# taz.de -- Kritik an palästinensischer DJ: Zwischen Bass und Bekenntnis
> Ein offener Brief fordert, die DJ Sama' Abdulhadi vom Hamburger
> Habitat-Festival auszuladen – wegen eines Posts zum 7. Oktober. Kritiker
> sehen Repression.
IMG Bild: Worum es im Streit nicht geht: So legt Sama’ Abdulhadi als DJ auf
Selbst gezimmerte Bühnen, Techno aus aller Welt, untermalt von bunten
Lichtern im Kunstnebel. Ein Raum für kollektive Weltflucht möchte das
Elektro-Festival Habitat in Hamburg sein und ist damit in diesem Jahr
bereits vor seinem Beginn gescheitert.
Denn schon Wochen bevor das Festival am Samstag losgeht, ist eine Debatte
um den geplanten Auftritt einer Künstlerin entbrannt. Es geht um die wohl
bekannteste palästinensische Techno-DJ Sama' Abdulhadi. Sie hat sich
bereits vor zwei Jahren, am ersten Jahrestag des 7. Oktober, zu dem Angriff
der [1][Hamas auf Israel] geäußert und damit eine Welle der Empörung
losgetreten. Jetzt fordert ein offener Brief, ihren geplanten Auftritt auf
dem Habitat-Festival an diesem Wochenende abzusagen.
Die Veranstalter des Festivals schreiben der taz, zwar nähmen sie die mit
dem Auftritt verbundenen Sorgen ernst, hätten sich aber bewusst dazu
entschieden Abdulhadi auftreten zu lassen. Als internationales Festival
müsse man unterschiedlichen Perspektiven Raum bieten und habe sowohl
palästinensische als auch israelische Künstler:innen eingeladen.
Weiter heißt es: „Wir finden es allgemein wichtig, dass auch
palästinensische Künstler:innen in Deutschland stattfinden können, was
aktuell leider kaum der Fall ist.“ Außerdem handele es sich um ein DJ-Set.
Raum für politische Beiträge gäbe es nicht.
## Identifikationsfigur für junge Palästinenserinnen
Abdulhadi wurde 1990 in Jordanien geboren, wohin ihre Familie aus
[2][Ramallah] in der West-Bank (Palästina) deportiert worden war, wegen des
Hungerstreiks ihrer Großmutter. 1993 durften sie zurückkehren. Als
Abdulhadi 13 Jahre alt war besetzten Israels Streitkräfte (IDF) ihren
Appartementblock in Ramallah und sie musste sich drei Tage auf dem
Dachboden verstecken.
Durch ihr Sound-Design-Studium kam sie zum Techno, ihr großer Durchbruch
war ein Set für den international bekannten Online-Broadcast Boiler-Room.
Schon seit Beginn ihrer Karriere äußert sie sich zum
Israel-Palästina-Konflikt und besonders für junge Palästinenserinnen wurde
sie so zu einer Identifikationsfigur.
Ein Jahr nach dem Hamas geführten Angriff am 7. Oktober 2023, bei dem
[3][in Israel rund 1.200 Menschen getötet und etliche vergewaltigt und
entführt] worden waren, schrieb Abdulhadi auf Instagram: „Vor einem Jahr
und nach mehr als sieben Jahren der brutalen militärischen Besetzung hat
der palästinensische Widerstand den Kampf ‚Toufan al-Aqsa‘ ausgefochten,
der die Aufmerksamkeit der Welt auf die Notlage der Palästinenser gelenkt
hat.“
## Offener Brief fordert Absage
Kritiker warfen ihr vor, den Angriff der Hamas als legitimen
Widerstandskampf gegen die israelische Unterdrückung der
Palästinenser:innen zu werten. Außerdem kritisierten sie, sie
wiederhole den von der Hamas geprägten Begriff für den Angriff „Toufan
al-Aqsa“ zu unkritisch. Sie forderten von ihr, sich von der Hamas und den
Morden und Vergewaltigungen zu distanzieren.
Ein parteiübergreifendes Bündnis von Hamburger:innen verlangt deshalb
in einem offenen Brief mit dem absolut formulierten Titel „Protest gegen
Techno-Antisemitin – Israelhasserin von HH-Musikfest ausladen“, ihren
Auftritt auf dem Habitat-Festival abzusagen.
Unterzeichner:innen sind die ehemalige Hamburger Verfassungsrichterin
Carola von Paczensky, Vertreter der Migrant:innen im ZDF-Fernsehrat,
CDU-Mitglied Ali Toprak und Armin Abiel Levy, Vorsitzender des Hamburger
Vereins Jüdische Union.
