wo
die Männer saßen, die um die 30 Jahre alt waren, hörte ich andere
Gespräche: Ob die Niederlande [1][Cody Gakpo] nicht besser anders einsetzen
sollten als der FC Liverpool. Oder darüber, ob nicht Portugals Bruno
Fernandes angesichts eines alternden Cristiano Ronaldo einen offensiveren
Part übernehmen müsste als bei Manchester United.
Es ist eine Generationenfrage: Menschen, überwiegend Männer, die 30 Jahre
oder jünger sind, behandeln mittlerweile die Premier League wie eine
amerikanische Angelegenheit. Sie verfolgen den englischen Fußball genauso,
wie sie auch NBA und NHL aufmerksam betrachten oder die Footballer der NFL
oder die Baseballer der MLB.
## Fußball als Breitensport
Zwar gibt es den Fußball in den USA schon seit dem späten 19. Jahrhundert,
doch zu einem gesellschaftlich bedeutenden Phänomen wurde er erst in den
frühen 1970er Jahren. Da stieg er zum bevorzugten Mannschaftssport der
Mittel- und gehobenen Mittelschicht der Vororte auf. Der große Erfolg des
Frauenfußballs gehört zu diesem Phänomen. Fußball entwickelte sich zu einem
Breitensport, der betrieben wird wie Jogging, Radfahren oder auch Bowling.
Doch außer in der – freilich wachsenden – Latino-Community verfolgten nur
wenige Menschen den professionellen Fußball als Zuschauersport.
So etwa war die Situation 1994, als die Fifa mit ihrer Männer-WM die USA
einen Monat lang spektakulär in Beschlag nahm. Gemessen an Zuschauerzahlen,
Einnahmen und vielen anderen Kriterien war die 94er-WM ein Riesenerfolg.
Der wurde zwar nun, 32 Jahre später, von der aktuellen Weltmeisterschaft in
den Schatten gestellt, doch der Unterschied zwischen 1994 und 2026 ist
nicht primär quantitativ. Damals konnte Fußball in den USA kaum Wurzeln
bilden, mittlerweile ist er fest in der amerikanischen Kultur verankert.
Von den insgesamt 104 WM-Spielen, die in 16 Stadien, davon 11 in den USA,
ausgetragen wurden, waren alle ausverkauft. Die Spiele selbst waren, das
kann man jetzt schon bilanzieren, überwiegend sensationell, es gab
atemberaubende Tore und herausragende sportliche Leistungen. Doch
vermutlich war die gute Stimmung außerhalb der Stadien noch bedeutender als
die Spiele selbst. Die schottischen Fans schafften es, Boston, immerhin
eine der wichtigsten Brauereistädte Amerikas, im Wortsinne leer zu saufen –
es gab kein Bier mehr.
## Eiswürfelmaschinen auf jeder Hoteletage
Die beschauliche College-Stadt Lawrence in Kansas begrüßte das bei ihr
wohnende algerische Team auf Arabisch und Französisch. Die amerikanische
Öffentlichkeit empfing die Gäste sehr herzlich. Und die nach Amerika
gereisten Fans erwiderten diese Zuneigung, indem sie ihren Spaß an typisch
amerikanischem Alltag entdeckten: an riesigen Essensportionen im
Restaurant, am Würzen mit Ranch-Dressing, am kostenlosen Nachfüllen von
Gläsern, an Eiswürfelmaschinen auf jeder Hoteletage und an den
allgegenwärtigen Klimaanlagen.
Ich selbst habe selten eine so durchweg positive Stimmung erlebt wie
[2][beim Spiel Brasilien gegen Marokko] in New Jersey. Die Fans von
Brasilien und Marokko lachten und tanzten die ganze Zeit miteinander. Wohl
die Spitze solcher völkerverbindenden Gesten war vor dem Spiel Brasilien
gegen Schottland zu sehen: Mitglieder der Tartan Army warteten mit einer
herrlichen Dudelsack-Version von „The Girl From Ipanema“ auf. Von den
üblichen Feindseligkeiten des Fußballs war nichts zu spüren – nicht latent
und schon gar nicht manifest. Das mag auch daran gelegen haben, dass die
Spiele noch in der frühen Turnierphase stattfanden und dass die genannten
Teams keine „Erzfeinde“ sind. Bei Duellen zwischen England und Deutschland
oder zwischen Brasilien und Argentinien wäre es vermutlich anders gewesen.
