# taz.de -- Bad in Schallwellen: Schwarze Messen für die Seele
> Die inneren Organe geraten in Schwingung bei Konzerten in Berlin. Sunn
> O))) zielt dabei auf die Magengrube, The Cure eher aufs Herz.
IMG Bild: Die Band Sunn O)))
Tief heruntergestimmte Gitarrenakkorde wabern extrem langsam durch die
Betonhalle des Kulturquartiers Silent Green, einer etwa 20 Meter unter der
Erde liegenden ehemaligen Leichenlagerhalle. Das vergangene Wochenende
begann bereits am Dienstag, die amerikanische Band Sunn O))) spielte in
Berlin-Wedding. Die beiden Gitarristen Greg Anderson und Stephen O’Malley,
die in Druidenkutten gehüllt waren und nur manchmal hinter dicken
Nebelschwaden zum Vorschein kamen, ließen die Erde durch sehr laute
Schallwellen erzittern. Die Akkorde durchdringen dabei die Körper des
begeisterten Publikums und versetzen durch ihre Kraft die inneren Organe
der Menschen in Schwingung, drücken sich langsam an Herz, Lunge, Leber und
Magengrube vorbei hinaus in den nächsten Menschen hinein.
Mindestens eine Person kann das nicht so gut vertragen: Er oder sie wird
vorsichtig von zwei Menschen links und rechts Richtung Ausgang
hinausbegleitet. Genau vor mir brechen der Person aber auch noch die Beine
ein, sie muss schließlich hinausgetragen werden. Von der Bühne ertönen
dramatische Rückkopplungen und Obertöne, nun ist der Schalldruckpegel
Dezibel sicher über 100, das Hosenbein flattert. Ich drehe mich wieder nach
vorne, vor mir tanzt eine Frau, sie lässt ihren Kopf und Arme kreisen, sie
badet in Schallwellen.
Nach dem Konzert draußen auf der Wiese beschreiben manche das tonale
Luftdruck-Erlebnis: P. sagt, dass es eine Art Klangskulptur im Raum ist,
konzeptuelle Kunst. G. sagt, dass es im Vergleich zu anderen Konzerten von
Sunn O))) willkürlich klang, orientierungslos, es gibt keinen Anker. E.
empfand es als hypnotisch, sein Nervensystem sei beruhigt wie nach einer
Meditation.
Am Freitagabend liegt mitten auf dem Martha-Ndumbe-Platz eine betrunkene
Frau auf dem Boden, sie schaut in den Himmel und ruft: „Bald wird etwas
geschehen. Das schwöre ich!“ Die im Kiez bekannte und schwarzgelockte
Hündin Jeannie – benannt nach dem Blondschopf-Flaschengeist, der
„Bezaubernden Jeannie“, einer US-amerikanischen Serie aus den 60er Jahren –
bellt, sie hat bei einem Busch einen Vogel gefunden, ausgestreckt mit dem
Schnabel nach oben und tot.
## Mit viel Kajal und schütterem Haar
Am Sonntag spielten The Cure ihr letztes von drei Berlin-Konzerten in der
Parkbühne an der Wuhlheide. Ausverkauft. Das erste Lied war „Plainsong“,
eines der düstersten und depressivsten ihrer Lieder. Neben mir saß Dr.
Markus Görres, der gerührt war, weil ihm dieses Lied besonders wichtig ist
und es ihn daran erinnert, wie lange ihn diese Band aus England schon
begleitet. Er sang laut mit. Insgesamt waren Zigtausende gut gelaunte
Menschen anwesend, manche jung, die meisten alt mit schütterem Haar [1][und
ausgeleierten Grufti-Tattoos.]
Immer wenn der Sänger Robert Smith zu seinen Liebes- und Weltschmerzliedern
ein wenig tanzte und mit den geschminkten Lippen grinste, jubelte das
Publikum ihn an. Seine Stimme ist unverkennbar und immer noch gut in
Schuss, und es war sehr ergreifend, als er bei dem Lied „A Forest“ zusammen
mit Eden, dem Sohn des eigentlichen Bassisten Simon Gallup, der kurzfristig
einspringen musste, um seinen Vater wegen Krankheit zu ersetzen, nah
beieinanderstand und die bittersüßen Melodien auf den Saiten zupfte. Sie
spielten viele Hits, auch „Pictures of You“, „In Between Days“, „Just Like
Heaven“, „Close To Me“ sowie viele weitere Lieder. Das letzte Lied war
„Boys Don’t Cry“. Lieder vom neusten Album spielten sie keine, Eden muss
wahrscheinlich noch üben. Schade. Die Sonne ging unter. Was bleibt, ist ein
Hoffnungsschimmer in ungewissen Zeiten, ein Anker, den die Band, die seit
fast 50 Jahren tourt, uns mitgibt. Fridays I'm in Love.
14 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Aleksandar Zivanovic
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