# taz.de -- KI und Journalismus: Von nun an ohne Stützräder
> Für junge Menschen ist künstliche Intelligenz Alltag, ob sie wollen oder
> nicht. Doch es wächst Skepsis. Zwei Nachwuchsjournalist*innen
> berichten.
IMG Bild: Helm auf und weg mit den Stützrädern: Schreiben ist nicht wie Fahrradfahren, ungeübt verlernt es sich schnell
Ekko Finschow, 18 Jahre, Schüler aus Düsseldorf
Vor Kurzem habe ich eine Werbung auf Youtube gesehen, die behauptete:
„Menschen, die uns ablehnen, bleiben zurück. Wir bauen die Zukunft.“
Beworben wurde eine KI-Plattform für Wirtschaftsmarketing, die in der
KI-Nutzung die Zukunft sah. Ich wiederum versuche auf die Nutzung von KI zu
verzichten, spüre aber genau diese Angst davor, zurückzubleiben.
Täglich sehe ich, wie meine Klassenkameraden eine Projektaufgabe, in die
ich Stunden an Mühe gesteckt habe, innerhalb von Sekunden generieren
lassen. Es scheint niemanden zu scheren, dass wir einen generierten Text
nicht von einem menschlichen Schriftstück unterscheiden können. Und ich
frage mich, ob ich in der zukünftigen Arbeitswelt noch Platz haben werde,
wenn ich mich nicht mit KI beschäftigen möchte.
Nahe meinem Schulwechsel um 2024, als der KI-Chatbot ChatGPT immer
bekannter wurde, schaute ich zuerst gar nicht hin. Ich verweigerte jeden
Kontakt. Ich sagte mir selbst, dass es nicht sein könne, dass Menschen
tatsächlich lieber einen Text von einem Algorithmus generieren, anstatt von
einem Menschen schreiben zu lassen. In den vergangenen zwei Jahren konnte
ich die Auseinandersetzung mit KI effektiv vermeiden: Ich habe noch nie
einen Prompt in ChatGPT eingegeben, hinter meinen Google-Anfragen setze ich
das „Minus-AI“ und ich habe mein Bestes gegeben, meine Klassenkameraden zu
kritisieren, wenn sie mir ein KI-generiertes Video unserer Lehrer zeigten.
Täglich treffe ich die Entscheidung, Nein zu KI zu sagen, da ich mir der
Umweltschäden von KI bewusst bin und nicht möchte, dass meine Daten an
Drittkonzerne weiterverkauft werden. In letzter Zeit wird mir aber die
Nutzung von KI geradezu gewaltsam eingetrichtert. KI-DJ auf Spotify
gefällig? Oder lieber ein KI-generiertes Logo? Es kam so weit, dass meine
Lehrer mir als Arbeitsmaterial eine KI vorgaben. Mir wurde klar, dass ich
das Thema nicht länger ignorieren konnte.
## Journalismus lebt von Erfahrungen
Meine Klassenkameraden haben hingegen kein schlechtes Gewissen, meiner
Deutschlehrerin einen KI-Text vorzulegen. Auch Content Creator haben
keinerlei Bedenken, ihr gesamtes Skript per „Chatty“ generieren zu lassen.
Und so manche Journalisten sehen ebenfalls kein Problem dabei, sich ihre
Recherche von Meta AI zusammenstellen zu lassen.
Dabei lebt Journalismus doch von echten Erfahrungen, von Menschen, die aus
ihrem eigenen Blickwinkel berichten. Neue Blickwinkel produziert KI
allerdings nicht, stattdessen schmeißt es Tausende bereits vorhandene zu
einem Haufen zusammen und verkauft das als vermeintlich neutrale
Perspektive. Auch die Fähigkeit, sich und das eigene Denken zu
hinterfragen, fehlt. Denn KI ist weder ein Wesen, noch hat es eins. Daher
übernimmt KI genauso menschliche Vorurteile, sogenannte Biases.
Bei all der Kritik: KI steht trotzdem beispielhaft für den Fortschritt der
Menschheit. Ein Fortschritt, dem wir uns nicht verweigern können, selbst
wenn wir wollten. Aber wir stehen vor einem ethischen Abgrund. Würde KI
weder Dürren provozieren noch Hirnzellen frittieren oder unseren Bezug zur
Realität kappen, könnte es unser Ticket in eine glänzende Zukunft sein.
Verschiedene Modelle können unterstützend wirken, in dem sie Datenanalysen
vereinfachen, das Durchsuchen von Archiven verkürzen und uns monotone
Aufgaben abnehmen.