Der Erfolg des Fußballs und seiner WM in Amerika wurde durch die enorme
Beliebtheit der US-Mannschaft verstärkt: Ihre Spiele brachen sämtliche
Einschaltquoten-Rekorde und übertrafen die Spitzenwerte von NBA, NHL und
MLB. Sie stießen sogar in die Sphären der NFL-Play-offs und
-Meisterschaftsspiele vor. Das Spiel der USA gegen Belgien verfolgten über
30 Millionen Zuschauer auf dem englischsprachigen und fast 20 Millionen auf
dem spanischsprachigen TV-Sender! Wäre die Mannschaft ins Viertelfinale
eingezogen, hätte man wohl Zuschauerzahlen wie beim Superbowl erreicht –
über 100 Millionen.
[3][Doch dann funkte Donald Trump dazwischen,] nahm Einfluss auf die Fifa,
damit der rotgesperrte Folarin Balogun spielen konnte – und ruinierte
alles. Trumps Aura ist geradezu teuflisch; alles, womit er in Berührung
kommt, wird verdorben. Balogun wurde in New York geboren, als Kind
nigerianischer Eltern, die in London lebten und Verwandte in Brooklyn
besuchten. Durch den Geburtsort wurde er US-Bürger. Balogun verkörpert also
einen Aspekt des amerikanischen Lebens, dessen Abschaffung auf Trumps
Agenda steht. Der Oberste Gerichtshof entschied jedoch anders und
bestätigte die im 14. Verfassungszusatz verankerte Regelung, wonach die
Staatsbürgerschaft automatisch durch die Geburt erworben wird. Die Richter
ebneten damit weiteren „Baloguns“ in den USA den Weg.
Wo steht der Fußball nun, nach diesem American Sommermaerchen? Es gibt zwar
Anzeichen, dass die Beliebtheit einiger der „Big Four“, wie man die vier
großen US-Profiligen nennt, stagniert. Die Popularität des Baseballs nimmt
bei jungen Menschen sogar ab, und tatsächlich hat Fußball, was den Wert der
Medienrechte angeht, Baseball bereits überholt. Gleichwohl wäre es absurd
zu glauben, dass Fußball irgendwann die Big Four, die vier festen Säulen
der amerikanischen Kultur, verdrängen könnte.
Vielmehr dürfte das Land mit seinen 350 Millionen Einwohnern, seiner
enormen ethnischen und geografischen Vielfalt und – nicht zu vergessen –
seiner Sportbesessenheit, dem Fußball einen Platz als Nummer fünf
einräumen. Die Major League Soccer (MLS) umfasst derzeit 30 Teams, ebenso
wie die NBA und die MLB; in NFL und NHL sind es je 32 Mannschaften. Die
Mindestsumme, die für den Kauf eines MLS-Clubs zu bezahlen ist, liegt bei
500 Millionen Dollar. Die MLS ist also mittlerweile eine feste Größe in der
amerikanischen Sportlandschaft. Sie ist eine ernstzunehmende Liga,
gekommen, um zu bleiben.
Niemand hat daran einen größeren Anteil als David Beckham, der 2007 die MLS
rettete. Und auch Lionel Messi ist zu nennen. Er hat spätestens bei dieser
WM bewiesen, dass ein Engagement in der MLS die fußballerischen Fähigkeiten
auf der ganz großen Bühne des Sports kein bisschen schmälern muss. Bei der
WM waren immerhin 45 MLS-Profis dabei. Was jetzt noch kommen muss, um ganz
fest Number five im US-Sport zu werden, ist die Verankerung des Fußballs in
der Alltagskultur: Die amerikanische Öffentlichkeit muss dahin kommen, sich
genauso für Verletzungen, Hobbys, Ernährungsgewohnheiten und Freundinnen
der männlichen Fußballer zu interessieren, wie sie es im Falle von
Baseball-, Basketball-, American-Football- oder Eishockeyprofis jetzt schon
tut. Diese WM war ein wichtiger Meilenstein, der Tag wird kommen.
Aus dem Englischen von Martin Krauss
16 Jul 2026
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## AUTOREN
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