# taz.de -- Fußballerausbildung beim DFB: Spieler wollen vor allem spielen
> Um Deutschlands Nachwuchsfußball wirklich wieder voranzubringen, braucht
> es mehr als die jüngste Reform – ein Kulturwandel wäre nicht schlecht.
IMG Bild: Siegen ist super – und noch besser, wenn man auch Einsatzzeit hatte: U19 des VfB Stuttgart feiert den Pokalgewinn im Jugendfußball
„Wir dürfen die Kinder nicht in Watte packen und sagen: Gewinnen ist nicht
wichtig, wir müssen einfach nur die bessere Technik haben.“ Sagt Sami
Khedira aus der deutschen Weltmeisterelf von 2014.
Was Khedira damit meint, kann man nur erahnen. Hoffentlich nicht das, was
[1][Aki Watzke] 2025 behauptete. Der Liga-Präsident der Deutschen
Fußballliga DFL und Vize-Präsident des DFB kritisierte die [2][vom eigenen
Verband betriebene Reform des Kinderfußballs] populistisch zugespitzt:
Diese würde das Toreschießen und Gewinnen untersagen, behauptete er. Dies
sei „unfassbar“ und „nicht nachvollziehbar“.
Watzke ist Bundeskanzler Friedrich Merz freundschaftlich verbunden und
seine Kritik sollte die Erzählung von der [3][nachlassenden
Leistungsbereitschaft der Gesellschaft] unterfüttern – das Publikum war ein
Unternehmertag. Aber er erzählte Unsinn. Der Fußball-Funktionär hatte die
vom DFB-Bundestag nach einer mehrjährigen Pilotphase einstimmig
verabschiedete Reform offenbar nie wirklich studiert. Die ist eine sehr
sinnvolle Reform, bei der weiterhin Tore geschossen werden und es auch
weiterhin Sieger und Verlierer gibt. Sie garantiert den jungen Kickern aber
vor allem aber eines: mehr Ballkontakte als vorher.
Einer der Väter der Reform war Hannes Wolf, ein Trainer, der einst auf der
Lohnliste von Watzkes BVB gestanden hatte – auf ausdrücklichen Wunsch von
Jürgen Klopp.
## Einkaufen statt ausbilden
Diese Geschichte erzählt ein bisschen darüber, mit welcher Ernsthaftigkeit
Debatten über eine Reform der Fußballausbildung auf der Regierungsebene des
deutschen Fußballs geführt werden. Und gehörte Watzkes BVB nicht auch zu
den Vereinen, die bis dahin viel Scouting und weniger Ausbildung betrieben?
Bei der Spielersuche bediente man sich gerne in den [4][Leistungszentren
anderer Profiklubs oder in den Ausbildungsstätten von Vereinen aus Ländern,
wo die Ausbildung besser läuft].
Zurück zu Khedira: Die Jahrgänge, die bei den WM-Turnieren 2018, 2022 und
nun 2026 scheiterten, gehören nicht zu den Opfern des neuen Kinder- und
Jugendfußballs. Ihre Ausbildung unterschied sich nicht groß von der eines
Khedira. Und schon dessen Generation sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, ihr
würde es an Härte und deutschen Tugenden mangeln.
Khedira und Co. waren Kinder der Nachwuchsleistungszentren, die 2001 für
die Bundesliga und 2002 für die 2. Bundesliga offiziell eingeführt wurden,
deren Ausbildungsinhalte aber seit einigen Jahren in der Kritik stehen.
Aber 2014 wurden diese noch als entscheidender Beitrag zum deutschen
WM-Triumph gepriesen. Was also ist passiert?
## Mischmasch aus Tradition und Moderne
In den Jahren seit 2006 galt der FC Barcelona als stilbildend, insbesondere
nachdem Pep Guardiola dort als Trainer übernahm. Barca-Fußball hieß:
individuell kurze Ballhaltezeiten, gleichzeitig den Gegner mit eigenem
Ballbesitz müde spielen. Des Weiteren: Zweikämpfe vermeiden, erst recht,
wenn der Gegner physisch überlegen ist. Erfolgreich war Barca aber auch,
weil man mit [5][Messi einen Spieler besaß, der aus dem Pass-Modus
herausbrechen konnte und zu Dribblings] ansetzte.
In den Coaching-Zonen des deutschen Nachwuchsfußballs vermischte sich nun
in ungesunder Weise eine traditionelle mit einer modernen Attitüde: „Hör
auf zu dribbeln, gib den Ball ab!“, bekam der Nachwuchsspieler bereits in
den 1960ern zu hören. Der Fummler als Problemkind ist alte deutsche
Fußballdenke, aber nun war die Anweisung wieder modern. Des Weiteren
widmete man sich den taktischen Defiziten des deutschen Fußballs.