Aber wie können wir – gerade als Journalisten – eine menschliche Zukunft
bewahren, eine verantwortungsvolle KI-Nutzung garantieren, aber uns
gleichzeitig im Wettbewerb nicht abhängen lassen? Zukünftig könnte KI
lästige Bürokratie übernehmen, und damit, wie die Werbung auf Youtube es
predigt: Teil der Zukunft sein. Denn sie spart Zeit – Zeit, die uns
Menschen bleibt, um diese Zukunft zu gestalten.
Marleen Schmitz, 20 Jahre, Schülerin aus Düsseldorf
ChatGPT, Claude und Co sollen uns besser, effizienter und schneller machen.
Doch KI macht vor allem eins: bequem. Zumindest mich. Als ich begann, meine
Arbeit Stück für Stück von ChatGPT optimieren zu lassen, hatte ich die
Hoffnung, meine Texte und meinen Stil zu perfektionieren. Dass ich mich
dabei selbst wegoptimierte, bemerkte ich erst viel zu spät.
Anfangs ließ ich meine Texte nur auf Rechtschreibung überprüfen –
eigentlich harmlos, dachte ich. Doch schnell ließ ich diese wortgewandte,
praktische Maschine auch meinen Stil optimieren und irgendwann sogar ganze
Strukturen vorgeben. Dass KI mir nicht nur meinen Text vorkaute, sondern
auch an meiner Gehirnmasse nagte, begriff ich erst Wochen später im
Deutschunterricht. Analysen, die mir sonst ohne Probleme gelangen, wurden
zum Hindernis. Ich starrte auf die Aufgabenstellung auf meinem Blatt, doch
es kam keine zündende Idee. Also griff ich, wie viele meiner Mitschüler,
mitten im Unterricht zu ChatGPT.
## Wie verlerntes Fahrradfahren
Ich, die in der ersten Reihe des Sprach- und Literatur-Bildungsganges saß,
war unfähig geworden zu schreiben. Egal ob Sachtextanalyse, Kommentar oder
Gedicht. Ich hatte das Gefühl, das Schreiben verlernt zu haben und meine
Kreativität an OpenAI abgegeben zu haben. Es war, als hätte man mir auf
mein literarisches Rennrad Stützräder montiert und sie nach drei Wochen
Probefahren ohne Vorwarnung abgerissen. ChatGPT hatte mich dazu gebracht,
„unverlernbare“ Fähigkeiten wie kritisches Denken und kreatives Schreiben
zu verlernen. Ich fühlte mich dämlich und verraten – von mir selbst und der
Gesellschaft.
Und so beschloss ich, mich mit Knieschonern und Helm auszurüsten und wieder
Rennrad fahren zu lernen. Als Knieschoner dienten mir mein neu gefundener
Wille, endlich hinzusehen. Und als Helm suchte ich mir meinen
Literaturunterricht aus. Mein erster Handlungsschritt war es, wieder selbst
zu denken, kritisch und kreativ zu sein. Ich wollte weder künstliche
Intelligenz befragen, noch das Internet für Inspiration nutzen. Die
anfängliche Leere in meinem Kopf auszuhalten war hart, nicht zur KI zu
greifen noch viel herausfordernder. Aber zu merken, wie ich langsam wieder
selbst planen, schreiben und kreativ sein konnte, erfüllte mich. Und es
half mir dabei, künstliche Intelligenz – mit einigen Unterbrechungen –
größtenteils aus meinem Alltag zu verbannen.
14 Jul 2026
## AUTOREN
DIR Ekko Finschow
DIR Marleen Schmitz
## TAGS
DIR KI und Journalismus
DIR Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
DIR Journalismus
DIR Schule
DIR Big Tech
DIR KI und Journalismus
DIR KI und Journalismus
DIR KI und Journalismus
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Report zu offenen KI-Modellen: Vorsprung von OpenAI & Co. schwindet
Das Wettrennen um KI ist mit großen Hoffnungen aufgeladen. Jetzt zeigt ein
neuer Report die Potenziale offener Modelle.
DIR KI-Erkennungssoftware: Die Grenzen der Detektoren
Für die Erkennung KI-generierter Texte werden zunehmend Programme wie
„Pangram“ eingesetzt. Doch wie verlässlich sind diese Detektoren überhaupt?
DIR KI und Journalismus: Selbst schuld
Künstliche Intelligenz trifft den Journalismus wie das E-Auto den
Verbrenner. Nur: Ein Tankrabatt wird nicht ausreichen, um die Branche zu
retten.
DIR KI und die neuen Grenzen im Journalismus: Der nötige Spritzer Selbstkritik
Wenn Texte heimlich von der KI geschrieben werden, gerät das Vertrauen in
den Journalismus in Gefahr. Der Fall „Tagesspiegel“ öffnet eine Debatte.