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       # taz.de -- Illustratorin über Empowerment: „Durch das Zeichnen gibt man dem Unrecht einen Namen“
       
       > Saliha Soylu gibt Workshops im Comiczeichnen für Menschen, die von
       > Diskriminierung betroffen sind. Das ist eine Form des Widerstands.
       
   IMG Bild: Abbild der Mehrheitsgesellschaft: Conni, Pixi-Buch-Mädchen aus einer Familie mit traditionellem Rollenbild
       
       taz: Frau Soylu, wie kann Zeichnen bei Diskriminierung helfen? 
       
       Saliha Soylu: Auf dreierlei Art und Weise. Zum einen für sich selbst. Durch
       das Zeichnen gibt man dem Unrecht einen Namen und ein Gesicht, was auch
       schon eine Form des Empowerments und des Widerstands ist. Auf einer zweiten
       Ebene wird es zugleich sichtbar gemacht. Also ich erhebe mich aus dieser
       Betroffenheit hin zu einer Aktion und sage: „Ich erzähle meine Geschichte,
       ich gebe mir eine Stimme, und ich mache das Unrecht damit auch für andere
       sichtbar.“ Und auf der dritten Ebene kann man so auch Empathie schaffen,
       denn die eigene Perspektive und Betroffenheit werden damit für andere
       nachvollziehbar.
       
       taz: Also ist Zeichnen ein Weg, diese Erfahrungen zu verarbeiten? 
       
       Soylu: Es muss gar nicht das Narrativ sein: „Ich bin betroffen und mir geht
       es so schlecht damit“. Das Zeichnen bietet vielmehr auch die Möglichkeit,
       die Erzählung zu verändern. Manchmal überlegt man sich hinterher: „Was
       hätte ich sagen können? Was hätte ich anders machen können?“ Beim
       Comiczeichnen zum Beispiel kann man das noch mal verändern, um sich
       Handlungsfähigkeit zu geben. Es kann aber auch eine Verbindung schaffen zu
       anderen Menschen, denen auch Ähnliches passiert, und die sich vielleicht
       inspiriert fühlen, beim nächsten Mal ebenfalls anders zu handeln.
       
       taz: Sie geben Workshops im Comiczeichnen für Menschen, die von
       Diskriminierungserfahrungen betroffen sind. Wieso braucht es diese Räume?
       
       Soylu: Weil Diskriminierungserfahrungen sehr müde machen und auch immer
       Gewalterfahrungen sind. Es ist [1][eine Art Erholungsraum], wenn man weiß,
       dass auch die anderen Menschen ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Dadurch
       weiß man, dass man sich nicht erklären muss, dass man man selbst sein kann
       – ohne, dass es herausgefordert wird, wie man es im Alltag leider oft
       erlebt.
       
       taz: Welche Lebensgeschichten möchten Sie abbilden? 
       
       Soylu: Vor allem die Geschichten, die mich beschäftigen. Und das sind nicht
       nur Dinge, die ich selbst erlebe oder erfahre, sondern auch Dinge, die
       Menschen mir erzählen oder die ich von anderen mitbekomme, die mich
       inspirieren oder beschäftigen. Geschichten, bei denen ich es für wichtig
       halte, sie sichtbar zu machen, weil die sonst ein bisschen unter den Tisch
       fallen oder eher im Hintergrund stattfinden. Eine Zeit lang hab ich mich
       sehr viel mit Biografien beschäftigt, mit Wurzeln, damit, wo die Menschen
       herkommen, wo ich selbst herkomme und wie das in unserem Leben zum Ausdruck
       kommt.
       
       taz: Und heute? 
       
       Soylu: Inzwischen denke ich, unsere Gesellschaft bringt so viele
       Perspektiven mit sich, dass es mir ein Anliegen ist, diese Vielfalt einfach
       sichtbar zu machen. [2][Wir sind nicht alle „Conni“], und es ist so
       spannend, was die unterschiedlichsten Menschen dazu beitragen, dass unsere
       Gesellschaft funktioniert. Genau das sind die Momente, die ich versuche,
       festzuhalten, um zu zeigen: Im Grunde ist das unsere ganz normale
       Lebensrealität. Das sind meistens keine aufregenden Abenteuergeschichten,
       aber das, was wir im Alltag erleben, wird oft übersehen.
       
       taz: Sind Ihre Kinderbücher der Versuch, dazu beizutragen, dass Kinder
       vorurteilsfreier denken und aufwachsen? 
       
       Soylu: Bis zu einem gewissen Grad, ja. Wenn ich versuche, [3][Diversität]
       abzubilden, ist da auch der Gedanke, dass dies eigentlich unsere Normalität
       sein sollte. Gleichzeitig möchte ich keinen erhobenen Zeigefinger in meine
       Bücher einbauen, sondern einfach, dass es Spaß macht, die Geschichten zu
       lesen und die Bilder anzugucken.
       
       16 Jul 2026
       
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