## Ausbilder vs. Titeltrainer
In der Fußballausbildung haben wir es immer wieder mit Pendelbewegungen zu
tun: Man erkennt Defizite im Passspiel oder in der Taktik und versucht,
diese abzustellen. Häufig auf Kosten anderer Aspekte, wodurch nach einiger
Zeit neue Defizite aufploppen. So verhält es sich auch mit dem Verhältnis
von Passspiel zu Dribbling. 2019 sagte der damalige Bundestrainer Jogi Löw:
„Wir müssen den 13-, 14-Jährigen wieder mehr Freiheiten auf dem Platz
geben, sie laufen lassen und sie dabei unterstützen, wenn sie ins Dribbling
Eins-gegen-eins gehen wollen“, jahrelang seien die jungen Spieler dazu
verdonnert worden, den Pass zu spielen. „Wir brauchen auch in Deutschland
Spieler wie Sancho und [6][Dembélé]“, forderte Löw. „2004 habe ich mich
gewundert, wie schlecht unsere jungen Spieler teilweise im Passspiel
ausgebildet sind.“ In den Jahren danach sei viel Wert auf die Verbesserung
gelegt worden – mit dem Ergebnis, dass „wir nur darauf schauen, dass das
Passspiel stimmt und gute Ergebnisse im U-Bereich herauskommen“.
Eine starke Konzentration auf Ergebnisfußball bereits in den unteren
Altersklassen hat dazu geführt, dass Trainer hier gerne auf physisch starke
und frühreife Spieler setzen, die ein gutes Ergebnis versprechen – auf
Kosten von Spielern, die körperlich noch etwas „schwach“ sind, aber
perspektivisch betrachtet vielleicht die besseren.
„Kombiniere ich eine zynische Spielweise mit Körperlichkeit, steigt meine
Siegchance stark an“, sagt Thomas Broich, seit 2024 Sportlicher Leiter des
Leistungszentrums von Borussia Dortmund, und verweist mit Recht darauf,
dass es einen Unterschied zwischen Ergebnisdenken und Siegeswillen gibt:
„Ergebnisdenken findet sich oft aufseiten der Trainer, Siegeswillen bei den
Kindern.“ Negativ verstärkend wirkt ein überdifferenziertes Ligensystem in
den Altersklassen U13 und U15, das dazu führt, dass die Leistung des
Trainers primär anhand von Aufstiegen und Titel bewertet wird. Was der
Trainer natürlich spürt: Er wird vom Ausbilder zum Titeltrainer.
## Spieler wollen spielen
Reformen seien „bitter nötig“, schreibt Benni Hofmann, Head of Content
Strategie beim Fußballmagazin Kicker. Die neue U-21-Liga könne hier nur
„ein erster Schritt“ sein. Tatsächlich ist beim DFB schon einiges passiert,
beispielsweise wurden die U19- und U17-Bundesligen abgeschafft. Die
[7][neue U21-Liga] („Bundesliga Talent Series“) mag die Einsatzzeiten
einzelner Spieler erhöhen. Aber stärkt diese Liga auch deren Resilienz?
Erwachsenenfußball ist etwas anderes als Jugendfußball. Im Jugendfußball
spielt man in der Regel gegen Gleichaltrige. Auch im Training misst man
sich nur mit Altersgenossen. Der junge Seniorenfußballer sieht sich dann
Spielern gegenüber, die einige Jahre älter sind, erfahrener, abgezockter,
physisch stärker. Deshalb sind die Übergangsmannschaften U21/U23 so
wichtig. Vorausgesetzt, diese messen sich nicht wieder ausschließlich mit
Gleichaltrigen.
Ideale Ligen für den Übergang sind eine starke Oberliga und die
Regionalligen, für die 3. Liga gilt dies nur bedingt. Man kann auch darüber
nachdenken, bereits den älteren Jahrgang der Altersklasse U19 geschlossen
in die U21/U23 zu schicken.
Die neue „Bundesliga Talent Series“ ist für Spieler der Altersklassen U17
bis U23 gedacht. Das bedeutet: Ein 21-Jähriger, der bei den Profis nur die
Bank drückt, bekommt nun zwar Einsätze, spielt dann aber auch gegen 16- und
17-Jährige. Letzteren wird das Kräftemessen mit dem älteren Spieler etwas
bringen, dem 21-Jährigen hingegen nichts.
Das Problem, dass hierzulande junge Spieler zu wenig Einsatzzeiten
bekommen, hat viele Gründe. Wenn ein Verein sein Leistungszentrum wie eine
Alibi-Veranstaltung behandelt, [8][auf Entwicklung und Nachhaltigkeit
angelegte Konzepte] beim ersten Gegenwind zugunsten des kurzfristigen
Erfolgs auf der Müllhalde landen, dann wird auch diese neue Liga wenig
verändern.
Vermutlich wäre es sinnvoll, mal grundsätzlich über die Strukturen im
Fußball nachzudenken, wo auf unterschiedlichen Ebenen Blockaden existieren,
die Entwicklung und Nachhaltigkeit erschweren. Warum halten Klubs häufig
ihre eigenen Versprechen nicht ein?
Ein Kollege schreibt mir: „Vieles von dem, was gute Nachwuchsarbeit
ausmacht, ist bekannt. Aber das System übersetzt dieses Wissen schlecht in
Strukturen, Anreize, Auswahlentscheidungen, Trainerbildung und
Übergangspfade. Es verwechselt Status mit Kompetenz, Zertifikate mit
Qualität, Kontrolle mit Entwicklung und Reformkommunikation mit
Kulturwandel.“
13 Jul 2026
## LINKS
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DIR [7] https://www.bundesliga-gruppe.de/aktuelles/offizieller-start-der-bundesliga-talent-series-neuer-u21-wettbewerb-geht-mit-26-clubs-in-die-premieren-saison/
DIR [8] /Portugiesische-Nachwuchsfussballer/!5976500
## AUTOREN
DIR Dietrich Schulze-Marmeling
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