## Kritik von der Antisemitismus-Beauftragten
Auch die Hamburger [4][Antisemitismus-Beauftragte Anna von Villiez] sagte
der taz, sie halte es für problematisch, dass das Massaker vom 7. Oktober
2023 als Befreiungskampf verklärt würde. Weiter mahnt sie: „Der
systematische Einsatz schwerer sexualisierter Gewalt und der Mord an
Hunderten Menschen sind keine Form des Widerstands, sondern ein Verbrechen
– diese Umdeutung verhöhnt die Opfer und ihre Angehörigen.“ Auch sie habe
die Veranstalter des Habitat-Festivals aufgefordert, den Auftritt von
Abdulhadi abzusagen.
Andere Stimmen hingegen werten den offenen Brief und die Forderung der
Antisemitismus-Beauftragten von Vielliez als systematischen Versuch,
palästinensische Stimmen mundtot zu machen. Ein Sprecher des European Legal
Support Center (ELSC), das kostenfreie Rechtsberatung für Menschen und
Organisationen anbietet, die sich für Palästina einsetzen, sagte der taz:
„Sama' Abdulhadi als Sprachrohr einer Islamisten-Miliz zu bezeichnen, ist
schlichtweg absurd.“ Zudem seien die aus dem Zusammenhang gerissenen
Formulierungen, die Sama‘ Abdulhadi vorgeworfen würden, außerhalb
Deutschlands normaler Sprachgebrauch und würden keine Auftrittsverbote nach
sich ziehen.
Das ELSC sammelt in einer Datenbank mit dem Namen [5][„Index of
Repression“] Fälle, in denen zum Beispiel propalästinensische
Künstler:innen von Veranstaltungen ausgeschlossen wurden. Insgesamt
1.122 solcher Fälle zählte die Organisation seit 2019 in Deutschland.
„Tatsächlich stellen Denunziationen bzw. Diffamierungskampagnen die am
häufigsten aufkommende Kategorie antipalästinensischer Repression in
unserer Datenbank zu Deutschland dar“, so der Sprecher.
## Auch andere Auftritte abgesagt
Abdulhadi sollte zu Beginn des Jahres bereits auf dem australischen
Festival WOMADelaide spielen. Nach mehreren offenen Briefen unter anderem
an die australische Regierung und das Festival, sagte zwar der Veranstalter
ihren Auftritt nicht ab, sie bekam aber kein Visum für Australien. Auch ein
geplanter Auftritt Abdulhadis im Berliner Club „Gretchen“ wurde im April
nach Kritik abgesagt.
Stimmen aus dem Palästina-solidarischen Teil der Hamburger Technoszene
finden, in Hamburg messe man mit zweierlei Maß: Während eine
palästinensische DJ von der Bühne verbannt werden solle, werde eine
israelische Künstlerin auf dieser unkritisch gefeiert. Gemeint ist die
Musikerin Noga Erez, die im August auf dem Hamburger Dockville-Festival
spielen soll. Das Dockville und das Habitat-Festival werden vom selben
Veranstalter organisiert.
Noga Erez wuchs in Israel auf, wurde mit 18 von den israelischen
Streitkräften (IDF) eingezogen und diente bis 2011 in der Militär-Band.
Erez äußerte sich im Jahr 2021 zunächst positiv zu [6][Künstler:innen, die
Israel boykottierten], ruderte aber nach Kritik aus ihrem Heimatland zurück
und sagte in einem Interview mit der Times of Israel: „Ich liebe Israel und
unterstütze keine Form des Boykotts meiner Leute oder meines Landes.“
Der Veranstalter des Dockville-Festivals schreibt der taz, bei Noga Erez'
Konzert auf dem Dockville handele es sich um einen sehr viel größeren
Auftritt als beim Habitat, bei dem es dann auch die Möglichkeit für
politische Ansagen geben werde.
Sama‘ Abdulhadis Management reagierte nicht auf taz-Anfragen.
Hinweis: In einer früheren Fassung stand, der Hamburger Verein „Jüdische
Union“ sei Teil der CDU, wir haben den Fehler korrigiert.
15 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Hamas-Angriff-auf-Israel/!5962347
DIR [2] /Siedlerterror-im-Westjordanland/!6179544
DIR [3] /7-Oktober---ein-Jahr-danach/!6034819
DIR [4] /Nach-langem-Streit-in-Hamburg/!6192343
DIR [5] https://www.index-of-repression.org/de/platform
DIR [6] /-BDS-Bewegung-wird-20/!6095994
## AUTOREN
DIR Nele Rebentisch
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